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Tauchsieder

Die Rückkehr des Pisa-Schocks

Aus lauter Angst vor Super-China-Kindern richten deutsche Eltern ihren Nachwuchs zu blöden Lernmaschinen und angepassten Funktionseliten ab. Auf der Strecke bleibt die Bildung. Ein Aufschrei.

Beim neuen internationalen Pisa-Schultest haben sich die Schüler in Deutschland im oberen Mittelfeld behauptet. Quelle: dpa

Das Schönste am Pisa-Schock ist, dass er herumgeht wie ein Plumpssack. Vor zwölf Jahren, ältere Zeitgenossen erinnern sich noch gut, ereilte der Pisa-Schock Deutschland. Die von der OECD alle drei Jahre vorgenommene Vermessung internationaler Schülerfähigkeiten listete den Nachwuchs der stolzen Industrie- und Exportnation auf den Plätzen 20 (Mathematik und Naturwissenschaften) und 21 (Lesefähigkeit), weit hinter Österreich und Belgien, Kanada und der Schweiz, ganz zu schweigen von den Performance-Königen in Nordeuropa und den Drill-Erfolgreichen in Fernost.

In diesen Ländern gibt es die besten Mathematik-Schüler
Norwegen liegt mit 489 Punkten im Bereich Mathematik auf dem 30. Platz und damit knapp vor ... Quelle: dpa
... dem Großherzogtum Luxemburg mit 490 Punkten. Land liegt damit unter dem OECD-Durchschnitt, allerdings verbesserten sich die Luxemburger Schüler auch im Vergleich zu 2009. Eine Besonderheit gibt es allerdings: Die 15- bis 16-jährigen Schüler schneiden um 25 Prozent besser ab als ihre Mitschülerinnen - das sind die größten geschlechterspezifischen Unterschiede der OECD. Quelle: dpa
Lettland reiht sich mit 491 Punkten auf Platz 28 an. In dem baltischen Staat hat allerdings im Vergleich zum vergangenen Testzeitraum die Chancengleichheit abgenommen. Quelle: dpa
Mit Island und seinen 493 Punkten reiht sich der zweite nordische Staat unter die Top30. Das Land gehört allerdings zu den Verlierern im Test und verliert im Vergleich zu 2009 14 Punkte. Quelle: dapd
Genau im Durchschnitt der untersuchten Länder liegt mit 494 Punkten das Vereinigte Königreich Großbritannien. Quelle: REUTERS
Frankreich reicht sich mit 495 Punkten auf Platz 25 ein. Allerdings ist auffällig, dass die Franzosen im Bereich Chancengleichheit und Leistungsunterschiede besonders schlecht dastehen. Quelle: dpa
Die Tschechische Republik hat mit 499 Punkten einen leichten Abwärtstrend im Fach Mathematik zu verzeichnen, besonders schlecht werden die Leistungsunterschiede beurteilt. Quelle: dpa

Der Schock war umso größer, als die Panikbereitschaft in Deutschland damals besonders ausgeprägt war. Schließlich regierte Rot-Grün in jenen Jahren, was bürgerlichen Spitzenpolitikern und Burda-Springer-Leitartiklern Anlass genug war, das gesamte Land wie eine Art Aussatz zu behandeln. Mit weit aufgerissenen Augen eilten sodann Bildungsforscher und Wirtschaftskapitäne in die Fernseh-Talkshows, um deutsche Untergangssehnsüchte zu stillen: Der Standort Deutschland sei gefährdet, weil kein Leistungswille mehr vorhanden und die Nation nicht mehr hungrig genug sei. Ein Volk von Germanisten und Philosophen habe man sich da herangezüchtet, lauter antriebslose Schopenhauer-Freunde, die lieber Taxi fahren, um sich das Geld für den nächsten Haschurlaub am Strand von Goa zu verdienen statt Ingenieur zu werden, ein Reihenhaus zu kaufen und eine vierköpfige Familie zu gründen, um nine to five effizient an der Erhaltung und Verteidigung des nationalen Wohlstands mitzuwirken.

Schuld an allem waren damals - wie immer - die 68er und ihre ökologiebewegten Kinder, die man in Deutschland unter Hinweis auf „German Angst“, mangelnde Technikbegeisterung und ausgeprägte Fortschrittsfeindschaft jederzeit begründungslos zum Teufel wünschen darf. Die Permissivität der antiautoritären Erziehung habe der Disziplinbereitschaft der Kinder den Boden entzogen und den Jugendlichen alle Leidenschaft zur Selbst-Inzuchtnahme gründlich abtrainiert. Heraus gekommen sei eine Gesellschaft der maximalen Liberalisierung mit minimalen Umgangsformen – und ein Nachwuchs, der die Flüchtigkeit eiliger Ekstasen und den Reiz, eine RTL-II-Berühmtheit zu werden, höher schätzt als die sublime Leidenschaft von Verzicht und Askese bei der Verfolgung etwas raffinierterer Bildungsgenüsse. Die Leitwissenschaft jener Tage, man mag es heute kaum noch glauben, war die Ökonomie, die unter Bildung traditionell die Bildung von Humankapital versteht, während die meisten Geisteswissenschaftler, allen voran die Soziologen, im Ruf standen, als nörgelnde Eckensteher die Steigerung des Bruttosozialprodukts zu behindern. Ethnologie , Ärchäologie, Philosophie, Theologie, die Literaturwissenschaften – das alles wurde von der bürgerlich-liberalen Elite nicht nur zum unproduktiven Kosmos der „Orchideenfächer“ gerechnet und schamlos abqualifiziert. Vielmehr wurden die „brotlosen Künstler“ auch persönlich stigmatisiert, indem man sie zum Problem für den Wohlstand der Deutschen erklärte. Der Liberalismus zeigte sich damals von seiner hässlichsten Seite. Ausgerechnet die Emanzipationsfreunde stellten sich damals in den Dienst der Staatsräson – und vergingen sich an der individuellen Freiheit der Deutschen, ihr Glück in Zukunft als Volk der Germanisten und Historiker zu versuchen.

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