Studieren ohne Pass Der schwierige Weg für Flüchtlinge an die Hochschule

In Berlin öffnet eine Uni nur für Flüchtlinge, in Rheinland-Pfalz sollen Flüchtlinge einfacher studieren können. Bundesweit gültige Regeln gibt es für den Hochschulzugang jedoch nicht. Dabei ist das dringend nötig.

Tausende Flüchtlinge erreichen Österreich
4./5. September, WienSie haben Tausende Kilometer hinter sich. In Ungarn schien Endstation. Doch nach Zusagen aus Österreich und Deutschland haben sich tausende Flüchtlinge auf dem Weg gemacht und am Samstagmorgen die österreichische Grenze erreicht. Die erschöpften Migranten wurden von den ungarischen Behörden mit Bussen zur Grenze gebracht, überquerten sie zu Fuß und wurden auf der österreichischen Seite von Helfern mit Wasser und Nahrungsmitteln empfangen. Nach Polizeiangaben kamen bis zum Morgen etwa 4000 Menschen an. Die Zahl könne sich aber im Laufe des Tages mehr als verdoppeln. Quelle: dpa
Ein Flüchtlingslager in Ungarn Quelle: REUTERS
Flüchtlinge in einem Zug im ungarischen Bicske Quelle: AP
Ein Flüchtling schaut aus einem Zug im Bahnhof Keleti in Budapest Quelle: dpa
3. September, Bodrum in der TürkeiFotos eines ertrunkenen Flüchtlingskindes haben in den sozialen Netzwerken große Betroffenheit ausgelöst. Eine an einem Strand im türkischen Bodrum entstandene Aufnahme zeigt den angespülten leblosen Körper des Jungen halb im Wasser liegend. Unter dem Hashtag „ #KiyiyaVuranInsanlik“ kursieren die Fotos auf Twitter. „Wenn dieses Bild die Welt nicht verändert, haben wir alle versagt“, schrieb eine Nutzerin. Der Junge gehörte einem Bericht der britischen Zeitung „The Guardian“ zufolge zu einer Gruppe von mindestens zwölf syrischen Flüchtlingen, die am Mittwoch vor der türkischen Küste ertrunken waren. Unseren Kommentar zum Thema, warum man das Bild nicht zeigen darf, finden Sie hier.
Flüchtlinge sind in Budapest am Bahnhof gestrandet Quelle: REUTERS
Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) und Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) Quelle: dpa

In Kairo war Andrew Student. Studienfach Journalismus, zwei Jahre vor dem Abschluss. Dann musste er weg. „Jetzt bin ich in Berlin Flüchtling“, sagt der 22-Jährige. Doch Flüchtling, das könne nicht alles sein. Andrew will zurück an die Universität. An einer staatlichen Hochschule darf er sich noch nicht einschreiben. Trotzdem beginnt der Ägypter zum Wintersemester mit einem Studium - zusammen mit rund 1000 anderen an der Berliner Kiron Universität. Eigentlich müssen Flüchtlinge, die in Deutschland studieren wollen, nicht nur ihre Identität, sondern auch Schulabschluss, Deutschkenntnisse und die Anerkennung vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) nachweisen.

Ohne das dürfen sie meist nur Gasthörer sein. Doch Zeugnisse haben viele auf der Flucht verloren. Bis sie fließend Deutsch sprechen und ihr Abitur nachgeholt haben, vergeht viel Zeit. Zeit, die junge Leute viel besser nutzen könnten, meint der Berliner Markus Kreßler. „Die Warterei ist unnötig.“ Mit einem Freund hat er deshalb die Kiron Universität gegründet. Hier soll jeder ohne bürokratische Hürden studieren können. Dokumente, Sprachprüfungen, Aufenthaltsstatus? All das spielt erstmal keine Rolle. Zum Einschreiben braucht man nicht einmal einen Pass. Erst nach zwei Jahren, wenn die Studenten von Online-Kursen an eine richtige Uni wechseln, müssen sie Papiere einreichen.

Was Flüchtlinge dürfen

Da Bildung Ländersache ist, tüftelt derzeit jedes Bundesland an seiner eigenen Lösung. So sollen die Hochschulen in Rheinland-Pfalz für Flüchtlinge geöffnet werden, die in ihren Heimatländern schon ein Studium begonnen hätten, wie Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) kürzlich sagte. Asylbewerber, die bereits mit Mathematik, Naturwissenschaften, Informatik oder Technik begonnen hätten, sollten an der Technischen Universität oder der Hochschule Kaiserslautern weiterlernen können. Geplant ist auch die Öffnung von Hochschulen in anderen Städten. Für bis zu 50 Flüchtlinge würden Deutsch-Intensivkurse in Mainz und Kaiserslautern angeboten.

Aus diesen Ländern kommen Asylbewerber in Deutschland

Gespräche zum Thema werden derzeit in allen Bundesländern zwischen Ministerien und Hochschulen geführt: Die Hürden für den Hochschulzugang sollen abgebaut, Regeln angepasst werden. Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat deshalb im August 2015 alle für Hochschulen zuständigen Ministerien der Bundesländer befragt, um herauszufinden, wie der Hochschulzugang für Flüchtlinge in den einzelnen Bundesländern geregelt ist. Die Ergebnisse der Umfrage machen deutlich, dass viele Ministerien sich aktiv zum Ziel gesetzt haben, Flüchtlinge bei der Aufnahme eines Hochschulstudiums zu unterstützen. Grundsätzlich werden Flüchtlinge behandelt, wie jeder andere ausländische Student auch. Das heißt:

Wenn sie an einer deutschen Uni studieren wollen, müssen sie die Sprache beherrschen und brauchen einen Abschluss, der dem Abitur beziehungsweise Fachabitur entspricht. Gibt es keine solche Hochschulzugangsberechtigung, steht in der Regel der Weg in ein Studienkolleg offen, wo ein Fachabitur nachgemacht werden und ein fachgebundenes Studium aufgenommen werden kann.

