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Arbeitsmarkt Immer mehr Deutsche suchen ihre Zukunft im Ausland

Noch nie sind so viele Deutsche ins Ausland ausgewandert – am beliebtesten sind die Schweiz, USA und Polen. Doch die Krise bremst die Arbeitsmärkte fast überall und erschwert Migranten den Start. Wer trotzdem noch gefragt ist und wo.

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Reisepass Quelle: Mikel Wohlschlegel - Fotolia.com

Jetzt oder nie. Mit 33 Jahren stellte der Diplom-Kaufmann Dennis Kuhlmann fest, dass er drauf und dran war, ein Abenteuer zu verpassen. Seine Freunde waren schon während des Studiums an der Uni Kiel für mehrere Semester ins Ausland gegangen. Er dagegen hatte daheim seine Scheine gemacht und fleißig für Regatten trainiert. Aber könnte er als Segel-Leistungssportler nicht genauso gut in Sydney die Nase in den Wind halten?

Kuhlmann ging aufs Ganze. Anfang 2008 kündigte er seinen Job, besorgte sich ein australisches Touristenvisum und packte seine Koffer. Im Nachhinein wundert er sich über seine Hals-über-Kopf-Aktion: „Ich kannte niemanden, mein Englisch war nicht perfekt, und ich hatte kaum recherchiert, wie gut der Arbeitsmarkt da unten wirklich sein würde.“ Dafür wusste er von früheren Reisen, wie Australier ticken: Wer selbstbewusst auftritt, gute Laune verbreitet und gern über Sport redet, hat schon halb gewonnen.

Mit Networking zum Erfolg

Perfekte Voraussetzungen für den Segler, der sich strategisch geschickt erst in einer Sprachschule einschrieb, danach dann in den beiden renommiertesten Yachtclubs von Sydney. Von dort aus netzwerkte er. So lange, bis ihm jemand eine feste Stelle in einer Unternehmensberatung anbot. Den Vertrag unterschrieb er im Juli 2008 – zwei Wochen, bevor er das Land hätte verlassen müssen.

Glück gehabt? „Wer in Australien etwas kann und eine klare Vision hat, findet auch Arbeit“, sagt Kuhlmann. „Gute Leute werden hier trotz Krise immer noch gesucht.“ Solche Sätze hört man in Deutschland derzeit selten. Kein Wunder.

Kurzarbeit hier, Einstellungsstopps und Entlassungen dort treffen Arbeitnehmer aller Fachrichtungen und Ebenen. Doch auch ehrgeizige Berufseinsteiger haben es schwer. Nur ein Drittel der 18- bis 34-Jährigen findet nach Ausbildung oder Studium nahtlos einen Job, 43 Prozent gelingt dies erst auf Umwegen.

Erstmals mehr Aus- als Einwanderer

Wer den Einstieg schafft, kann häufig trotzdem nicht langfristig planen. Über 30 Prozent der Erwerbstätigen unter 35 haben befristete Arbeitsverträge, bei Berufseinsteigern unter 24 Jahren sind es gar 40 Prozent, so eine TNS Infratest-Umfrage.

Nicht wenige mischen daher die beruflichen Karten neu, anstatt auf ein gutes Blatt zu warten.

Erstmals seit fast einem Vierteljahrhundert haben in 2008 mehr Menschen Deutschland verlassen als eingewandert sind. Insgesamt 738.000 Menschen wanderten aus, gab das Statistische Bundesamt im Juli bekannt.

Zugegeben, die Zahlen sind etwas unscharf – denn dort versteckt sich der Immigrant mit deutschem Pass, der als Rentner in sein Heimatland zurückkehrt, ebenso wie ein Student, der für ein Jahr nach Tokio geht.

Daher listen die Statistiker auch explizit die Bundesbürger auf, die hier zur Welt kamen: Insgesamt verließen von denen rund 175.000 im vergangenen Jahr das Land – die höchste Zahl seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1954. Nur etwa 108.000 kamen wieder zurück.

Andreas Pohling Quelle: Bartek Wrzesniowski für WirtschaftsWoche

Doch auch wenn es zunächst seltsam klingt: Die Abwanderung betrifft vor allem die, die hier bleiben.

