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Streit um Schulzeit Das neunjährige Gymnasium kehrt zurück

Niedersachsen führt unter dem Eindruck einer großen Protestbewegung wieder das neunjährige Gymnasium ein. Auch in anderen Ländern laufen Eltern, Lehrer und Schüler Sturm gegen G8. Schuld an der Misere sind auch kurzsichtige Wirtschaftsinteressen.

Die Länder mit den glücklichsten Schülern
Blick auf die isländische Hauptstadt Reykjavik Quelle: dpa
KasachstanDas zentralasiatische Steppenland steht nicht gerade für ein leistungsfähiges Schulsystem. Bei der Lesekompetenz schneiden die 15-jährigen Kasachen miserabel schlecht ab, untertroffen nur von Katar und Peru.  Doch sie sind umso glücklicher in ihren Schulen. Quelle: REUTERS
Eine Schülerin tanzt auf einer Parade am Independence Day in San Jose Quelle: REUTERS
Eine Frau schwenkt die Nationalflagge Mexikos Quelle: dapd
Schüler in Malaysia Quelle: dpa
Schüler in Kolumbien Quelle: dpa
Schüler in Thailand Quelle: dpa

Niedersachsen hat als erstes Bundesland die radikale Kehrtwende beschlossen. Keine zehn Jahre nach Einführung des verkürzten achtjährigen Gymnasiums (G8), verkündete Kultusministerin Frauke Heiligenstadt gestern, dass in ihrem Bundesland ab dem Schuljahr 2015/16 wieder alle Gymnasien des Landes das 13. Schuljahr einführen werden. Die Verkürzung der Schulzeit sei "ein folgenschwerer Irrweg" gewesen.

Niedersachsen ist nur der Vorreiter einer Entwicklung, die längst auch andere Bundesländer erfasst hat. Zumindest in den westlichen Bundesländern ist das erst vor wenigen Jahren fast bundesweit eingeführte "Turbo-Abitur" in die Defensive gekommen. Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Philologenverbands, der Interessenvertretung der Gymnasiallehrer, spricht von einer "Dynamik, die sich selbst verstärkt". Bürgerinitiativen von Eltern und Lehrern haben in den vergangenen Monaten einen einzigartigen Generalangriff auf das ungeliebte G8 mobilisiert. Mit großem Erfolg: In einigen Ländern wie Hessen und Schleswig-Holstein können Gymnasien wählen, ob sie das Abitur wieder nach neun Jahren anbieten. In Hessen sind schon rund 80 Prozent der Gymnasien zu G9 zurückgekehrt.

Ende 2010 konnten auch Schulen in Nordrhein-Westfalen beantragen, das Abitur wieder nach neun Jahren anzubieten. Rheinland-Pfalz war als einziges Bundesland bisher ohnehin beim G9 geblieben. Das G8-Modell soll erst 2016 eingeführt werden. Ob es dazu kommt, ist angesichts der jüngsten Entwicklung in anderen Bundesländern. In Bayern läuft derzeit ein Volkbegehren, dass die Wahlfreiheit der Eltern zwischen G8 und G9 durchsetzen will. Auch dort rechnen viele damit, dass Ministerpräsident Horst Seehofer des Volkes Stimme nicht ungehört lassen wird.

Wo die Schulen am besten sind
Schülerinnen schreiben am 28.02.2012 in einem Gymnasium in Frankfurt am Main ein Diktat Quelle: dpa
Schülerinnen und Schüler der Klassen drei und vier der Grundschule Langenfeld Quelle: dpa
SaarlandStärken: Im Saarland machen 51,9 Prozent das Abitur. Das ist über Bundesdurchschnitt und befördert das Land damit in die Spitzengruppe im Ländervergleich. Auch in puncto Integration ist das Saarland weit vorne: Nur 4,3 Prozent aller Schüler sind vom Regelschulsystem ausgeschlossen und werden in speziellen Förderschulen unterrichtet. Schwächen: Wirkliche Schwächen haben die Schulen beziehungsweise das Bildungssystem im Saarland laut dem Chancenspiegel nicht. In den einzelnen Bereichen der Kategorien Durchlässigkeit und Kompetenzförderung bewegt sich das Bundesland immer im Mittelfeld. So hat ein Kind auf einer sozial starken Familie eine dreimal höhere Chance, aufs Gymnasium zu gehen als ein Kind aus einer schwächer gestellten Familie. Das ist unschön, aber immer noch überdurchschnittlich gut. 15,9 Prozent aller Schüler in der Primar- und Sekundarstufe 1 besuchen eine Ganztagsschule (Bundesdurchschnitt: 26,9 Prozent). Ländervergleich: Untere Gruppe. Auch das Verhältnis 1:3,3 beim Wachsel der Schulform (pro Schüler, der von der Real- oder Hauptschule "aufsteigt", wechseln 3,3 Schüler vom Gymnasium auf die Realschule beziehungsweise von Real- zu Hauptschule) liegt noch unterhalb des Bundesdurchschnitts von 1:4,3. Auch im Lesen sind saarländische Schüler aud den vierten und neunten Klassen mittelmäßig. huGO-BildID: 25450255 ARCHIV - Schüler und Schülerinnen schreiben am 28.02.2012 in einem Gymnasium in Frankfurt am Main ein Diktat. Zu den Ergebnissen der Koalitionsrunde vom Wochenende gehört das Ziel, noch in dieser Wahlperiode eine Grundgesetzänderung zu erreichen, die das Kooperationsverbot von Bund und Ländern in der Bildungspolitik aufhebt. Foto: Frank Rumpenhorst dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ Quelle: dpa
Eine behinderte Schülerin sitzt am 01.11.2011 im Gebäude einer Integrierten Gesamtschule Quelle: dpa
Constanze Angermann steht vor dem Finale des Schreibkampfes "Frankfurt schreibt! - Der große Diktatwettbewerb" vor einer Tafel Quelle: dpa
 Ein Schulkind bearbeitet Schulaufgaben Quelle: dpa
Malstunde in der deutsch-chinesischen Kita im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg Quelle: dpa

