WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Studie Geldsorgen machen dumm

Wer sich ständig Sorgen um seine Finanzen machen muss, kann nicht mehr klar denken. Zu diesem Ergebnis kommt eine wissenschaftliche Studie. Geldnöte begünstigen demnach auch irrationales Verhalten.

Wer finanzielle Sorgen hat, kann schlechter denken, zeigt eine neue Studie. Quelle: dpa

Finanzielle Sorgen beeinträchtigen die Gehirnleistung. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue wissenschaftliche Studie, die am Freitag in der Zeitschrift „Science“ veröffentlicht wurde.

Auf die Konzentration haben Geldsorgen gravierende Auswirkungen. Dadurch können Betroffene Fehler machen, die ihre Situation im schlimmsten Fall noch weiter verschlechtert. Zwei Experimente der Forscher belegen, dass tatsächlich die finanziellen Sorgen die Ursache für schlechte Entscheidungen waren, während andere Lebensumstände dabei keine entscheidende Rolle spielten. Ein Teil der rund 100 Versuchspersonen mit einem Haushaltseinkommen zwischen 20.000 und 70.000 Euro pro Jahr sollte sich dabei überlegen, wie sie eine Reparatur ihres Autos mit Kosten in Höhe von 150 Dollar finanzieren würden. Der zweite Teil der Probanden musste die gleiche Aufgabe lösen - hier sollte die Reparatur jedoch 1500 Euro kosten.

10 Fakten über Entscheidungen
Entscheidungen machen glücklichZu diesem Ergebnis kam der Psychologe Mauricio Delgado von der Rutgers Universität im Jahr 2011. Seine Probanden konnten in einer Übung Spielgeld gewinnen und später gegen echtes Geld tauschen. Auf einem Monitor sahen sie nun zwei kleine Rechtecke. Mal konnten sie selbst entscheiden, welches sie berührten, mal traf der Computer die Wahl. Unmittelbar danach teilte der Rechner ihnen mit, ob sie 0, 50 oder 100 Dollar erspielt hatten. Als Delgado die Probanden fragte, wie sie das Experiment fanden, stellte er fest: Die Teilnehmer hatten mehr Spaß, wenn sie den Knopf selbst gedrückt hatten - unabhängig davon, wie anschließend ihr Gewinn ausgefallen war. Mehr noch: Wenn sie selbst wählen konnten, waren jene Hirnregionen aktiv, die für Belohnungen zuständig sind. Entschied der Computer für sie, hielten diese Regionen still. Quelle: picture-alliance/ obs
Grübeln macht unglücklichEs gibt im Leben leider keine Rückgängig-Taste, obwohl wir die manchmal herbeisehnen. Dann nämlich, wenn wir darüber grübeln, ob wir uns nicht besser anders entschieden hätten – und das macht unglücklich, fand Erin Sparks von der Florida State Universität kürzlich heraus. Die Erklärung: Manche Menschen streben so sehr nach der optimalen Lösung, dass sie sich auch nach dem Entschluss noch fragen, ob sie die richtige Wahl getroffen haben - und dadurch bauen sie keine Beziehung zu der getroffenen Option aus. Wer mit sich hadert, freundet sich nie richtig mit der Entscheidung an - und steht sich und seinem Glück selbst im Weg. Quelle: Fotolia
Manchmal bevorzugen wir wenige OptionenOb wir uns vorher gerne mit vielen oder wenigen Möglichkeiten herumschlagen wollen, hängt davon ab, ob wir die Entscheidungen für uns selbst treffen oder für jemand anderen. Zu diesem Fazit gelangte in diesem Jahr Evan Polman von der Stern School of Business. Bei einem Experiment ließ er 125 Studenten die Wandfarbe eines Schlafzimmers auswählen. Mal ging es um ihr eigenes Zimmer, mal um ein fremdes. Der einen Hälfte gab Polman acht verschiedene Farben zur Auswahl, der anderen 35. Nach der Entscheidung sollten sie ihm sagen, wie zufrieden sie mit ihrer Wahl waren. Kurios: Ging es um das eigene Schlafzimmer, waren jene Probanden zufriedener, die nur acht Wahlmöglichkeiten hatten. Ging es jedoch um ein fremdes Schlafzimmer, waren die Teilnehmer mit 35 Optionen glücklicher. Der Grund: Betrifft die Entscheidung unser eigenes Leben, wollen wir Verluste vermeiden und bloß keine falsche Wahl treffen - und daher bevorzugen wir in diesem Fall weniger Optionen. Quelle: Fotolia
Wir vergessen unsere EntscheidungenLars Hall von der schwedischen Lund Universität zeigte im Jahr 2005 50 Männern und 70 Frauen zwei weibliche Porträtfotos. Sie sollten auswählen, welches Gesicht sie attraktiver fanden. Während die Teilnehmer ihre Entscheidung begründeten, vertauschten die Wissenschaftler heimlich die Fotos. Verblüffend: 70 Prozent der Versuchspersonen bemerkten den Tausch überhaupt nicht und verteidigten ihre "falsche" Wahl. Quelle: dpa-tmn
Teams neigen zu falschen EntscheidungenJulia Minson und Jennifer Mueller von der Wharton Business School stellten Hunderten von Studenten verschiedene Fragen. Vorab durften sie entscheiden, ob sie die Antworten lieber alleine abgeben oder sich mit einem Spielpartner beraten wollten. Nach Abgabe der Antworten wurden ihnen die Schätzungen anderer Teams vorgelegt. Nun hatten sie die Möglichkeit, ihre Antworten noch mal zu revidieren. Und zu guter Letzt sollten sie angeben, wie sicher sie sich waren, dass ihre Antwort nicht weiter als zehn Prozentpunkte von der korrekten Lösung entfernt war. Zwar waren die Antworten der Teams tatsächlicher näher an der Wahrheit, allerdings beugten sie sich seltener dem Rat einer externen Stimme als die Einzelkämpfer – und verschenkten dadurch die Möglichkeit, ihre Antwort noch mal zu verbessern. Quelle: Fotolia
Selbst leichte Entscheidungen fallen schwerEigentlich erscheint es logisch, dass uns nur leichte Entscheidungen nicht schwer fallen. Dennoch fallen uns im Alltag auch banale Entschlüsse schwer – zumindest empfinden wir es so. Nach Angaben von Aner Sela (Universität von Florida) und Jonah Berger (Wharton Business School) liegt das an einer Art gedanklicher Verzerrung: Wir erwarten, dass eine Entscheidung im Grunde unwichtig sein wird, doch plötzlich sehen wir uns mit verschiedenen Optionen konfrontiert. Doch anstatt schnell zu entscheiden, verwechseln wir die Wahlmöglichkeiten mit Wichtigkeit. Und dadurch entschließt sich unser Gehirn gewissermaßen dazu, einer Entscheidung viel Zeit und Aufmerksamkeit zu widmen - obwohl das streng genommen gar nicht notwendig ist. Quelle: Fotolia
Tibetan spiritual leader the Dalai Lama Quelle: dapd

