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Jobverlust Gekündigt - nach 15 Jahren als Führungskraft

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Erich Pfeifer Quelle: Matthias Jung für WirtschaftsWoche

Um 10.12 Uhr klart die Ungewissheit auf. Pfeifer trifft seine erste und letzte Entscheidung für diesen Tag. Er gibt seiner Sekretärin Bescheid, alle Termine abzusagen, blickt noch einmal kurz hinüber zur Kirche. Ein paar Amseln zwitschern dumpf durchs Fensterglas. Dann fährt er nach Hause.

Seine Frau und seine 20-jährige Tochter sind zunächst geschockt, als er so früh in der Tür steht. Sicher, schon im Urlaub hatte er angedeutet, dass es dramatische Veränderungen im Unternehmen geben könnte. Welche? Wer weiß das schon. Doch jetzt, wo er es weiß, öffnet er nur die Tür und sagt in einer Gleichmütigkeit, wie sie wohl nur jemand aufbringt, der sich tagsüber mit Nullen und Einsen beschäftigt: „Die Situation ist da.“

Danach ruft er seinen Anwalt an.

"Kein Vertrauen mehr"

Pfeifer ist gerüstet. Das ist sein Trumpf. Der Niedergang kam nicht überraschend. Weder der konjunkturelle noch der seines Arbeitgebers. Die Organisation war über die Jahre stark gewachsen, hatte Speck angesetzt. Das wusste er. Es war klar, dass Entlassungen irgendwann unvermeidbar wären.

Wochen vor dem Ultimatum hatte sich Pfeifer immer wieder gefragt, wie es wohl ausgehen wird: Wen trifft es? Bin ich dabei? Was werden sie dir anbieten? „Ich hatte kein nachhaltiges Vertrauen mehr zu dem Unternehmen“, gibt Pfeifer zu. „Und eine zweite oder dritte Sparwelle mit vielleicht 54 oder 55 Jahren wollte ich nicht ausprobieren.“

Schon damals entwickelte er einen Plan B, Gedankenspiele für eine zweite Karriere. Und er nahm Kontakt zur Kölner Kanzlei Küttner auf, „rein prophylaktisch“.

Keine Bewerbungen, keine Beratung, absolute Kontaktsperre

Jetzt hilft ihm das. Absteigen kommt für ihn nicht infrage. So groß ist die Not nun auch wieder nicht. Er fühlt sich weder zu alt noch zu immobil. Das Alternativangebot ist ohnehin großzügig: ein Jahr freigestellt bei allen Bezügen, eine attraktive Abfindung plus eine unbefristete Outplacement-Beratung bei einem Anbieter nach Wahl.

Sein Anwalt rät ihm, das Angebot anzunehmen und anschließend nichts zu tun. Keine Bewerbungen, keine Beratung, absolute Kontaktsperre – bis alles formal abgewickelt ist. Das stärke seine Verhandlungsposition und sei gut, um Abstand zu gewinnen.

Am nächsten Tag fährt der 50-Jährige ein letztes Mal in die Firma. Um 13 Uhr erhält er formal die Kündigung. Pfeifer verabschiedet sich noch von seinen Mitarbeitern und den Kollegen. Einige sind überrascht, betroffen, nicht wenige tun auch nur so, weil sie erleichtert sind, dass es einen anderen getroffen hat als sie. Wenigstens diesmal.

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