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Arbeitgeber-Bewertung Ein Weg durch den Zertifikate-Dschungel

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Siegel kosten mehrere Tausend Euro

Unabhängig von der Größe zahlen Unternehmen dem Top Employers Institute 12.000 Euro für das Zertifikat. Das Institut zertifiziert jährlich weltweit über 1000 Unternehmen – vorausgesetzt, sie bieten ihren Mitarbeitern "hervorragende" Arbeitsbedingungen. "Das Unternehmen muss neben einer Strategie auch entsprechende Strukturen und Prozesse besitzen, die es den Mitarbeitern ermöglichen, sich entsprechend ihrer Bedürfnisse zu entwickeln", erklärt Geschäftsführer Steffen Neefe.  Egal ob 50 oder 500 Mitarbeiter, IT-Branche oder Gastronomie: Jedes Unternehmen muss sich dem gleichen Fragenkatalog unterziehen. "Das Unternehmen muss gewährleisten können, dass die Mitarbeiter sich weiterentwickeln können. Ab einer Zahl von 250 Mitarbeitern können sich Unternehmen von uns zertifizieren lassen, die Branche oder Rechtsform sind dabei unerheblich", sagt Neefe. 60 Prozent der geforderten Kriterien müssen die Unternehmen erfüllen, um ein "Top Employer" zu sein. Jedem zehnten Bewerber gelingt das nicht.

Relativ neu auf dem Markt ist der TÜV Rheinland: Seit 2014 hat der TÜV zehnmal das Siegel „Ausgezeichneter Arbeitgeber“ verliehen. Wobei „ausgezeichnet“ beim TÜV heißt, dass ein Unternehmen 70 Prozent der Anforderungen  erfüllen muss, nicht 100. "Wenn wir 100 Prozent verlangen würden, hätte noch kein Unternehmen das Zertifikat erhalten", sagt Projektmanager Bier.

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Die Kosten für das TÜV-Siegel sind vergleichbar mit anderen Auszeichnungen: Ein 300-köpfiges Unternehmen mit einem Standort zahlt für die Zertifizierung zwischen 5000 und 6000 Euro. Für die zwei Jahre, in der das Unternehmen vom TÜV überwacht wird, werden nochmal zwischen 4000 bis 6000 Euro fällig.

In dieser Preisspanne bewegen sich auch die Kosten des Zertifizierungsverfahrens von Berufundfamilie: Ein Unternehmen mit 250 Mitarbeitern zahlt 12.000 Euro für das Komplettpaket. In den vergangenen zwölf Jahren haben sich 1600 Unternehmen der Prüfung unterzogen – 1000 haben heute noch ein Zertifikat.

Wie viele Unternehmen die Prüfungsbedingungen nicht erfüllt haben, will Geschäftsführer Oliver Schmitz auf Anfrage von WirtschaftsWoche Online nicht verraten. Nur so viel: "Einige Unternehmen erlangten im Rahmen mehrfacher Auditierungen einen für sie akzeptablen Entwicklungsstand, so dass sie nach Ablauf des Zertifikats aus dem Verfahren ausgestiegen sind, manche haben nicht unsere Kriterien erfüllt." In den vergangenen Jahren ist die Zertifizierungsquote laut Berufundfamilie konstant hochgewesen. Doch: zirka 20 Prozent der Prüflinge haben Auflagen bekommen. Heißt: Wenn sie sich in einem vorgegebenen Zeitraum nicht in einigen Punkten verbessert haben, wird ihnen die Auszeichnung entzogen.

Der Grund für die hohe Zahl an zertifizierten Unternehmen für Schmitz: "Im Gegensatz zu anderen Angeboten geht es Berufundfamilie nicht darum, den Ist-Zustand, sondern das Entwicklungspotenzial eines Unternehmens im Hinblick auf das Familien- und Lebensphasenbewusstsein zu bewerten."

Bewerber können wenig mit Zertifikaten anfangen

Softgarden-Geschäftsführer Dominik Faber hat auf seiner Recruiting-Plattform beobachtet, dass es vor allem die großen Firmen sind, die viele Siegel und Auszeichnungen zieren. Denn sie haben ein größeres Budget – und eine Marketing-Abteilung, die gezielt nach solchen Bewertungsmöglichkeiten im Internet sucht. "Die Unternehmensprofile sind teilweise zugepflastert mit Zertifikaten. Die Firmen benutzen es wie Zaubersalz", sagt Faber.

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Doch der Zauber bleibt zumindest auf Bewerberseite oft aus. Laut einer aktuellen Studie des Personaldienstleisters unicensus, der mehr als 1000 Studenten befragt hat, misstrauen vier von zehn Umfrage-Teilnehmern Arbeitgeber-Bewertungen. "Die Bewerber haben ein kritisches Bewusstsein gegenüber Arbeitgeber-Bewertungen entwickelt", sagt Faber. Das hat zwei Gründe: Einerseits fällt es vielen Jobsuchenden schwer, zwischen den einzelnen Bewertungen zu differenzieren. Andererseits machen die Anbieter nach Ansicht von Faber nicht transparent genug, welches Verfahren den Zertifikaten zugrunde liegt.

Karl Brenke vom DIW rät Jobsuchen deshalb dazu, das Gespräch mit Mitarbeitern aus den jeweiligen Abteilungen zu suchen, um sich über die Verhältnisse zu informieren –anstatt auf Siegel und Co.zu achten. Denn die Bewertungen beziehen sich laut DIW-Forscher oftmals auf das Unternehmen als Ganzes, nicht aber auf einzelne Abteilungen. "Auch wenn ein Unternehmen insgesamt gut abschließt, muss das nicht heißen, dass in jeder Abteilung gute Arbeitsbedingungen gegeben sind", sagt Brenke.

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