Per Computertest wurde die kognitive Leistungsfähigkeit der Teilnehmer ermittelt, während sie versuchten, das Problem zu lösen. Die Auswertung zeigte, dass es keine Rolle spielte, ob es sich um Gering- oder Gutverdiener handelte - die Probanden waren durchschnittlich gleich intelligent. In der 150-Euro-Gruppe gab es bei der Lösung keinen Unterschied in der kognitiven Leistungsfähigkeit. Jedoch schnitten in der 1500-Euro-Gruppe die Teilnehmer mit geringem Jahreseinkommen deutlich schlechter ab, als die finanziell besser gestellten. Menschen, die nicht genug Geld für das Begleichen ihrer Rechnungen zur Verfügung hatten, schnitten im Schnitt um 13 IQ-Punkte schlechter ab als andere. Die These der amerikanischen Psychologen und Wirtschaftswissenschaftler lautet: Finanzieller Stress beherrscht das Denken, verlangsamt damit andere Operationen im Gehirn und macht sie schwieriger - etwa so wie der Effekt von zu wenig Schlaf.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Dieses Element gibt es nicht mehr.

In einem weiteren Versuch wurden 460 indische Bauern beobachtet, die nur einmal im Jahr Geld bekommen. Sowohl vorher als auch nachher absolvierten die Bauern Intelligenztests, also in einer "armen" und einer "wohlhabenden" Situation. Auch hier stellten die Forscher eine vorübergehende "Verdummung" der Probanden fest. In der finanziell angespannten Phase sei der Intelligenzquotient um mindestens zehn Punkte gesunken.

Die Existenzängste nähmen das Gehirn offenbar so stark in Anspruch, dass man sich kaum noch auf andere mentale Aufgaben konzentrieren könne. Dies bedeute, dass ärmere Menschen es durch diesen psychologischen Effekt noch schwerer hätten, einen Ausweg aus ihrer Lage zu finden. "Finanzielle Nöte wirken sich auf die Konzentration aus, man macht also mehr Fehler. Und diese Fehler können Arme im schlimmsten Fall noch ärmer machen", zitiert die "Zeit" den Psychologen Eldar Shafir von der Universität Princeton.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%