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Trotz Nullzinsen „Der KfW Kredit ist der teuerste Studienkredit“

Oft sehen die Studenten den Wald vor lauter Bäumen nicht, wenn es um die Studienfinanzierung geht. Quelle: dpa

Die KfW hat in diesem Jahr fast viermal mehr Studienkredite als im Vorjahr vergeben. Damit stürzen sich die Studenten in eine teure Abhängigkeit – denn die Zinsen bleiben nicht mehr lange bei null.

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Zehntausende Studenten haben in den vergangenen fünf Monaten Studienkredite in Höhe von fast einer Milliarde Euro bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) beantragt. Das geht aus einem Schreiben des Bundesbildungsministeriums an den Haushaltsausschuss des Bundestages hervor. Demnach wurden von Mai bis September rund 30.800 Anträge auf einen KfW-Studienkredit in Höhe von insgesamt 919,6 Millionen Euro gestellt. Im Vergleich zum Vorjahr sind das fast viermal so viele Anträge. Damit kann die KfW erstmalig seit sechs Jahren von einer Erhöhung der Kreditnachfrage sprechen. Denn: Die Zahl der neu abgeschlossenen Studienkredite hatte sich zuvor von 2014 bis 2019 fast halbiert, wie der Studienkredit-Test des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) von 2020 zeigt. Obwohl es derzeit 2,9 Millionen Studenten gibt – fast eine Million mehr als vor 15 Jahren.

Null Prozent Zinsen – ein verlockendes Angebot

„Der Höhenflug ist teuer erkauft“, erklärt Ulrich Müller, Leiter der politischen Analysen der CHE, die gestiegene Zahl der Kredite. Die Kreditzinsen liegen noch bis zum 31. März bei null Prozent. Damit sollen Studierende in der Coronakrise entlastet werden. Das macht ihn deutlich attraktiver. Vorher betrug der Zinssatz 4,36 Prozent. Normalerweise wird jedes halbe Jahr die Verzinsung festgelegt, die am variablen Referenzzinssatz für Termingelder im Interbankengeschäft, der Euro Interbank Offered Rate (Euribor), gekoppelt ist.

In den vergangenen Jahren ist dieser relativ konstant bei etwa vier Prozent geblieben. Ob der Zinssatz ab April dasselbe Niveau erreicht, kann die KfW jedoch nicht voraussagen: „Das ist von der Entwicklung der Kapitalmärkte abhängig“, begründet Phillip Rauh, Produktmanager der KfW Bankengruppe. Studenten, die sich in der Rückzahlungsphase oder Karenzphase befinden, profitieren zurzeit nicht von dem Nullzins. Die Karenzphase ist der Zeitraum zwischen der letzten monatlichen Rate und dem Beginn der Rückzahlung. Nach der letzten Rate hat der Student im Normalfall 18 Monate Pause, bevor die Rückzahlung beginnt. In dieser Zeit fallen nur die Kreditzinsen an – die nach Angaben von Rauh aktuell bei 4,08 Prozent (Effektivzinssatz: 4,16 Prozent pro Jahr) liegen. 

Null Prozent Zinsen verlocken dazu, einen Studentenkredit abzuschließen. Aber: Nur wenn der Student bis April das geliehene Geld auch wieder zurückgezahlt hat, macht er keine Verluste. Ansonsten fallen ab dem Moment die Zinsen wieder an. Eine Rückzahlungsphase dauert teilweise bis zu 25 Jahre. Dann muss der Student mehrere Tausend Euro zurückzahlen. „Grundsätzlich ist der KfW-Kredit der teuerste Kredit, den der Student derzeit zur Finanzierung des Studiums nehmen kann“, sagt Müller.

Doch nicht nur die Zinsen sind für die gestiegene Kreditnachfrage verantwortlich. Nach den neuen Richtlinien haben nun auch ausländische Studierende einen Anspruch auf den KfW-Kredit. Sie machen mehr als die Hälfte der neuen Anträge aus. Und nicht jeder Antrag wird bewilligt: Von den 17.000 Anträgen hat die KfW nach eigenen Angaben 11.500 Studenten die finanzielle Unterstützung zugesagt. Um den Kredit zu erhalten, muss der Antragsteller an einer deutschen Hochschule studieren, eine inländische Meldeadresse haben sowie unter 44 Jahre sein. Die Förderdauer ist vom Alter abhängig. Ist der Student unter 25 Jahre, beträgt die maximale Förderdauer 14 Semester. Ist er unter 35 Jahre, kann er zehn Semester gefördert werden und unter 45, sechs Semester. Wenn der Student nur den Master oder die Promotion durch den Kredit finanzieren möchte, hat er für maximal sechs Semester einen Anspruch auf den Kredit. Bereits abgeschlossene Semester gelten als Fördersemester. Ist der Student beispielsweise schon im siebten Mastersemester, steht ihm keine Unterstützung mehr zu.

