
Gerade erst hat das "Great Place to Work Institut" Deutschlands beste Arbeitgeber gekürt: 100 Unternehmen durften sich über den Titel freuen. Darunter sind unter anderem der Softwareanbieter Datev aus Nürnberg, die Sick AG, W. L. Gore & Associates, die Sparda-Bank München, St. Gereon Seniorendienste aus dem nordrhein-westfälischen Hückelhoven und das Hotel Schindlerhof. Das Problem ist: Wenn man Hochschulabsolventen jedweder Fachrichtung fragt, wo sie gerne arbeiten möchten, fällt keiner dieser Namen. Die attraktiven Arbeitgeber sind die Dax-Konzerne und die großen US-Unternehmen. Die Bewerber wollen zu Daimler, zu Audi, zu BMW - und selbstredend zu Apple, Google und Facebook. Schließlich zählt der Name im Lebenslauf.
Daran ändern leider auch Arbeitgeberbewertungen wie "Deutschlands beste Arbeitgeber" nichts, wie eine Umfrage der E-Recruitingplattform Softgarden und des Personalmagazins zeigt.
Mehr als 3000 Bewerber wurden befragt, für die Mehrheit sind kununu, Glassdoor und sonstige Portale, Siegel und Rankings kaum von Bedeutung. "Ich vermute, dass diese Plattformen überwiegend von sehr unzufriedenen bzw. sehr zufriedenen Personen genutzt werden. Diese Informationen spiegeln dementsprechend die Extreme der tatsächlichen Arbeitszufriedenheit oder Arbeitssituation. Jede Ansicht ist sehr subjektiv", sagte einer der Befragten.
Und ein anderer unkte: "Eine gesunde Skepsis vor „eingekauften“ MA-Befragungen und Gütesiegeln scheint mir angebracht."
Selbst bei Studenten, also der eher netzweltaffinen Bewerbergruppen, fallen die Portale durch, wie der aktuelle unicensus, eine regelmäßige Befragung des Personaldienstleisters univativ unter mehr als 1.000 Studenten, zeigt. 37 Prozent der Studenten empfinden die Portale als wenig oder gar nicht hilfreich. Oft wird die Vertrauenswürdigkeit der Informationen angezweifelt.
Darüber hinaus kennt die Mehrheit die Arbeitgeberbewertungsplattformen kaum - bei einem Überangebot von mehr als 200 Bewertungsportalen und Gütesiegeln ist das eigentlich kaum verwunderlich. Die Arbeitgeberbewertungsplattform kununu
ist nach ungestützter Abfrage - also ohne dass gefragt wurde "Kennen Sie kununu" - mit Abstand am bekanntesten: 689 Teilnehmer haben sie genannt. Nimmt man noch die Nennung des Karrierenetzwerks Xing hinzu, dem die Plattform gehört, sowie die Mischnennung Xing/kununu, so waren es insgesamt 789 oder 72 Prozent der Nennungen. Danach folgen mit sehr großem Abstand weitere Anbieter wie Glassdoor, oder Great Place to Work, die alle weit unter 100 Nennungen erhielten.
So gehen Sie am besten mit Einträgen auf Bewertungsportalen um
Olaf Kempin, Gründer und Co-Geschäftsführer des Personaldienstleisters univativ, erklärt, wie Sie Bewertungsportale erfolgreich in Ihre Jobsuche einbinden. Er sagt: "Sind nur wenige Bewertungen vorhanden, stellt sich die Frage nach der Repräsentativität und es wird schwer, daraus abzuleiten, wie es um Kultur und Arbeitsatmosphäre eines Unternehmens steht."
"Achten Sie auf die Mitarbeiterzahl und das Gründungsjahr des Unternehmens im Verhältnis zu der Anzahl der Bewertungen. Vergleichen Sie Unternehmen einer Branche, um ein Gefühl für die Relationen zu bekommen."
"Achten Sie bei sich selbst auf eine ausgewogene Wahrnehmung von negativen und positiven Bewertungen. Außerdem darauf, ob diese sich eventuell widersprechen?"
"Suchen Sie nach Bewertungen, die Aussagen enthalten über Aspekte wie Handlungsspielraum, Entscheidungsfreiheit, Aufgabenvielfalt und Entwicklungsperspektiven im Unternehmen. Diese Kriterien lassen auch allgemeine Rückschlüsse unabhängig von der beschriebenen Position zu."
"Eventuell liegen viele positive Posts von zufriedenen Mitarbeitern vor. Aber wie steht es um die Punkte, die Ihnen wirklich wichtig sind? Suchen Sie nach konkreten Informationen dazu!"
Die Ausschreibung für den persönlichen Traumjob liegt auf dem Tisch. Die Bewerbung ist schon fast fertig geschrieben – aber auf Bewertungsportalen stehen einige Aussagen über das Unternehmen, die Sie verunsichern. Kempin: "Nehmen Sie nicht alles für bare Münze. Erfahrungsberichte zu Geschäftsprozessen, wie zum Beispiel dem Bewerbungsprozess, vermitteln vor allem dann einen hilfreichen Eindruck, wenn sie aktuell sind. Andernfalls sind die Einschätzungen dazu ggf. bereits veraltet, weil die Prozesse angepasst wurden."
"Nutzen Sie nach Möglichkeit verschiedene und voneinander unabhängige Quellen für Ihren Faktencheck. Fragen Sie Freunde und Bekannte, ob jemand einen Mitarbeiter oder Ex-Mitarbeiter des Unternehmens kennt, um Informationen aus erster Hand zu erhalten. Ersatzweise können Sie über Netzwerke wie Xing und LinkedIn einen Mitarbeiter identifizieren und um Informationen bitten. So lassen sich im Netz gefundene Aussagen validieren."
"Nehmen Sie Fragen mit in das Bewerbungsgespräch und erörtern Sie diese mit Ihrem Ansprechpartner vor Ort."
Trotzdem sollten Arbeitgeber das, was auf diesen Portalen über sie geschrieben wird, nicht einfach abtun, wie Olaf Kempin, Gründer und Co-Geschäftsführer des Personaldienstleisters univativ, rät. "Kritik sollte man – soweit sie konstruktiv geäußert wird – aufnehmen und prüfen oder sachlich widerlegen. Eine negative Bewertung ist in den meisten Fällen ein guter Hinweis auf Verbesserungspotenziale im Unternehmen, den viele leichtfertig verschenken", sagt er.
Und Dominik Faber, Gründer und Geschäftsführer von softgarden, rät Arbeitgebern zu kommunizieren, wenn sie zum beliebtesten, besten oder attraktivsten Arbeitgeber gewählt worden sind. Sie sollten jedoch mit der Skepsis der Bewerber sowie mit der geringen Bekanntheit der Angebote rechnen und offen darüber sprechen, wofür so ein Siegel überhaupt steht. "Unsere Umfrage zeigt: In der Wahrnehmung der Kandidaten existiert kein bekannter und über alle Zweifel erhabener „TÜV“ für die Qualität von Arbeitgebern und Bewerbungsverfahren." Entscheidend seien hier Antworten auf die Fragen: „Wer prüft?“, „Wie kommt die Bewertung zustande?“, „Wie gehen wir mit den Ergebnissen um?“, so Faber.
Und nicht vergessen: Bewertungsportale für Arbeitgeber sind nur eine mögliche Informationsquelle der Bewerber. Deshalb ist es grundsätzlich ratsam, den Dialog zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber auf unterschiedlichen Kanälen zu führen, wie Kempin empfiehlt.