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Schulschließungen wegen Coronavirus Diese Start-ups könnten jetzt den Unterricht retten

So könnte es gehen: Eine Schülerin nutzt die bayerische Lernplattform 

Digitale Lernplattformen erleben derzeit einen Nutzeransturm. Wegen Corona verteilen sie kostenlose Zugänge an geschlossene Schulen. Sie hoffen, sich endlich als sinnvolle Ergänzung für den Unterricht beweisen zu können.

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Seit bundesweit Schulen wegen der Corona-Pandemie vorsorglich geschlossen bleiben, gibt das Smartphone von Stephan Bayer keine Ruhe mehr. „Uns erreichen gerade im Minutentakt neue Anfragen“, sagt der Chef von Sofatutor. Mehrmals habe das Start-up, dessen 110 Mitarbeiter seit Freitag aus dem Homeoffice heraus arbeiten, die Server-Kapazitäten anpassen müssen. Der Grund für den Andrang: Sofatutor bietet auf seiner Plattform Lernvideos und digitale Übungen für Schüler an – die ideale Basis für einen Fernunterricht.

„Corona wirkt im sonst gemächlichen Bildungsbereich gerade als Digitalisierungs-Turbo“, sagt Bayer. Bereitwillig verteilt er nun vorläufige Zugänge an Schulen, die derzeit keinen Präsenz-Unterricht mehr anbieten können. „Zumindest bis Ende des Monats ist das Angebot kostenfrei“, verspricht der Gründer. Das Kalkül: Finden die Schulen während der „Corona-Ferien“ Gefallen an Sofatutor, bleiben sie vielleicht auch nach der Krise Kunde der Plattform.

Die unverhoffte Vertriebschance nutzen auch andere deutsche Start-ups aus dem Bildungsbereich: Der direkte Sofatutor-Konkurrent Simpleclub etwa bietet gleich bis zum 20. April einen kostenlosen Zugang zu seiner Lern-App. Man wolle helfen, „damit Schüler auch von zu Hause aus weiter lernen können“, schreibt Gründer Alexander Geisecke. Beworben wird die Aktion zusammen mit dem Freiburger Start-up Jicki und dem Hamburger Anbieter Scoyo, die ebenfalls ihre Bezahlschranken aussetzen.

Die Angebote ergänzen sich: Simpleclub richtet sich mit Lernvideos und Übungs-App an Schüler der Mittel- und Oberstufe. Scoyo zielt dagegen auf die erste bis siebte Klasse. Jicki bietet Audio-Sprachkurse an. Sofatutor dagegen will dagegen von der Grundschule bis zum Abi alle Altersgruppen erreichen. Knapp 11.000 Lernvideos, 42.000 interaktive Übungen und mehr als 36.000 ausdruckbare Arbeitsblätter sind auf dem Portal abrufbar.

Bundesländer verschlafen den Digitalpakt

Gemeinsam ist allen Anbietern: Geld verdienen sie bisher vor allem im Nachhilfesegment. Für Schüler kosten die Abos je nach Laufzeit, Umfang und Anbieter zwischen 7,50 und 25 Euro monatlich. Versuche, in den regulären Unterricht vorzudringen, sind mühsam in der föderalen Bildungswelt – und scheitern oft am Geld. „Schulen haben in der Regel kein Budget, um digitale Inhalte einzukaufen“, sagt Sofatutor-Chef Bayer. Bisherige Partnerschaften seien oft nur zusammengekommen, weil die Bildungseinrichtungen Spenden eingesammelt haben.

Ähnliche Erfahrungen haben auch viele andere Start-ups gemacht – und hoffen auf Besserung durch den Digitalpakt Schule. Doch von den fünf Milliarden Euro, die der Bund bis 2025 in die digitale Infrastruktur der Schulen stecken will, ist erst ein Bruchteil vor Ort angekommen. Einer aktuellen Bitkom-Erhebung zufolge geht die Verteilung des Gelds extrem langsam voran. Hinzu kommt: „Es ist zwar auch Geld für Software vorgesehen, nicht aber für digitale Inhalte“, sagt Bayer.

Um seine Tauglichkeit für den regulären Unterricht unter Beweis zu stellen, treibt das Berliner Start-up Pilotprojekte in mehreren Bundesländern voran. So nutzten Schüler in Bremen seit 2018 Lernvideos und digitale Übungsaufgaben auch im Klassenzimmer. In Sachsen-Anhalt erproben seit einem Jahr mehrere Schulen Sofatutor für Vertretungsstunden von fachfremden Lehrern.

Für Vertrauen sorgen soll die Tatsache, dass die Inhalte für Lernvideos und Übungen von Lehrern erstellt wurden. Auch für einen Hausaufgaben-Chat beschäftigt Sofatutor nach eigenen Angaben nur erfahrene Pädagogen. „Das ist sehr wichtig für die Akzeptanz“, sagt Bayer, dessen Unternehmen sich bei der Gründung zunächst noch als offene Videoplattform probiert hatte. Gewicht in der Branche gibt Sofatutor auch einer der Hauptinvestoren: Seit 2014 ist der Schulbuchverlag Cornelsen an dem Start-up, das zuletzt Anfang 2018 frisches Kapital bekommen hatte, beteiligt.

Als coolere Alternative positioniert sich Konkurrent Simplecub: Die Skripte für die Videos liefern dort Studenten. Die Lektion sind meist deutlich unterhaltsamer – und werden auch bei Youtube millionenfach von Schülern abgerufen. Beim kostenpflichtigen Abo gibt es zusätzliche Videos, an die Bundesländer angepasste Lernpläne, Übungsaufgaben und schriftliche Zusammenfassungen. Nun wittert Simpleclub aber die Chance, auch von Lehrkräften wahrgenommen zu werden: Die aktuellen Gratis-Zugänge können nicht von den Schülern selbst, sondern nur von Schulen beantragt werden.

Bayerns Lernportal setzt gleich am ersten Tag aus

Eine Bremse auf dem Weg zum digitalen Ersatzunterricht: Vielerorts fehlen schon Basis-Tools, mit denen Lehrer ihre Klassen überhaupt organisieren können. So gab in einer Befragung der Initiative Startup Teens fast jeder zweite Schüler an, aktuell gar nicht erst mit Aufgaben versorgt zu werden. Und nur knapp 20 Prozent der Befragten berichten von Videokonferenzen mit Mitschülern und Lehrern.  

Zwar weichen nun manche Lehrer auf den einfachen Austausch per E-Mail und Whatsapp aus oder setzen Chatsoftware wie Slack oder Microsoft Teams ein. Verbindliche Leitlinien dazu fehlen aber häufig – ebenso wie das Know-how. „Es mangelt vor allem an Konzepten und Inhalten“, so die Beobachtung von Bayer.

In einer besseren Ausgangssituation sind Bundesländer, die in vergangenen Jahren bereits Lernmanagement-Systeme eingeführt haben. Zu den Vorreitern gehört Bremen, wo über die Plattform Itslearning bereits digitale Unterrichtsmaterialen, Videolektionen und Chatnachrichten ausgetauscht werden. Der Umgang mit digitalen Tools gehört für viele Lehrer längst zum Alltag.

Gut gerüstet für die Schulschließungen wähnt sich auch Bayern, wo mittlerweile 5200 Schulen an das Portal Mebis angeschlossen sind. Neben technischen Tools wie einer digitalen Tafel sind dort auch Lerninhalte hinterlegt. Die Feuerprobe am Montag missglückte aber gründlich: Mebis war stundenlang nicht erreichbar. 

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