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Tauchsieder

Ein Brief an Naina

Die Twitter-Nachricht der 17-jährigen Schülerin Naina spaltet Deutschland: Lernen Schüler zu wenig über Wirtschaft und Finanzen? Eine Antwort des WirtschaftsWoche-Redakteurs Dieter Schnaas.

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Naina-Tweet belebt Bildungsdebatte Quelle: dpa Picture-Alliance

Liebe Naina, 

Sie sind bald 18, schreiben Sie, haben keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen - und empfinden das als Mangel. Heißt das, ich muss mir Sie als unglücklichen Menschen vorstellen?

Ehrlich gesagt: Ich kann das nicht glauben. Sie flunkern doch, nicht wahr? 

Albert Camus, ein französischer Schriftsteller, hat sich sogar Sisyphos als glücklichen Menschen vorgestellt. Sie haben gewiss davon gehört, von Albert Camus meine ich, und natürlich auch von Sisyphos, dem mythischen Helden der Antike, selbst wenn das Lateinische und Altgriechische nicht zu den vier Sprachen gehören, in denen Sie bewundernswerterweise Gedichte zu interpretieren vermögen.

Mühen ohne Lohn

Sisyphos jedenfalls, Sie kennen die Geschichte, wird ohne Angabe von Gründen dazu verdammt, einen Felsblock einen steilen Hang hinauf zu wälzen, wieder und wieder, ohne dass er dabei jemals den Gipfel erreichen, den Lohn seiner Arbeit ernten, an das Ziel seiner Mühen gelangen würde.

Wenigstens hat Homer dafür keine Gründe angegeben, Sie wissen schon, das literarische Urfossil des Abendlandes, der vor 2700 Jahren noch von einer Welt zu berichten wusste, die sich nicht auf Geld reimte.

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Damit will ich sagen, dass es diese Welt tatsächlich einmal gegeben hat: eine Welt ohne Geld, unglaublich, nicht wahr? Eine Welt, in der Glaukos und Diomedes ihre Rüstungen tauschen, um auf dem Schlachtfeld die Freundschaft ihrer ehrenhaften Väter zu erneuern. Wobei der eine dem anderen eine eherne Rüstung schenkt, die neun Rinder gekostet hat - und der andere dem einen eine goldene Rüstung, die 100 Rinder teuer war...

Neun gleich Hundert, stellen Sie sich vor: Das war damals noch eine Gleichung, die aufging!

Eine Welt ohne Geld

Eine Welt ohne Geld also, da waren wir stehen geblieben. In so einer Welt war damals auch Odysseus unterwegs, Sie wissen schon, der listenreiche Mann aus dem felsenreichen Ithaka, der seine Penelope verließ, um in den Trojanischen Krieg zu ziehen und erst nach 20 Jahren in seine geliebte Heimat zurückkehren konnte, weil Poseidon, der Meeresgott, zwischenzeitlich ein Hühnchen mit ihm zu rupfen hatte...

Vielleicht hat man sich diesen Odysseus als ein Art antiken Backpacker vorzustellen. Als einen Menschen, der ziellos durch die Gegend streift, von Insel zu Insel, der es immer nimmt, wie's kommt, ausgestattet mit Lebensmut und Zuversicht.

Als Menschen, der keine Orientierung hat und keinen Halt, der ganz ohne Kalkül unterwegs ist, ohne Berechnung und Motiv, gewissermaßen vogelfrei den Zyklopen und Sirenen ausgeliefert: ein Mensch, der die Welt nicht erobert, weil er glaubt, sie gehöre ihm - sondern der die Welt auf sich zukommen lässt...  

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Aber was erzähl ich. Ich war bei Homer stehen geblieben, der von Sisyphos ohne Angabe von Gründen dazu verdammt wurde, einen Felsblock einen steilen Hang hinauf zu wälzen. Andere Autoren waren übrigens der Auffassung, eine Strafe könne dem Menschen nicht grundlos auferlegt werden. Sie berichten, dass Zeus, der Göttervater, sie Sisyphos auferlegt hätte.

Wieder andere erzählen, dass Thanatos, der Gott des Todes, sich an Sisyphos gerächt, ihn zum ewigen Leben verdammt habe.

Mit dem Tod ist es ja so eine Sache. Es gibt Philosophen, die ihn als Lebenselixier beschreiben. Klingt kühn, klingt verrückt, nicht wahr?

Aber überlegen Sie mal: Ohne den Tod wüssten wir vom Leben nichts. Tiere verenden, der Mensch aber stirbt, hat so ein Philosoph mal geschrieben: Nur weil der Mensch um sein Ende weiß, kann er mit dem Nachdenken beginnen und seinem Leben einen Sinn geben.

Weit weg von Steuererklärungen

Der Philosoph hieß übrigens Martin Heidegger, Sie haben gewiss schon einmal von ihm gehört. Er hielt sich bevorzugt in schönen Landschaften auf, weil er, wie soll man sagen, vielleicht nicht religiös, aber religiös musikalisch war, der Schöpfung innig verbunden - und natürlich, weil er den Rationalitäten der Zivilisation mit ihren Steuererklärungen, Mietverträgen und Lebensversicherungen so fern wie möglich sein wollte.

Natürlich musste auch Heidegger sein Geld verdienen, musste Seminare abhalten, Prüfungen abnehmen, solche Sachen. Zum Glück für die Studenten.