Dem Staat entgehen unterm Strich mehr als eine Million Euro, wenn sich eine Ärztin mit 30 Jahren für eine Karriere im Ausland entscheidet. Das hat das Münchner ifo Institut errechnet. Wandert ein 23 Jahre alter Metall-Facharbeiter aus, liegt die Summe immerhin noch bei 281.000 Euro. Für die Beispiele berücksichtigten die Experten sowohl entgangene Einnahmen aus Steuern und Sozialabgaben als auch die Ausbildungskosten.

Genug von der Nörgelei

Andreas Pohling ist schon weg. Früher machte er sich jeden Freitag nach der Arbeit auf den Weg zum Frankfurter Flughafen. Im Gepäck nicht nur eine harte Arbeitswoche, sondern auch ein Rückflugticket für Sonntagabend. Zwei Stunden später landete die Maschine in Breslau. In der Stadt lebt seine Freundin.

Fünf Jahre lang ging das so, dann hatte Pohling genug – zudem ging ihm die Nörgelei der Deutschen „auf den Keks“, sagt der Informatiker. Also packte er im Mai 2008 die Koffer und machte sich auf den Weg zum Flughafen – ohne Rückflugticket. „Ich habe nicht vor, zurückzukommen“, sagt der 33-Jährige.

Warum auch? In Breslau verdient er als Geschäftsführer etwa dasselbe wie in Frankfurt, wo er zuletzt bei der Lufthansa Software entwickelte. Jetzt baut er die Firma IT-function Polska als selbstständige Schwester eines Mittelständlers aus Kassel auf. Deren Software zur Dokumentenverwaltung entwickelt und vermarktet Pohling mit Erfolg im ganzen Land. Er ist einer von über 13.000 Deutschen, die im vergangenen Jahr nach Polen gingen – erstmals war das Land damit das drittbeliebteste Ziel von Deutschen.

Schweizer Wirtschaft trotz Krise stabil

Den Spitzenplatz aber belegt die Schweiz. Knapp 20.000 Deutsche zogen 2008 dorthin. Trotz Krise ist die Wirtschaft des Landes relativ stabil, die Volkswirtschaft innovativ, das Geschäftsklima gut.

Das kann auch Andrea Westermann bestätigen. Sie kennt das Land noch aus Kindertagen – damals verbrachte ihre Familie häufig Urlaube dort. Nach dem Studium an der International School of Management (ISM) in Dortmund heuerte sie zunächst bei der Deutschen Telekom an. Mitte 2008 entdeckte sie ein Stellenangebot des Telekommunikationskonzerns Sunrise in Zürich, machte sich an ihre Bewerbung, wurde zum Interview eingeladen und bekam den Job. Seit Februar 2009 arbeitet sie als Produktmanagerin in Zürich.

Isabell Scheuber Quelle: Martin Hangen für WirtschaftsWoche

Die Arbeitswelt sei nicht anders als in Deutschland, sie könne sich gut vorstellen, dort zu bleiben. Einziger Wermutstropfen: die hohen Lebenshaltungskosten. Ihre 80 Quadratmeter große Wohnung kostet pro Monat umgerechnet 1300 Euro Miete. Um Kosten zu sparen, hat sie sich vor Kurzem eine Mitbewohnerin gesucht. Doch das nimmt sie gern in Kauf.

Die Online-Stellenbörse Stepstone befragte vor einigen Wochen weltweit knapp 50.000 Fach- und Führungskräfte aus 18 Ländern. Ergebnis: 69 Prozent interessieren sich für einen Job im Ausland. Auch die Deutschen: Für 42 Prozent ist das auf jeden Fall eine Option, für 28 Prozent kommt es infrage, wenn das Jobangebot stimmt.

Job bei Microsoft

Bei Isabell Scheuber war das der Fall. Sie hatte schon einige Jahre bei Microsoft gearbeitet, als sie im vergangenen Jahr auf einer Konferenz mit amerikanischen Managern des Softwarekonzerns zusammentraf. Einer überredete die Deutsche schließlich, ins Hauptquartier nach Redmond im US-Bundesstaat Washington zu wechseln.

Von dort aus agiert die 36-jährige Juristin seit November vergangenen Jahres als Schnittstelle zwischen Zentrale und den Ländergesellschaften in aller Welt, kontrolliert Umsätze und koordiniert Marketingkampagnen. Sie wohnt eine Viertelstunde Autofahrt vom Konzernsitz mit Blick auf den Lake Washington. „Einfach traumhaft“, findet sie.

