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Bewerbungsgespräch Schafft das Vorstellungsgespräch ab!

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Bewerbungsgespräche wird es in zehn Jahren nicht mehr geben

Auch Iris Bohnet zweifelt daran, dass das klassische Vorstellungsgespräch eine kluge Mitarbeiterauswahl garantiert. Die gebürtige Schweizerin ist Verhaltensökonomin und Professorin für Public Policy an der Harvard Kennedy School. Dort beschäftigt sie sich unter anderem mit der Wirkung von Vorurteilen und erforscht, wie Unternehmen trotzdem die besten Mitarbeiter finden können. Inzwischen vertritt Bohnet eine recht radikale Position: „Bewerbungsgespräche wird es in zehn Jahren nicht mehr geben“, sagte Bohnet kürzlich im Interview mit dem „Stern“.

Ein Personaler bilde sich dort höchstens subjektive Eindrücke. Daraus seien jedoch keine seriösen Rückschlüsse auf den Leistungswillen oder die fachliche Expertise des Bewerbers möglich. Auch die Chancengleichheit werde durch Vorstellungsgespräche vermindert, sagt Bohnet.

Ein Beispiel dafür: Noch in den Siebzigerjahren wurden weltweit fast alle Sinfonieorchester von weißen Männern dominiert. Nach öffentlichen Beschwerden veränderten zahlreiche Opernhäuser ihre Aufnahmeprüfungen. Diese fanden nun hinter einem Vorhang statt, damit die Juroren das Aussehen der Musiker nicht in ihre Bewertung einbezogen. Auf dem Boden lag zudem dicker Teppichboden. So verstummten die klackernden Geräusche hoher Absätze, das Geschlecht der Musiker blieb danach ebenfalls unentdeckt.

Die US-Ökonominnen Claudia Goldin und Cecilia Rouse analysierten vor einigen Jahren die Wirkung dieser Veränderung: Die Blind Auditions erhöhten die Wahrscheinlichkeit, dass eine Musikerin eingestellt wurde, um bis zu 46 Prozent. Und weil sie nun davon ausgehen konnten, dass es bei der Aufnahmeprüfung gerecht zuging und das Geschlecht keine Rolle mehr spielte, bewarben sich bei Orchestern generell mehr Frauen.

Vorteil für Selbstdarsteller

Hinzu kommt: Ein klassisches Vorstellungsgespräch bevorzugt gewisse Charaktere – und benachteiligt andere. „Angenommen, Sie finden heraus, dass Ihr Arbeitgeber etwas Verbotenes tut – wie gehen Sie damit um?“ Diese und andere überraschenden Fragen machen vor allem introvertierte Personen nervös. In einem Bewerbungsgespräch ist subtile Eigenwerbung notwendig, genau die ist ihnen zuwider. Hier sind extrovertierte Menschen klar im Vorteil.

Damit verspielen Personaler aber eine große Chance. Denn zum einen sind gerade ruhige Menschen oft diszipliniert und kreativ, und doch rutschen sie bei der Einstellung und bei Beförderungen häufig durchs Raster. Das kann fatale Folgen für das Unternehmen haben, sagt Corinne Bendersky, Professorin der UCLA Anderson School of Management. Im Rahmen einer Studie warnte sie davor, zu viele extrovertierte Mitarbeiter einzustellen. Viele seien Selbstdarsteller und brächten vor allem sich selbst voran, weniger ihre Teams.

Wolfgang Nickles möchte bei Bewerbungen neue Wege gehen. Wenn der Finanzvorstand des Getränkeherstellers Eckes-Granini Führungspositionen besetzen will, setzt er inzwischen nicht mehr bloß auf Gespräche, sondern nutzt auch den Persönlichkeitstest Insights. Dessen Ergebnis soll zeigen, ob jemand wirklich das charakterliche Zeug zum Häuptling hat oder eher zum Indianer taugt. Fehleinschätzungen aufgrund von persönlicher Sympathie oder Antipathie sollen so verhindert werden.

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