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Praxis der Unbildung Elternsprechtag an der Uni

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Eltern bekommen Tobsuchtanfälle


Bildungsinteressierte Eltern, die zunehmend ihre Zöglinge als Projekte betrachten, haben aufgrund des ihnen bekannten schleichenden Scheiterns der Bildungsreformen in den Schulen längst das Heft in die Hand genommen. Sie üben nicht nur Druck auf die Lehrer aus sondern versuchen dies fortan auch an den Hochschulen. Nicht nur den Eltern, auch den Hochschulen selbst scheint nichts mehr peinlich zu sein.

Der Opportunismus hat Einzug in die Hochschulen gehalten. Präsentationen und Erstsemesterveranstaltungen für und mit Eltern sind keine Seltenheit mehr. Ganz im Gegenteil scheinen verschiedene Hochschulen hier ein bedeutendes Klientel erspäht zu haben, dessen Gunst man durch speziell für Eltern eingerichtete Veranstaltungen pressewirksam ergattern möchte. Elternabende gibt es schon, von Elternsprechtagen dürften wir nicht mehr weit entfernt sein. 

„Das war nicht abgemacht“

Entsprechend angepasst sind die neuen Studenten. Man könnte in einer Vorlesung das genaue Gegenteil von dem behaupten, was man tags zuvor vorgetragen hat, sicher würde dennoch alles brav mitgeschrieben. Die in vielen Fachbereichen minuziös vorgegebenen Modulveranstaltungen werden „abgehakt“,  „möglichst schnell durch“ scheint dann auch die Devise der Studierenden zu sein. In mündlichen Abschlussprüfungen werden die zu prüfenden Themenbereiche dem Prüfenden in einem Handout bis ins kleinste Detail vorgegeben. Abweichungen davon sind rechtlich relevante Einspruchsgründe gegen die Prüfung. „Diese Frage war nicht abgemacht“ ist eine der häufigen Antworten, falls einmal ein Prüfer sich zu einer nicht auf dem Handout stehenden Frage hinreißen lässt.

Bei Examensprüfungen wird indirekter Druck auf die Prüfenden ausgeübt, indem sich auf dem Flur diverse Eltern tummeln, Tendenz stark zunehmend. Diese Methode ist nun keineswegs erfolglos, denn auch an den Hochschulen hat ein Notendumping bisher nie bekannten Ausmaßes in den letzten Jahren eingesetzt, wenn man mal von Jura absieht. Bei der Vergabe der Note „gut“ in Examensprüfungen bekommen viele der Prüflinge Tobsuchtsanfälle und ihre Eltern gleich mit. Der Prüfende sieht sich in diesem Fall nicht selten mit offenen verbalen Attacken konfrontiert.

Das sind die besten deutschen Unis
Rang 1: Universität von Oxford Quelle: Creative Commons/Bill Tyne
Platz zehn: Uni Bonn Quelle: Universität Bonn, Dr. Thomas Mauersberg
Platz neun: Universität in Tübingen Quelle: dpa
Platz acht: Technische Uni Berlin Quelle: dpa
Platz sieben: Freie Universität Berlin Quelle: dpa/dpaweb
Platz sechs: Universität Freiburg Quelle: dpa/dpaweb
Platz fünf: Rheinisch-Westfaelische Technische Hochschule (RWTH) Aachen Quelle: dpa

„Freshman“ und „helicopter parents“ in den USA

Kritik an dieser Entwicklung wird abgetan mit dem Hinweis, dass diese Entwicklung längst im angloamerikanischen Raum eine Selbstverständlichkeit sei. Darauf ließe sich nun zuerst einmal die Frage stellen: Müssen wir denn alle Fehlentwicklungen von dort übernehmen? Die Antwort darauf ist klar und einfach: Nein, das müssen wir nicht! Zudem kann man festhalten, dass alle Reformen seit PISA und Bologna keinerlei Einfluss auf das amerikanische Bildungssystem gehabt haben. Nicht nur für die Amerikaner sind Pisa und Bologna ausschließlich zwei schöne Städte in Italien.

Interessant ist aber auch die Frage, ob die derzeitige Entwicklung mit den „Helikopter-Eltern“ denn in den USA tatsächlich in gleicher Weise zu beobachten ist. Und da kommen einem dann doch erhebliche Zweifel. Als Gastprofessor in den USA stellt man relativ schnell fest, dass die als „Freshman“ bezeichneten meist auch siebzehnjährigen Absolventen der High Schools durchaus ähnlich strukturiert sind wie ihre Altersgenossen hier in Deutschland, auch zum Leidwesen der Lehrenden. Tatsächlich gibt es Präsentationstage für Eltern und ihre Zöglinge insbesondere an den beliebten und im Ranking oben stehenden Colleges, da die helicopter parents natürlich sehen wollen, ob die durchschnittlich 15.000 Dollar pro Semester (Princeton ca. 26.000 Dollar pro Semester) denn auch gut angelegt sind.

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