Nur in Nordrhein-Westfalen und im Saarland sind die Schulministerien trotz auch dort lauter werdender Proteste weiterhin unbeirrbar auf G8-Linie. Die Düsseldorfer Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) kann sich sogar auf den Rückhalt des nordrhein-westfälischen Philologenverbandes stützen. Im Gegensatz zum Bundesverbandsvorsitzenden Meidinger will Landesverbandschef Peter Silbernagel nicht zurück zu G9. Im Saarland dagegen fordert der "Verband Deutscher Realschullehrer" (VDR) nun, nicht nur das neunjährige Gymnasium, sondern auch die Realschule wieder zu beleben, die vor einigen Jahren mit Hauptschulen zu "erweiterten Realschulen" oder "Gemeinschaftsschulen" zusammengelegt worden waren.

Einzig in den neuen Bundesländern - ohne (West-)Berlin - ist der Anti-G8-Protest schwach. Kein Zufall. Die DDR hatte schon unmittelbar nach dem Krieg den Weg zum Abitur radikal reformiert und "Erweiterte Oberschulen" ohne 13. Schuljahr eingeführt. Nach der Wiedervereinigung fiel es in den neuen Ländern aus diesem Grund leichter, auch die neuen Gymnasien und ihre Lehrpläne auf 12 Schuljahre bis zum Abitur auszurichten.

Die absehbare Rückabwicklung des einst als zukunftsweisende Bildungsreform gefeierten G8 zeigt nun, dass eine Schulpolitik, die jahrzehntelange Schultraditionen und den Willen der Eltern ignoriert, sich rächt. Eine Umfrage in Hamburg zeigte, dass rund 70 Prozent der Eltern G9 bevorzugen.

Wissenswertes über Niedersachsen

Das stärkste Argument der Befürworter der G9-Renaissance ist die allzu hohe Wochenstundenbelastung der Schüler. Durch G8 erhöhten sich die Wochenstunden für Gymnasiasten von 30 auf 33 in den Stufen acht und neun, auf 34 ab Stufe zehn – Hausaufgaben noch nicht eingerechnet. Das entspricht einem Gesamtstundenvolumen von 265 Jahreswochenstunden, die laut Kultusministerkonferenz eingehalten werden müssen – egal ob sie auf neun oder acht Jahre verteilt werden. Das geht auf Kosten der Zeit für Familie und Hobbies. Der Deutsche Lehrerverband beklagt zum Beispiel, dass an vielen Schulen die Orchester und Theater-Gruppen aufgelöst werden müssen.

Anja Nostadt ist Psychologin und Sprecherin mehrerer Initiativen pro G9. Sie schätzt, dass manche Schüler sogar bis zu 50 Stunden pro Woche mit der Schule beschäftigt. Viele Schüler zeigten daher, so Nostadt, schon ab dem 11. Lebensjahr zunehmend Stresssymptome. Nostadt will bei G8-Schülern eine auffällig Zunahme von Erkrankungen - wie Einschlafstörungen, Migräne und Magersucht - festgestellt haben, die sie zuvor bei ihrer Arbeit als Therapeutin nicht beobachtet hat. Bei einer Pressekonferenz der G9-Initiativen in Berlin formulierte es Florian Weihmann, Landesschülersprecher des Saarlandes, so: "Es ist üblich geworden, dass wir nach 16 Uhr nach Hause kommen, Dann haben wir noch Hausaufgaben auf, dann müssen wir noch an Projekten arbeiten. Spätabends können wir dann unsere Jugend genießen."

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