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Japan Blut als Karrierekiller

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Ein guter Diplomat muss die Blutgruppe O haben

Auch in China und Taiwan findet die Theorie immer mehr Anhänger, besonders unter jungen Menschen. Und das, obwohl es dort noch immer Vorbehalte gegen die ehemalige Besatzungsmacht gibt. „Wir sind sehr skeptisch gegenüber Dingen, die aus Japan kommen“, sagt die taiwanesische Reiseführerin Lily Chuang.

Am Anfang der Glaubenslehre steht eine Studienreihe aus dem Jahr 1927, die von dem Biologen Takeji Furukawa geleitet wurde.

Der Wissenschaftler wollte wissen, woher bestimmte Verhaltensweisen und kulturelle Traditionen einer Ethnie herrühren. Dazu untersuchte er das Blut der Ureinwohner von Hokkaido, der Ainu, die als besonders gehorsam gelten, und das der Bewohner auf Taiwan, denen damals nachgesagt wurde, ein aufsässiges Temperament zu besitzen. Furukawa führte die konträren Mentalitäten auf die Blutgruppen der Völker zurück – und meinte darin einen Kausalzusammenhang entdeckt zu haben.

Der Forscher hatte mit seinem Experiment Erfolg – die Untersuchungen überzeugten weiland die Funktionäre im Außenministerium.

Ihr Fazit: Ein guter Diplomat muss die Blutgruppe O haben. Seitdem gilt der Typus als „Kronjuwel“ und Selektionskriterium für Führungskräfte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet die Theorie lange Zeit in Vergessenheit. Erst in den 1970er Jahre erhielt sie durch eine Veröffentlichung von Masahiko Nomi neuen Auftrieb.

Der Journalist warf die Frage des "ketsueki-gata" in einer Publikation erneut auf und setzte damit eine Diskussion in Gang, die bis heute anhält.

Die Stereotypisierung nach Blutgruppenzugehörigkeit nimmt inzwischen groteske Züge an

Kinder werden auf dem Schulhof gehänselt, Arbeitnehmer lehnen Bewerber ab, und selbst in der Politik ist ohne Chance, wer die „falsche“ Blutgruppe hat. So bekannte Japans ehemaliger Premierminister Taro Aso, dass er zur Blutgruppe A gehöre. Genützt hat es ihm reichlich wenig: Er wurde wenig später abgewählt.

Das unverblümte "Outing" des Regierungschefs zeigt, dass die Blutgruppen-Esoterik nicht nur notorische Neurotiker betrifft, sondern ein gesamtgesellschaftliches Phänomen darstellt. Von der elitären Oberschicht, aus der sich das Politikpersonal rekrutiert, bis hin zu einfachen Facharbeitern – alle sind sie dem fatalistischen Glauben der Blutgruppenzugehörigkeit erlegen.

Zwar wird die These von einigen Wissenschaftlern als diskriminierend und rassistisch verurteilt. Trotzdem scheint sie in der Gesellschaft salonfähig geworden zu sein. Die Theorie findet Eingang in diverse Magazine und TV-Shows. Zwischen Horoskop und Wetterbericht salbadern "Experten" über gesellschaftliche und kulturelle Implikationen, versuchen Verhaltensmuster zu entwickeln, wie man am besten mit seiner Blutgruppe "umgeht" und geben praktische Tipps für das Sexualleben.

Kurios: In den Kaufhäusern des Landes können Frauen sogar „Glückstaschen“ erwerben, die speziell auf ihre Blutgruppe zugeschnitten sind. Das ganze Land steht im Bann der Theorie.

Und die Menschen lechzen nach neuen Erkenntnissen. Immer feiner ziselierte Charaktermuster werden entworfen, um die verschiedenen Verhaltensweisen zu ergründen. Die Japaner sind regelrecht vernarrt in die pseudowissenschaftliche Expertise, von der sie sich auch Klarheit über ihre Zukunft versprechen.

Der obskure Okkultismus findet schließlich auch Eingang in Bewerbungsgespräche.

Das zentrale Erkenntnisinteresse lautet da: "Sag mir deine Blutgruppe, und ich sage dir, wer du bist."

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