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Tauchsieder

Ein Brief an Naina

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Weit weg von Steuererklärungen

Der Philosoph hieß übrigens Martin Heidegger, Sie haben gewiss schon einmal von ihm gehört. Er hielt sich bevorzugt in schönen Landschaften auf, weil er, wie soll man sagen, vielleicht nicht religiös, aber religiös musikalisch war, der Schöpfung innig verbunden - und natürlich, weil er den Rationalitäten der Zivilisation mit ihren Steuererklärungen, Mietverträgen und Lebensversicherungen so fern wie möglich sein wollte.

Natürlich musste auch Heidegger sein Geld verdienen, musste Seminare abhalten, Prüfungen abnehmen, solche Sachen. Zum Glück für die Studenten.

Der Zauber des Lebens

Denn Heidegger konnte so schön reden in seinen Vorlesungen, so verzaubernd vom Zauber des Lebens und vom Glück des In-der-Welt-Seins sprechen, vom Ergriffen- und Umfangen-Sein, dass viele seiner Studenten verzückt waren, entzündet, erleuchtet, ja: ihnen standen Tränen in den Augen. Unglaublich, nicht wahr?

Können Sie diese PISA-Aufgaben lösen?

Kein Wunder, dass es Studentinnen gab, die sich in den Meister verliebten. Ach, die Liebe! Die Hälfte der Literatur dreht sich um die Liebe und fast die gesamte Opernwelt.

Haben Sie Schon mal von "Tristan und Isolde" gehört, liebe Naina? Sind Sie schon mal eingetaucht in den narkotisierenden Rausch der Musik, der Liebe, der Selbstverschwendung und Selbstverschwindung? Haben Sie schon mal alles vergessen, was um Sie herum passiert, was war, was ist, was werden soll? Sind Sie schon mal aufgegangen, aufgeblüht im dauernden Augenblick?

"In des Wonnenmeeres wogendem Schwall, in der Duftwellen tönendem Schall, in des Welt-Atems wehendem All, ertrinken, versinken, unbewusst, höchste Lust..."? Aber sicher, ganz bestimmt. 

Eine von Heideggers Studentinnen hieß übrigens Hannah Arendt. Ich bin sicher, Sie ist Ihnen schon einmal begegnet, in einem Buch meine ich oder im Unterricht.

Hannah Arendt hat Heidegger verehrt, geliebt - und ist doch gewissermaßen über ihn hinaus gewachsen. Eine tolle Frau. Übrigens konnte Hannah Arendt schon als Zwölfjährige Aristoteles und Platon im altgriechischen Original lesen, aber das tut nichts zur Sache.

Wovon ich Ihnen erzählen will: Hannah Arendt hat die Philosophie ihres Lehrers vom Kopf auf die Füße gestellt. Sie war der Auffassung, dass der Zauber des Lebens nicht vom Tod ausgehe, sondern von der Geburt.

Die Welt steht uns offen

Wir kommen auf die Welt - und werden im Laufe unseres Lebens immer wieder mit der Möglichkeit des Neuanfangs beschenkt. Wir können unserem Leben immer wieder, so oft wir es wollen, diese oder jene Richtung geben. Wie schön: Die Welt steht uns offen. Sperrangelweit.  

Was mich auf Hermann Hesse und sein Gedicht "Stufen" bringt. Sie wissen schon, das Lieblingsgedicht unserer Kanzlerin, von dessen Übersetzungen Sie mir bei Gelegenheit mal berichten müssen.

"Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe / Bereit zum Abschied sein und jedem Neubeginne..." Wer hat das wann, wie und warum in welches Englisch und in welches Französisch übersetzt?

Die Länder mit den glücklichsten Schülern
Blick auf die isländische Hauptstadt Reykjavik Quelle: dpa
KasachstanDas zentralasiatische Steppenland steht nicht gerade für ein leistungsfähiges Schulsystem. Bei der Lesekompetenz schneiden die 15-jährigen Kasachen miserabel schlecht ab, untertroffen nur von Katar und Peru.  Doch sie sind umso glücklicher in ihren Schulen. Quelle: REUTERS
Eine Schülerin tanzt auf einer Parade am Independence Day in San Jose Quelle: REUTERS
Eine Frau schwenkt die Nationalflagge Mexikos Quelle: dapd
Schüler in Malaysia Quelle: dpa
Schüler in Kolumbien Quelle: dpa
Schüler in Thailand Quelle: dpa

Aber ich will nicht abschweifen. Zurück zu Sisyphos, zurück zu Albert Camus.

Ich sagte bereits: Camus hat sich diesen Sisyphos als glücklichen Menschen vorgestellt. Was meinte er damit? Nun, Camus war wohl der Auffassung, dass das Leben sinnlos ist. Eine Auffassung, die ich übrigens teile.

Denn das Schöne daran ist, dass uns die Sinnlosigkeit des Lebens dazu verurteilt, dem Leben einen Sinn zu geben (oder nicht). Wir werden auf die Welt geworfen, leben und sterben.

Ein Meer der Möglichkeiten

Das ist alles, Arendt hin, Heidegger her: Wir sind gezwungen, frei zu sein, unsere Freiheit zu ergreifen, uns in der Welt zurecht zu finden. Ist das nicht ein herrlicher Gedanke? Das Leben ist sinnlos, klar, aber eben deshalb bunt und weit und offen, ein Meer der Möglichkeiten, ein ungehobener Erfahrungsschatz.

Aber was red' ich. So weit kommt es noch, dass ich versuche, Sie auf irgendeinen verborgenen Sinn meines Briefes zu stoßen. Er kann dies bedeuten oder das, wer wüsste das besser als Sie.

Das ganze Leben ist Auslegungssache, nichts weiter - und wenn Ihre Lehrer Sie mit einem gerüttelt Maß Ratlosigkeit ausgestattet haben, darf man sie, die Lehrer, und Sie, die Abiturientin, dazu von Herzen beglückwünschen.    

In diesem Sinne eine gute Lebensreise wünscht: 

Dieter Schnaas

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