Die USA waren im vergangenen Jahr mit rund 15.500 deutschen Auswanderern das zweitbeliebteste Ziel. Das Land zählt schon immer zu den populärsten Zielen deutscher Auswanderer, lediglich die Amtszeit von George W. Bush trübte das Verhältnis.

Seit dem Amtsantritt Barack Obamas hat sich das Ansehen der USA in Europa jedoch deutlich verbessert – vor allem in Deutschland: Etwa sechs Monate nach seiner Wahl zum US-Präsidenten haben bereits 64 Prozent wieder eine positive Einstellung zu den Vereinigten Staaten, ergab eine Umfrage des Pew Research Centers in Washington. Ein Jahr zuvor waren es nur 31 Prozent. Beliebter ist der Präsident weltweit nur noch in Kenia, der Heimat seiner Großmutter.

Das macht die USA auch als Auswanderungsland wieder attraktiv. Knapp 2200 auswanderungswillige Deutsche erhalten in diesem Jahr die „Green Card“ – die höchste Zahl seit 1999.

Andrea Westermann Quelle: Martin Hangen für WirtschaftsWoche

Die Gründe, warum jemand Deutschland dauerhaft verlässt, sind natürlich vielfältig. Der eine beklagt die schlechte Stimmung hierzulande, der andere hohe Steuern, wieder andere schlechte Berufschancen.

Tatsache aber ist: Deutsche Auswanderer werden immer jünger, und sie sind immer besser qualifiziert. In kaum einem anderen Industriestaat verlassen mehr Akademiker ihre Heimat.

Der Anteil der Promovierten unter ihnen ist zehnmal höher als im Bevölkerungsschnitt, ergaben Studien der OECD.

Die „Crème de la Crème unserer Elite“ verlasse das Land, warnte Wirtschaftsstaatssekretär Walther Otremba im vergangenen Jahr. Das Prognos-Institut hatte im Auftrag des Wirtschaftsministeriums rund 1400 Fachkräfte befragt, die dauerhaft im Ausland leben: Ganze 83 Prozent hatten einen akademischen Abschluss.

Es sind eben nicht die Großfamilien, die ohne Fremdsprachenkenntnisse auf eine bessere Zukunft in der Ferne hoffen, weil sie es hierzulande nicht schaffen. Sondern die jungen, aufstrebenden, gut ausgebildeten Akademiker.

Zum Beispiel Ärzte. Im vergangenen Jahr befragten Forscher der Ruhr-Universität Bochum 4000 angehende Mediziner aus ganz Deutschland zu ihren Zukunftsplänen. Fazit: 72,7 Prozent der Befragten können sich vorstellen, nach dem Abschluss ins Ausland zu gehen. Nur jeder Fünfte rechnet damit, sich in Deutschland als Arzt niederzulassen. „Erschreckend“, resümierte Dorothea Osenberg. Sie hatte die Studie geleitet.

Wo Deutsche gefragt sind

Sicher, das Auswanderungs-Gen wird Studenten heutzutage früh eingepflanzt. Professoren, Personal- und Karriereberater – allesamt betonen stetig, wie wichtig Auslandserfahrungen bei einer späteren Bewerbung sind.

Doch in Zeiten wirtschaftlicher Flaute rächt sich das. Bereits 2005 erklärten 56 Prozent der Studenten, die kurz vor dem Examen standen, dass sie ins Ausland gehen würden, wenn ihnen dort ein Job sicher wäre.

Wo diese Jobs entstehen, wo Deutsche derzeit noch gefragt sind (Polen, Schweiz, Belgien, Australien) und wo sie zwar gerne hingehen würden, jedoch derzeit wenig Chancen haben (USA, Frankreich), zeigen die Länderberichte auf der vorherigen Seite.

Wer sich trotz oder gerade wegen der Krise in Warschau, Brüssel oder New York versuchen will, muss schließlich wissen, worauf dortige Arbeitgeber Wert legen und was es bei der Bewerbung zu beachten gilt.

Womöglich dienen die Beispiele deutschen Unternehmen aber auch zu mehr Engagement. Denn „hoch qualifizierte Deutsche“, sagt der Berliner Migrationsforscher Klaus Bade, „werden im Ausland mit Kusshand genommen“.

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