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Gastbeitrag Die Erhöhung der Abiturientenrate

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Multiple-Choice statt mathematisches Verständnis

Die besten Universitäten der Welt
Princeton University Quelle: dpa
California Institute of Technology (Caltech) Quelle: Dhilung
Universität von Chicago Quelle: Rdsmith4
Yale Quelle: REUTERS
Stanford Quelle: KingofHearts
Universität Oxford Quelle: Djrxi
Imperial College London Quelle: Imperial College London

Bei den Untersuchungen stellte sich nun heraus, dass die Testitems aus TIMSS/III zur »naturwissenschaftlichen und mathematischen Grundbildung« dem Stoff der Sekundarstufe I — größtenteils sogar deren unteren Jahrgangsstufen und zum Teil der Grundschule — zuzuordnen sind. Dies wird dort auch eindeutig und klar ausgewiesen. So ist beispielsweise in einer Aufgabe zur Prozentrechnung die Information gegeben, dass 25% von bestimmten Ereignissen A eine bestimmte Folge B haben und dass von allen Ereignissen B wiederum 80% eine Folge C haben. Gefragt ist, wie oft die Folge C aus A resultiert. Zu berechnen sind somit 80% von 25%, also 20%, und das als Multiple-Choice-Aufgabe, wobei eine mögliche Antwort mit 105% (!) angegeben wird, also unsinnig ist. Jeder Siebtklässler sollte dies können. Diese Aufgaben besagen etwas über die wünschenswerte mathematische Allgemeinbildung, aber nichts über das mathematische Niveau oder gar die Studierfähigkeit von Abiturienten.

Auch die Items zur »voruniversitären Mathematik« aus TIMSS/III testen überwiegend Inhalte der Sekundarstufe I, nur etwa 1/3 bezieht sich eindeutig auf den Stoff der Sekundarstufe II. Der Begriff „voruniversitär“ hat dabei keinesfalls etwas mit der Universität zu tun, sondern berücksichtigt die teilweise mehr als unterschiedlichen Struktur- und Bildungskonzepte der beteiligten Länder vor dem letzten Schulabschluss. Knapp 70% (!) aller Testitems sind Multiple-Choice-Fragen, zu deren Lösung sich häufig die clevere Anwendung eines Ausschlussverfahrens anbietet, wie man es aus der Fernsehsendung »Wer wird Millionär« kennt. Selbst bei dem einzig zu führenden Beweis geht es nur um Winkel in einem ebenen Dreieck. An Wissen sind nur die Innenwinkelsumme 180 Grad im Dreieck sowie Neben- und Scheitelwinkelbeziehungen nötig, Stoff der Klasse 6. Man kann damit sukzessive alle auftretenden Winkel genau hinschreiben und den Beweis führen. Diese Aufgabe hat mit der gymnasialen Oberstufe rein gar nichts zu tun.

Die Aufgaben zur naturwissenschaftlichen Grundbildung aus TIMSS/III beziehen sich in erster Linie auf Themenbereiche mit konkretem Alltagsbezug und sind durch Alltagswissen, Lesekompetenz, Cleverness und gesunden Menschenverstand von Schülern der Eingangsstufen in der Sekundarstufe I zu lösen. Die Aufgaben sind auch in TIMSS/III entsprechend ausgewiesen. Warum man mit Pfennigabsätzen Parkett eher zerstört als mit normalen dürfte mit gesundem Menschenverstand auch für Siebtklässler lösbar sein.

Besonders interessant ist die Aufgabe, in der dem Schüler der Begriff der biologischen Kontrolle vorgestellt wird und er sich in Zusammenhang zur Schädlingsbekämpfung dazu äußern soll. Dieser Begriff ist in der Biologie und den Biowissenschaften unbekannt. Ob es eine TIMSS-Erfindung ist, ob die Aufgabe überhaupt in Deutschland entwickelt wurde oder gar auf Übersetzungsfehlern beruht, kann hier nicht entschieden werden. Auch die dem Schüler vorgegebene Information, dass Insektizide wegen hoher Kosten und Schäden zur Schädlingsbekämpfung ausscheiden, ist falsch. Der Schüler soll hier anscheinend eine Meinung übernehmen, keinesfalls sich eine selbst bilden. Der Bedrohung frisch geschlüpfter Jungvögel der DARWIN-Finken durch eingeschleppte Fliegenlarven kann man derzeit selbst auf den Galapagos-Inseln nur entgegen wirken, indem man die frisch geschlüpften Vögel aus ihren Nestern herausnimmt, die Nester mit Insektiziden besprüht und so die Fliegenlarven abtötet. Dann setzt man die Jungvögel wieder in ihr Nest. Dies ist derzeit die einzige Methode, die zumindest in ersten Probedurchläufen wirkt.

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