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Studieren während Corona Zurück ins Kinderzimmer

Vor allem Studierende in finanziell schwieriger Lage ziehen zurück ins Elternhaus. Quelle: imago images

Immer mehr meiner Freunde und Mitstudierenden ziehen zurück zu ihren Eltern. Auch ich trete den Weg in einigen Wochen an. Das hat vor allem finanzielle Gründe. Schuld ist die Coronapandemie.

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Seit fünfeinhalb Jahren wohne ich in einer Zweier-WG in Düsseldorf. 2015 begann ich ein Studium an der Heinrich-Heine-Universität – seit Oktober 2019 mache ich meinen Master in Duisburg. Ich entschied mich jedoch dafür, in Düsseldorf wohnen zu bleiben, da ich hier meine Freunde und meinen Job habe. Und dann kam die Coronakrise.

Anfangs schien es gar nicht so schlimm. Durch die Distanzlehre musste ich nicht mehr jeden Tag nach Duisburg pendeln. Auch die Arbeit wurde ins Homeoffice verlegt: Für die frühen Dienste um 6 Uhr musste ich nicht mehr morgens um halb 5 aufstehen, sondern konnte bis halb 6 „ausschlafen“. Ich habe die Uni und die Arbeit viel besser unter einen Hut bekommen, konnte bis 14:30 Uhr arbeiten und mich ab 15 Uhr einem Online-Seminar widmen. Dinge, die vorher mit Fahrtzeiten undenkbar waren. Meine Mitbewohnerin und ich verbrachten mehr Zeit denn je zusammen, wir fingen an, uns unsere Zeit mit puzzlen zu vertreiben, brachten die Wohnung wieder in Schuss und eröffneten unseren eigenen Co-Working-Space.

Die Zeit verging und mittlerweile läuft mein Leben seit neun Monaten nahezu ausschließlich digital ab – meins und das fast aller anderen Studierenden in Deutschland. Während die Schulen im Sommer wieder öffneten, mussten wir weiterhin zu Hause bleiben. Viele meiner Kommilitoninnen und Kommilitonen sind aus ganz Deutschland zum Studium umgezogen. Ein Studium, welches durch die Pandemie dann nur knapp vier Monate in Präsenz stattfand.

Als absehbar war, dass auch das Wintersemester ausschließlich digital stattfinden würde, hinterfragten immer mehr von ihnen ihre Entscheidung für die eigene Wohnung. So zum Beispiel meine Freundin Viktoria. Im Sommer entschied sie sich, ihr WG-Zimmer aufzugeben und wieder zu ihren Eltern nach Krefeld zu ziehen. Für sie waren es neben dem finanziellen Aspekt vor allem praktische Gründe: Sie kämpfte in Düsseldorf ständig mit einer schlechten Internetverbindung, die meisten Vorlesungen konnte sie nur abgehackt oder gar nicht verfolgen. Hinzu kam der Lärm von der Hauptstraße, an der sie wohnte. Nebenbei arbeitet sie als Tagungsleiterin bei der Konrad-Adenauer-Stiftung. Ein Job, der durch Corona auch größtenteils wegfällt – und damit der Verdienst. „Einige Veranstaltungen finden zwar noch digital statt, damit lassen sich aber nicht alle Kosten decken“, erzählt sie.

Nach langem Überlegen werde auch ich diesen Monat den Weg zurück in mein Kinderzimmer antreten. Hauptsächlich wegen des Geldes, außerdem hat meine Mitbewohnerin vor zwei Monaten ihr Referendariat angefangen, weswegen ich jetzt viel Zeit alleine verbringe. Aktuell zahle ich monatlich circa 350 Euro für mein Zimmer – für Düsseldorf zwar vergleichsweise wenig, für den Wohnungsstandard jedoch angemessen (die Wohnung wird nach unserem Auszug grundsaniert). Meine Eltern wohnen in einem 2600-Seelen-Dorf – in einem großen Haus mit Garten, Hund und einem Wald eine Gehminute entfernt. Nicht die schlechtesten Voraussetzungen.

Mit dem Umzug spare ich hochgerechnet über 4000 Euro im Jahr, was sehr viel Geld für mich ist. Dafür, dass ich alles, was ich zur Zeit in Düsseldorf mache, auch aus meinem Elternhaus machen kann. Hinzu kommen Ausgaben für Lebensmittel und andere Dinge des täglichen Gebrauchs. Diese Kosten fallen zwar nicht alle weg, aber ein Großteil davon.

In meinem Alter ist Sparen für viele, auch für mich, nahezu unmöglich. Als Student lebt man häufig von der Hand in den Mund, oft ist am Ende des Monats kaum noch Geld übrig. Dann fallen während des Studiums Praktika an – oft unterbezahlt, obwohl es nebenbei unmöglich ist, arbeiten zu gehen. Auch nach dem Studium stehen einem hohe Ausgaben bevor: Ein Umzug in eine neue Stadt, je nachdem wo der erste Job gefunden wird. Dann muss eine neue Wohnung eingerichtet werden, vielleicht wird ein Auto benötigt. Dieses Startkapital für das „richtige Erwachsenenleben“ fehlt an vielen Stellen. Und genau das sind alles Dinge, die bei mir später im Jahr anstehen.

Ich habe noch das Glück, einen relativ krisenfesten Nebenjob zu haben. Viele Studierende verloren durch die Coronapandemie ihren Job, mit welchem sie teilweise ihren Lebensunterhalt finanzieren und gerieten in eine finanzielle Notlage. Das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) hat in einer Umfrage 28.600 Studierenden an 23 Hochschulen zu deren Situation während der Coronakrise befragt: Für insgesamt 37 Prozent der erwerbstätigen Studierenden hat sich die Situation verschlechtert. Bezogen auf alle befragten Studierenden entspricht dies einem Anteil von 21 Prozent. So wurden zehn Prozent der erwerbstätigen Studierenden im Zuge der Coronapandemie entlassen, weitere 14 Prozent unbezahlt freigestellt und 16 Prozent der Studierenden waren von einer Arbeitszeitreduktion betroffen.

Neben alternativen Finanzierungsquellen, wie eigene Ersparnisse, Bafög, die Überbrückungshilfe der Bundesregierung oder anderen Krediten, ist eine Minimierung laufender Miet- und Lebenshaltungskosten eine naheliegende Reaktion, um finanzielle Notlagen zu mildern. Während im Wintersemester 2019/2020 lediglich 23 Prozent der Studierenden bei den Eltern wohnten, ist dieser Anteil im Sommersemester 2020 auf 32 Prozent angestiegen. Vor allem Studierende in finanziell schwieriger Lage sind (zurück) ins Elternhaus gezogen: Der Anteil der bei den Eltern Wohnenden hat sich im Vergleich zum vorangegangenen Semester von 18 Prozent auf 29 Prozent erhöht.

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