Maximal kann jeder Student je nach Bedarf 650 Euro beantragen. Ungefähr 900 Euro werden im Durchschnitt monatlich benötigt, wie die CHE in der Studie herausgefunden hat. Aber: „Das hängt von der Wahl des Studienorts, individuellen Bedürfnissen des Studierenden und der Verfügbarkeit anderer Finanzierungsquellen ab“, ergänzt Rauh von der KfW. Die Lebenshaltungskosten in einer Stadt wie München sind deutlich höher als zum Beispiel in Leipzig. Studenten greifen dazu auf unterschiedliche Finanzierungsquellen zurück und stellen häufig einen eigenen Mix zusammen. „Der Studienkredit ist die letzte aller Lösungen“, sagt Müller, Leiter der politischen Analysen der CHE. Vorerst nutzen Studenten neben der Unterstützung durch die Eltern Förderungen nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG), Stipendien und eigenen Einnahmen durch Nebenjobs. Das große Problem: „Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr“, so Müller. Teilweise würden sich die Angebote laut dem Experten gegenseitig widersprechen und seien unfassbar kompliziert. 

Verzweifelte Suche nach neuen Nebenjobs

Von den staatlichen Finanzierungsangeboten wird laut der Studie BAföG am häufigsten genutzt. Doch auch hier sind sinkende Förderquoten sichtbar: Inzwischen bekämen nur noch elf Prozent den Zuschuss, weiß Müller. Im vergangenen Jahr wurde der Förderungshöchstsatz zwar um mehr als 17 Prozent von 735 Euro auf 861 Euro monatlich erhöht - aber auch die Einstiegsschwelle: Eltern dürfen nicht mehr als 60.000 Euro im Jahr verdienen, damit ihre Kinder Bafög in Anspruch nehmen können. Die dennoch sinkende Zahl der BAföG-Empfänger zeigt laut Müller, dass das Instrument beim Großteil der Studierenden nicht mehr greift, weil die Eltern zu viel verdienen. Studenten müssen deshalb auf finanzielle Unterstützung durch die Eltern hoffen oder einen Nebenjob suchen.


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Zumindest vor Corona war das gut machbar. Durch die plötzlich eingetretene Krise sind nun aber viele Nebenjobs weggefallen, manche Eltern haben selbst mit finanziellen Problemen durch Kurzarbeit zu kämpfen. Viele haben deshalb mehrere Monate ohne jegliches Einkommen auskommen müssen. Wenn die konjunkturelle Lage sinkt, steigt der Bedarf an staatlicher Unterstützung. Das haben die etablierten Instrumente der Studienförderung nicht aufgefangen. Deshalb konnten Studierende zur Linderung von pandemiebedingten Notlagen von Juni bis September 2020 eine vom BMBF initiierte, nicht rückzahlungspflichtige Überbrückungshilfe beantragen. Müller sieht diesen Zuschuss jedoch als Fehlkonstruktion des Staates. Die Studierenden durften maximal 500 Euro auf dem Konto haben und mussten nachweisen, dass ihre akute finanzielle Notlage auf die Pandemie zurückzuführen war. Wer zum Beispiel 600 Euro Miete im Monat zahlen muss und das Geld dafür schon auf dem Konto hat, der hat keinen Anspruch mehr – auch wenn das Geld für alle weiteren Ausgaben fehlt.

Studieren ist nicht mehr das, was es mal war 

Müller ist sich sicher: „So wie die Studienfinanzierung in Deutschland gestaltet ist – das ergibt hinten und vorne keinen Sinn.“ Er plädiert für eine zeitgemäße Bundesstudienförderung. Früher ist es zum Beispiel normal gewesen, in Vollzeit zu studieren. Heute hingegen wird Teilzeit immer beliebter, was das BAföG jedoch nicht fördert.  Orientierungssemester, die mittlerweile oft einen wichtigen Grundbaustein für den Verlauf des Studiums bilden, werden nicht staatlich gefördert. Weniger als 40 Prozent schaffen das Studium in Regelstudienzeit, so Müller. Auch das müsse mehr bedacht werden. BAföG muss laut ihm variabler gestaltet werden, also beispielsweise durch einen zinsgünstigen Kredit aufgestockt werden können für Sondersituationen – wie die Corona-Krise. Die Finanzierungshilfe sollte unterschiedliche Eventualitäten, Lebenslagen, Bildungsbiografien und Studienmodelle auffangen.

Mehr zum Thema: Es gibt immer weniger BAföG-Empfänger in Deutschland, 2019 waren es 680.000. Das entspricht einem ein Minus von 6,4 Prozent. Der Frauenanteil steigt.

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