Der Zauber des Lebens

Denn Heidegger konnte so schön reden in seinen Vorlesungen, so verzaubernd vom Zauber des Lebens und vom Glück des In-der-Welt-Seins sprechen, vom Ergriffen- und Umfangen-Sein, dass viele seiner Studenten verzückt waren, entzündet, erleuchtet, ja: ihnen standen Tränen in den Augen. Unglaublich, nicht wahr?

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Kein Wunder, dass es Studentinnen gab, die sich in den Meister verliebten. Ach, die Liebe! Die Hälfte der Literatur dreht sich um die Liebe und fast die gesamte Opernwelt.

Haben Sie Schon mal von "Tristan und Isolde" gehört, liebe Naina? Sind Sie schon mal eingetaucht in den narkotisierenden Rausch der Musik, der Liebe, der Selbstverschwendung und Selbstverschwindung? Haben Sie schon mal alles vergessen, was um Sie herum passiert, was war, was ist, was werden soll? Sind Sie schon mal aufgegangen, aufgeblüht im dauernden Augenblick?

"In des Wonnenmeeres wogendem Schwall, in der Duftwellen tönendem Schall, in des Welt-Atems wehendem All, ertrinken, versinken, unbewusst, höchste Lust..."? Aber sicher, ganz bestimmt. 

Eine von Heideggers Studentinnen hieß übrigens Hannah Arendt. Ich bin sicher, Sie ist Ihnen schon einmal begegnet, in einem Buch meine ich oder im Unterricht.

Hannah Arendt hat Heidegger verehrt, geliebt - und ist doch gewissermaßen über ihn hinaus gewachsen. Eine tolle Frau. Übrigens konnte Hannah Arendt schon als Zwölfjährige Aristoteles und Platon im altgriechischen Original lesen, aber das tut nichts zur Sache.

Wovon ich Ihnen erzählen will: Hannah Arendt hat die Philosophie ihres Lehrers vom Kopf auf die Füße gestellt. Sie war der Auffassung, dass der Zauber des Lebens nicht vom Tod ausgehe, sondern von der Geburt.

Die Welt steht uns offen

Wir kommen auf die Welt - und werden im Laufe unseres Lebens immer wieder mit der Möglichkeit des Neuanfangs beschenkt. Wir können unserem Leben immer wieder, so oft wir es wollen, diese oder jene Richtung geben. Wie schön: Die Welt steht uns offen. Sperrangelweit.  

Was mich auf Hermann Hesse und sein Gedicht "Stufen" bringt. Sie wissen schon, das Lieblingsgedicht unserer Kanzlerin, von dessen Übersetzungen Sie mir bei Gelegenheit mal berichten müssen.

"Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe / Bereit zum Abschied sein und jedem Neubeginne..." Wer hat das wann, wie und warum in welches Englisch und in welches Französisch übersetzt?

Die Länder mit den glücklichsten Schülern
Blick auf die isländische Hauptstadt Reykjavik Quelle: dpa
KasachstanDas zentralasiatische Steppenland steht nicht gerade für ein leistungsfähiges Schulsystem. Bei der Lesekompetenz schneiden die 15-jährigen Kasachen miserabel schlecht ab, untertroffen nur von Katar und Peru.  Doch sie sind umso glücklicher in ihren Schulen. Quelle: REUTERS
Eine Schülerin tanzt auf einer Parade am Independence Day in San Jose Quelle: REUTERS
Eine Frau schwenkt die Nationalflagge Mexikos Quelle: dapd
Schüler in Malaysia Quelle: dpa
Schüler in Kolumbien Quelle: dpa
Schüler in Thailand Quelle: dpa

Aber ich will nicht abschweifen. Zurück zu Sisyphos, zurück zu Albert Camus.

Ich sagte bereits: Camus hat sich diesen Sisyphos als glücklichen Menschen vorgestellt. Was meinte er damit? Nun, Camus war wohl der Auffassung, dass das Leben sinnlos ist. Eine Auffassung, die ich übrigens teile.

Denn das Schöne daran ist, dass uns die Sinnlosigkeit des Lebens dazu verurteilt, dem Leben einen Sinn zu geben (oder nicht). Wir werden auf die Welt geworfen, leben und sterben.

Ein Meer der Möglichkeiten

Das ist alles, Arendt hin, Heidegger her: Wir sind gezwungen, frei zu sein, unsere Freiheit zu ergreifen, uns in der Welt zurecht zu finden. Ist das nicht ein herrlicher Gedanke? Das Leben ist sinnlos, klar, aber eben deshalb bunt und weit und offen, ein Meer der Möglichkeiten, ein ungehobener Erfahrungsschatz.

Aber was red' ich. So weit kommt es noch, dass ich versuche, Sie auf irgendeinen verborgenen Sinn meines Briefes zu stoßen. Er kann dies bedeuten oder das, wer wüsste das besser als Sie.

Das ganze Leben ist Auslegungssache, nichts weiter - und wenn Ihre Lehrer Sie mit einem gerüttelt Maß Ratlosigkeit ausgestattet haben, darf man sie, die Lehrer, und Sie, die Abiturientin, dazu von Herzen beglückwünschen.    

In diesem Sinne eine gute Lebensreise wünscht: 

Dieter Schnaas

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