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Desksharing „Moderner und billiger, da kann man nicht nein sagen“

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„Früher hätte man gesagt: Die stehen da und ratschen.“

Am Ende hat doch wieder jeder seinen festen Platz?
Der Lieblingsarbeitsplatz spielt eine unglaublich große Rolle, ob sich jemand im Büro wohlfühlt oder nicht. Wenn man eine bestehende Ordnung durch ständiges Umsetzen stört, dann kann das auch zu Konflikten führen. Bei meinen Befragungen sagten mir alle Verantwortlichen, der Mensch sei ein Gewohnheitstier. Ich frage mich dann aber schon, warum man trotz dieses Wissens ein Büro baut, dass diesem Gewohnheitstier scheinbar den Boden unter den Füßen wegzieht. Und sich hinterher wundert, warum es nicht funktioniert. Für mich ist das ein anthropologisches Paradox. Da wird Stress erzeugt, weil Kosten- und Modernisierungsgewinne winken.

Fehlt beim Desksharing nicht auch das Persönliche? Schließlich muss man nach jedem Arbeitstag seine Sachen wegschließen und den Schreibtisch blitzsauber hinterlassen.
Das ist ein weiterer Widerspruch der heutigen Arbeitswelt. Individualität wird total gefördert und geschätzt. Ständig heißt es, bring dich persönlich ein! Aber das flexible Büro ist eine hoch standardisierte Arbeitsumgebung, die auch nur so funktioniert. Alles, was man hat und braucht, muss in ein Rollköfferchen passen oder in ein Schließfach. Das ist schon eine Entpersönlichung. Da fehlt manchen das Katzenfoto oder der bunte Kalender. So werden Büros zu Durchgangsstationen. 

Wenn Desksharing also nicht funktioniert, wie sieht denn dann die Zukunft der Büroarbeit aus?
Jedenfalls nicht so, wie auf den heutigen Werbefotos. Da sieht man immer nur junge, schlanke Leute, die rumstehen und reden. Man sieht nie Leute auf dem Hintern sitzen und arbeiten. Überhaupt kommt das moderne Großraumbüro den Leuten entgegen, die sehr gut beschäftigt tun können. Irgendwer findet sich immer, der mit einem am Tresen steht und Kaffee trinkt. Heute denkt man: Die haben bestimmt ein Meeting. Früher hätte man gesagt: Die stehen da und ratschen. Das Büro wird aber trotzdem eine wichtige Rolle spielen.

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Braucht es das denn wirklich noch, wenn die meisten Büroarbeiter auch von zu Hause arbeiten könnten?
Absolut. Wenn alles schneller wird, brauchen Unternehmen Orte, die zwei Funktionen erfüllen: Heimat geben und Treffpunkt sein, auf Englisch: Hub and Home. Das sollten Büros leisten. Dort kann man in der Kaffeeküche mit Kollegen sprechen, mit ihnen Essen gehen, Meetings halten. Konzentriert arbeiten, das mache ich zu Hause im Homeoffice. Je virtueller die Welt wird, desto wichtiger sind analoge Orte mit sozialer Heimat und persönlicher Interaktion. Das ist auch ein Ort, an dem eine Firma eine materielle Gestalt bekommt, wo man sie riecht und wo man sie in all ihren Farben sieht. Das ist wichtig. Denn wenn ich von überall aus mit jedem arbeiten kann, dann wird ein Arbeitgeber austauschbar und man verliert jede Bindung.

Mehr zum Thema: Das Coronavirus verändert die Arbeitswelt. Die WirtschaftsWoche erklärt in einer großen Serie, wie die Arbeit von zu Hause aus gelingt.

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