Universitäten Zurück zu fairen Noten

Die Noteninflation an deutschen Hochschulen hat absurde Ausmaße angenommen. Die deutschen Professoren sollten aufhören, ihren Absolventen etwas vorzumachen und endlich wieder das ganze Spektrum der Benotung ausschöpfen. Ein Gastbeitrag.

Hip, hip, hurra - Gute Noten werden immer mehr zur Farce. Quelle: dpa/Montage

Als Mitglied einer Jury für einen Dissertationspreis habe ich in den letzten Tagen viele Bewerbungen gelesen.  Die Arbeitsgebiete und Disziplinen zu denen meine Einschätzung gefragt war, reichten von der Ökologie über die Chemie bis hin zu Marketing und Medienwissenschaften. Also, ganz ehrlich, weit über meine wirkliche Expertise hinaus. Wie soll man da objektiv Äpfel und Orangen vergleichen, oder selbst innerhalb einer wissenschaftlichen Disziplin eine nachvollziehbare Wertung vornehmen? Am allerwenigsten helfen da die stets des Lobes vollen Gutachten oder gar die Abschlussnoten, denn die waren ausschließlich mit Topnoten beurteilt worden. In Gutachten habe ich schon gelegentlich Vergleiche zwischen Jesus und dem Bewerber gelesen, in denen dem Bewerber auch die Fähigkeit, über Wasser gehen zu können, zugeschrieben wurde.

Wissenschaftliche Leistungen folgen, wie die meisten Dinge im Leben einer Normalverteilung.  Der Intelligenzquotient beschreibt den durchschnittlich intelligenten Menschen mit einer willkürlichen Zahl von 100 und die Summe der Intelligenzquotienten folgt dann erwartungsgemäß einer Gaußschen Verteilung über diesen Mittelwert. Wenn jemand zwei Standardabweichungen über diesem Mittelwert liegt, dann gehört sie oder er zu den 5 Prozent der intelligentesten Menschen dieser Testreihe. 

Bei Studenten im Grundstudium an den Universitäten Deutschlands folgen wir Dozenten in großen Anfängervorlesungen auch meist so einem Notenschlüssel. Wir stellen die Verteilung der erreichten Punktzahl der Klausur graphisch dar benoten den erreichten Mittelwert mit einer 2- oder 3. Die Verteilung um diese Durchschnittsnote wird dann dazu benutzt, um den besten 10 Prozent der Studenten eine „1“ zu geben und den schwächsten 10 Prozent eine 5 oder 6.  Soweit so gut und nachvollziehbar. Es ist also nicht leicht eine 1 zu bekommen. Die Note sollte ja auch etwas aussagen und sich objektiv, im Vergleich zum Rest des Jahrgangs rechtfertigen lassen. 

Die Noteninflation an den Unis
Sprach- und KulturwissenschaftenIm Prüfungsjahr 2000 bekamen 80,5 Prozent der Absolventen (ohne Promotionen) die Noten sehr gut oder gut. 2011 waren es schon 88,4 Prozent. Quelle: destatis Quelle: dapd
SportDer Anteil der sehr guten und guten Noten veränderte sich zwischen 2000 und 2011 von 80,4 auf 83,3 Prozent. Quelle: Fotolia
Rechts-, Wirtschafts- und SozialwissenschaftenIn Jura wird traditionell streng benotet. Bei Soziologen und Ökonomen dagegen nicht. Gemeinsam ergibt sich dadurch ein Anteil der Einser- und Zweier-Zeugnisse von 55,3 (2000) beziehungsweise 71,8 Prozent (2011) Quelle: Fotolia
Mathematik und NaturwissenschaftenDie „harten“ Naturwissenschaftler haben die Inflation offenbar schon hinter sich. Schon 2000 wurden 83,3 Prozent der Absolventen wurden mit „sehr gut“ oder „gut“ bewertet. Nun sind es 83,6 Prozent. Quelle: Fotolia
MedizinAußer den Juristen sind Medizinprofessoren die härtesten Notengeber. Der Anteil der mindestens als „gut“ benoteten Absolventen stieg dennoch von 57,3 auf 71,3 Prozent.  Angehende Tierärzte wurden sogar nur zu 56,5 Prozent mit mindestens „gut“ benotet. Quelle: dpa
Agrar-, Forst- und ErnährungswissenschaftenDie Landwirte machen vor, dass es auch anders geht. Der Anteil der „sehr guten“ und „guten“ Abschlüsse sank von 80,2 auf 77 Prozent. Quelle: dpa
IngenieurwissenschaftenDie Ingenieure werden noch relativ streng benotet. Aber auch bei ihnen war die Noteninflation deutlich: 76,3 auf 79,6 Prozent. Quelle: dpa/dpaweb

Im Grundstudium werden dadurch auf der schwachen Seite der Kurve nur 10-20 Prozent „ausgesiebt“. Dennoch brechen bis zum Bachelor wohl doch – je nach Studienfach – fast 50 Prozent ihr Studium ab. Dies ist bedauerlich. Und trotzdem ist es für alle Beteiligten - die Steuerzahler, die das Studium ermöglichen, die lehrenden Professoren und insbesondere für die Studenten selbst - besser, ihnen eher früher als später klar wird, dass Ihre Studienwahl verfehlt war und sie etwas anderes mit ihrem Leben tun sollten.

Nach dem bestandenen Bachelorabschluss passiert dann etwas Merkwürdiges. Wo es im Grundstudium schwierig war, eine gute Note in den Klausuren zu erhalten, ist es im Hauptstudium plötzlich anscheinend schwierig geworden, eine schlechtere Note als eine „1“ oder gar „2“ zu bekommen. Was ist da los? Sicherlich geht die Qualität der Studenten im Durchschnitt hoch, denn es handelt sich ja nur noch um die vielleicht 50 Prozent Besten. 

Die besten Universitäten der Welt
University of Oxford Quelle: rtr
University of Chicago Quelle: Jevnin
Columbia University Quelle: dpa
Princeton University Quelle: dpa
California Institute of Technology (Caltech) Quelle: Dhilung
University of Cambridge Quelle: dpa
University of California, Berkeley Quelle: dpa

Aber an der relativen Normalverteilung von Fleiß und Talent um den besseren Durchschnittsstudenten hat sich nichts geändert. Es sollten also weiterhin nur etwa 10 Prozent der Studenten eine „1“ bekommen und 10-20 Prozent eine „4“ oder „5“. Dennoch, wie eine gerade veröffentlichte Studie des Wissenschaftsrates zeigt, herrscht in fast allen Studienfächern Deutschlands (mit Ausnahme der Rechtswissenschaften) eine frappante Noteninflation. 

Eine Masterarbeit oder Dissertation in meinem Fach, der Biologie, wird heute wie in fast allen anderen Fächern bei fast allen, ja wirklich fast allen Studenten mit einer „1“ benotet. Die Gradierung findet dann nur noch hinter dem Komma statt.  Eine Note mit einer „2“ vorm Komma wird selten vergeben und damit schon fast als „rite“ betrachtet.  Eine wirkliche „4“ (rite) habe ich in mehr als 15 Jahren als Professor in Konstanz noch nie gesehen. Dabei hätten wenigstens 10-20 Prozent der Abschlussarbeiten fairerweise im Vergleicht zu den wirklich Guten so benotet werden müssen.

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