Schulwechsel Grundschüler in Bayern haben den größten Stress

Bald steht für viele Grundschüler der Wechsel auf eine weiterführende Schule an. Das setzt Eltern und Kindern unter Druck. Besonders schlimm ist es in Bayern: Hier droht ab einem Notenschnitt von 2,6 die Hauptschule.

Erstklässler melden sich Quelle: dpa

Immer schneller, immer mehr: Wir sind eine Optimierungsgesellschaft. Es geht immer noch ein bisschen mehr, mehr Umsatz, mehr Erfolg, mehr Ansehen. Dafür muss der Mensch sich anstrengen - und das macht auch vor den Kindern nicht halt. entsprechend ähnlich sind die Reaktionen: Nicht nur Karriereeltern kratzen am Burnout, auch deren Sprösslinge können nicht mehr. Und das nicht erst im Abitur oder Studium. So zeigte eine repräsentativen Umfrage des Deutschen Kinderschutzbunds unter knapp 5000 Kindern zwischen sieben und neun Jahren, dass schon ein Drittel der Zweit- und Drittklässler unter Stress leiden.

Der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort, der am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf lehrt und arbeitet, beobachtet immer häufiger Kinder Burnout-Syntomen. "Ich habe vor fünf Jahren zunehmend depressive und erschöpfte Kinder gesehen, die nicht in die normale Kategorie der Depressionen passten", sagt er.

Kinder seien oft schon frühzeitig überfordert, weil man ihnen schon in der zweiten Klasse eintrichtere, dass ihr Leben ohne ein gutes Abitur gelaufen sei. Schuld seien nicht einmal die sogenannten Helikopter-Eltern, die ihre Kinder mit unzähligen Zusatzangeboten überfordern, sagt Schulte-Markwort. "Das sind vielmehr die Leistungsorientierungen, die wir in unserer Gesellschaft verankert haben."

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Wie schlimm die Stressbelastung bei Grundschülern ist, zeigt jetzt die Studie STRESS (STRessfaktoren bei Eltern und Schülern am Übergang zur Sekundarstufe) von Heinz Reinders, Tamara Ehmann, Isabell Post und Juliane Niemack vom Lehrstuhl empirische Bildungsforschung an der Justus-Maximilians-Universität Würzburg. Sie haben insgesamt 1.620 Eltern von Grundschülern in Bayern und Hessen befragt, wie sie und ihre Kinder den Übergang an die weiterführende Schule erleben.

Bayerische Kinder sind am meisten gestresst

Das Fazit: Gestresst sind sowohl die Kinder als auch die Eltern - und zwar in beiden Bundesländern. Wie schlimm der Druck der Kinder ist, hängt allerdings stark vom Bildungsniveau der Eltern und deren Erwartungen ab. "Allgemein ist die Stressbelastung bei Grundschulkindern in Bayern höher als bei Schüler in Hessen. Dies gilt auch für deren Eltern, deren erlebter Stress nochmals höher ist als jener ihrer Kinder", heißt es in der Studie.

So sagen 50,8 Prozent der Eltern aus Bayern, dass ihre Kinder unter Stress leiden. Die hessischen Eltern erleben ihre Kinder sehr viel häufiger als entspannt. Insgesamt geben nur 27,6 Prozent aus diesem Bundesland an, dass ihr Kind durch das Übertrittsverfahren Stressbelastungen ausgesetzt ist. Was die Eltern selbst betrifft, stehen bei den Bayern 55,6 Prozent selbst unter Strom, sobald der Schulwechsel in greifbare Nähe rückt. Bei den Eltern der Drittklässler ist dieser Wert mit 56,6 Prozent etwas höher als jener der Viertklässler-Eltern (54,6 Prozent).

In Hessen wird insgesamt weniger Stress als Folge des Schulübertritts erlebt. Lediglich 39,7 Prozent der Eltern von Drittklässlern und 33,1 Prozent der Eltern von Viertklässlern erleben die Phase der Übertrittsempfehlungen als belastend. Der Grund für die unterschiedlich wahrgenommene Belastung ist das unterschiedliche Mitbestimmungsrecht der Eltern: Bayerische Schüler, die in den Fächern Deutsch, Mathe sowie Heimat und Sachkundeunterricht eine Durchschnittsnote bis maximal 2,3 erreichen, gehen aufs Gymnasium und können später das heißersehnte Abitur machen. Mit einem Notenschnitt von 2,3 bis 2,6 geht es auf die Realschule und wer schlechter als 2,6 abschneidet, muss zur Hauptschule. In Hessen dagegen wird aufgrund der Noten eine Empfehlung ausgesprochen, über die sich Eltern theoretisch hinwegsetzen können.

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Ein weiterer Einflussfaktor auf den Stress der Kinder stellen überzogene Bildungserwartungen durch die Eltern dar. Wenn Eltern mehr Leistung von ihren Kindern erwarten, als diese realistischerweise erbringen können, führt dies nach zu einem erhöhten Stresswert der Kinder.

Grundsätzlich wünschen sich die Eltern in Hessen für ihre Kinder einen höheren Schulabschluss, als die Eltern in Bayern: In Hessen gaben 57,6 Prozent der Eltern an, dass ihr Kind Abitur machen soll, in Bayern wollten das nur 48,3 Prozent. Die Studienautoren erklären sich das dadurch, dass die befragten Eltern in Hessen insgesamt ein höheres Bildungsniveau hatten, als die Eltern in Bayern. Und Akademiker erwarten von ihren Kindern, dass sie ebenfalls Abitur machen und studieren. "Im Vergleich dazu haben Eltern mit niedrigerem Bildungsniveau eine nicht so hohe Bildungserwartung an ihre Kinder", so die Studie.

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Doch warum sind Eltern mit höheren Erwartungen weniger gestresst, als andere? Laut der Studie liegt es nicht daran, dass die hessischen Akademiker kleine Genies zur Welt gebracht haben oder sich keine sorgen machen, ob die Noten für das Gymnasium reichen. Es sei schlicht so, dass gebildete Eltern in der Regel andere Möglichkeiten haben, ihr Kind zu fördern und mit dem Stress umzugehen. Nur 16,1 Prozent der Hauptschul-Eltern geben an, dass ihr Kind wisse, wie es aktiv Stress bewältigen kann. Im Gegensatz hierzu sagten 39,6 Prozent der Eltern mit dem höchsten Bildungsabschluss: "Mein Kind sieht Stress und Druck als positive Herausforderung."

Außerdem hat die Studie ergeben, dass Kinder aus einem bildungsfernem Elternhaus weniger gut darüber informiert sind, was an der neuen Schule auf sie zukommt und was die Lehrer von ihnen erwarten. So kommt zu dem Druck, bloß eine gute Note zu erreichen, auch noch die Ungewissheit hinzu, wie das Leben als Gymnasiast eigentlich ist.

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