Ministerien empfehlen, ein Auge zuzudrücken

In vielen Bundesländern werden Sprachkurse, Orientierungs- und Beratungsprogramme angeboten. Über gezielte finanzielle Förderung wird bisher nur aus wenigen Ländern berichtet. In einzelnen Bundesländern gibt es außer den allgemeinen Angeboten für ausländische Studierende keine speziellen Unterstützungsangebote für Flüchtlinge, heißt es bei der Friedrich-Ebert-Stiftung.
In Niedersachsen gibt es die Option, bei einem überdurchschnittlichen Bestehen des Aufnahmetests ohne weitere Feststellungsprüfung den Hochschulzugang für einen zulassungsfreien Studiengang zu bekommen. Flüchtlinge werden durch Orientierungs- und Beratungsleistungen über die Initiative „Offene Hochschulen Niedersachen“ gefördert. Es stehen kostenfreie Intensiv-Sprachkurse und weitere Fördermittel zur Verfügung. In Berlin gibt es neben Sprachkursen und weiteren Fördermaßnahmen die Möglichkeit für Flüchtlinge, für die Startphase und die Studienabschlussphase eine Unterstützung von jeweils 1000 Euro zu erhalten. Damit können beispielsweise Bewerbungs-, Einschreibungs- und Sprachtestgebühren sowie Sozialbeiträge finanziert werden. Außerdem werden die Gebühren für ein Gasthörerstudium übernommen.

So viel Geld bekommen Flüchtlinge in den europäischen Ländern

Das Problem bleiben bei vielen jedoch die fehlenden Unterlagen: Wer in einer Nacht-und-Nebelaktion sein Land verlässt, nimmt nicht unbedingt sein Abiturzeugnis mit. In diesem Fall kann jedoch auf den Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 8.11.1985 zurückgegriffen werden: Ein indirekter Nachweis der Hochschulzugangsberechtigung ist möglich, wenn Studienbewerber die notwendigen Unterlagen aus politischen Gründen nicht erbringen können. Das heißt, dass in Einzelfällen einfache Kopien statt des Originalzeugnissen angenommen werden dürfen. Es ist sogar möglich, dass Betroffene eine eidesstattliche Versicherungen abgeben, dass sie Abitur gemacht haben. Mehrere Ministerien empfehlen den Hochschulen, bei der Einzelfallprüfung nicht zu strenge Maßstäbe anzulegen.

Fehlen allerdings die kompletten Unterlagen und es gibt keinerlei Nachweis, dass der zukünftige Student jemals eine Schule von innen gesehen hat, brauche es weitere Regelungen. Eine Arbeitsgruppe der KMK erörtert aktuell, wie der Beschluss an die aktuelle Situation angepasst werden kann.

Status und Schutz von Flüchtlingen in Deutschland

An der Berliner Kiron-Universität ist man da schon etwas weiter: Flüchtlinge können an der Online-Uni Wirtschaftswissenschaften, Ingenieurwesen, Informatik, Architektur und interkulturelle Studien werden angeboten. Damit decke die Uni die meisten Wünsche von Studenten ab, sagt Kreßler. „Medizin war noch viel gefragt“, das sei über Online-Kurse aber schwierig. In den ersten zwei Jahren besuchen die Studenten am Computer Kurse von teils renommierten internationalen Hochschulen wie Harvard oder Yale. Dann geht es an eine von bislang 15 Partnerhochschulen. Auch die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule (RWTH) Aachen will Studenten aufnehmen. Bildung sei entscheidend für die Integration, begründet RWTH-Rektor Ernst Schmachtenberg das Engagement.

Drei bis vier Jahre wird es dauern, bis man sieht, ob das Konzept der Kiron Universität funktioniert. Dann sollen die ersten Studenten einen anerkannten Bachelor-Abschluss haben. Bis dahin wollen Kreßler und seine Mitstreiter das Projekt auch in andere Länder getragen haben. Als erstes soll eine Basis in der Türkei öffnen. Im kommenden Jahr wollen sie mehr als 10.000 Studenten haben. „Wir könnten jetzt schon bei 100.000 sein, wenn wir wollten“, sagt der 25-Jährige.

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Doch dafür fehlt es noch an Geld. 1200 Euro kostet ein Studium mit Laptop, Internetzugang, Gebühren. Das Geld soll unter anderem über Crowdfunding zusammenkommen. Fast 150.000 Euro hat die Kampagne schon gebracht. Später soll sich die Universität selbst tragen, indem gut verdienende Absolventen spenden. Und sie soll mehr sein als eine Hochschule, eine Art „Migration Hub“, wie Kreßler sagt. Oder: „Integration unter dem Dach einer Universität“.

Andrew hat übrigens sein Abitur nachgemacht und deutsch gelernt. Er hat sich für Wirtschaftswissenschaften eingeschrieben. Auf den Brief vom BAMF wartet er seit zehn Monaten. Ohne Kiron würde er immer noch nicht studieren. Und der deutsche Staat bezahle Sozialleistungen für ihn, obwohl er eigentlich längst auf eigenen Beinen stehen könnte.

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