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Studieren in Coronazeiten „Ein virtuelles Auslandsstudium ist denkbar“

Handschlag? Und das noch über Grenzen hinweg? Was beim International Day an der Europa-Universität Viadrina vor ein paar Jahren noch Alltag war, ist heute undenkbar. Quelle: dpa

Joybrato Mukherjee ist Präsident des Deutschen Akademischen Austauschdienst. Hier erzählt er, wie die Stipendiaten ihr Auslandsstudium wegen der Pandemie mit Online-Kursen fortsetzen und was er für die Zukunft erwartet.

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Joybrato Mukherjee ist seit Januar 2020 Präsident des Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) in Bonn. Der Anglist leitet seit 2009 die Justus-Liebig-Universität Gießen.

WirtschaftsWoche: Herr Mukherjee, zum Ausbruch der Coronakrise waren knapp 20.000 Deutsche mit einem Erasmus-Stipendium oder über den DAAD im Ausland. Dann wurden die Grenzen geschlossen. Und damit hatte sich für viele der Auslandsaufenthalt erledigt, oder?
Joybrato Mukherjee: Wir gehen davon aus, dass inzwischen fast alle Erasmus-Geförderten zurückgekehrt sind. Bei den DAAD-Stipendiaten sind inzwischen rund 70 Prozent wieder in Deutschland, vor allem Studierende.

Wie viele konnten denn ihr Auslandsstudium zumindest mit Online-Kursen fortsetzen?
Von den zurückgekehrten DAAD-Stipendiatinnen und -stipendiaten war das etwa ein Drittel. Dies umfasst alle derzeitigen Rückkehrerinnen und Rückkehrer, also auch Praktikumsprogramme oder das Sprachassistentenprogramm.

Joybrato Mukherjee ist Präsident des Deutschen Akademischen Austauschdienst in Bonn. Quelle: Ratermann

Wird sich das Auslandsstudium vom heimischen Schreibtisch aus durchsetzen?
Wir gehen davon aus, dass es zu einer starken Verschränkung von virtuellem und physischem Auslandsaufenthalt kommen wird. Virtuelle Angebote können vor, während und nach dem Auslandsaufenthalt zum Einsatz kommen und beispielsweise zu einer Steigerung des Studienerfolgs beitragen: Online-Sprachkurse, ein virtuelles „Einleben“ an der Hochschule vor Beginn des Aufenthalts sowie unterstützende, digitale Lehrangebote wie Tutorien und Qualifizierungskurse während des Aufenthalts sind nur einige denkbare Beispiele. Gleichzeitig gilt es, den akademischen Austausch so zu gestalten, dass die nächste Generation ihren Teil zur Lösung globaler Probleme wie der Bekämpfung des Klimawandels beitragen kann. Je nachdem, wie sich digitale Technologien in zehn oder 20 Jahren entwickeln, sind auch vollständig virtualisierte Auslandsaufenthalte durchaus denkbar.

Sind virtuellen Erfahrungen nicht auch Grenzen gesetzt?
Für direkte interkulturelle Erfahrung im Studium oder den Aufbau wissenschaftlicher Netzwerke bleibt physische Mobilität weiter von zentraler Bedeutung. Gerade am Beginn einer wissenschaftlichen Karriere. Die Coronapandemie hat uns allen erneut gezeigt: Wir werden die Herausforderungen des 21. Jahrhundert nur grenzüberschreitend und gemeinsam lösen. Wir brauchen daher für die Zukunft mehr internationalen Austausch und Kooperation in Forschung, Lehre, beim Wissenstransfer in Wirtschaft und Gesellschaft und der Hochschulverwaltung. Dieser Austausch muss bereits im Studium beginnen.

Rechnen Sie für das Sommersemester 2021 mit einbrechenden Zahlen bei den Bewerbern und teilnehmenden Universitäten?
Das hängt stark von der weiteren Entwicklung der Pandemie ab. Wir gehen aktuell mit Blick auf unsere europäischen Nachbarländer aber eher nicht von einem dramatischen Einbruch der Zahlen für Auslandsaufenthalte deutscher Studierender aus. Es ist damit zu rechnen, dass Studierende den für das Wintersemester geplanten Auslandsaufenthalt ins Sommersemester 2021 verlegen. Insbesondere, wenn sich die Corona-Lage in der EU dann weiter verbessert, sollte der Rückgang bei Auslandsaufenthalten bei unseren europäischen Nachbarn eher moderat ausfallen.

Erasmus+ läuft in diesem Jahr aus. Wie weit sind die Pläne für das Nachfolgeprogramm?
Die Verhandlungen zur neuen Erasmus-Programmgeneration sind eng verknüpft mit der Verabschiedung eines neuen mehrjährigen EU-Haushalts für die Jahre 2021 bis 2027. Die EU-Kommission möchte noch vor der Sommerpause eine Einigung unter den Mitgliedstaaten und im Herbst eine Zustimmung des Europäischen Parlaments erzielen. Das ist allerdings ein ziemlich optimistischer Zeitplan. Das Europäische Parlament hat deshalb bereits einen Notfallplan für die Fortführung der Programme nach 2020 eingefordert.

Geht die Auslandsförderung also lückenlos weiter?
Von einer Lücke in der Auslandsförderung gehen wir bei allen Herausforderungen nicht aus, verfolgen die Verhandlungen aber natürlich sehr gespannt. Für die neue Erasmus-Programmgeneration erwarten wir ein Programm, das inklusiver, nachhaltiger und digitaler wird: Bei der Inklusion erhoffen wir uns die Ansprache neuer Zielgruppen im Sinne einer breiteren sozialen Teilhabe, beispielsweise Erstakademiker oder Studierende im Beruf. Digitaler bedeutet, dass die in der Coronapandemie eingeführten digitalen Errungenschaften systematisch als „Blended Mobility“ in das zukünftige Programm integriert werden. Mehr Nachhaltigkeit zielt darauf ab, dass insbesondere digitale Formate aber auch weniger Flugreisen den Studierendenaustausch „grüner“, also weniger schädlich für das Klima machen.

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