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Maschine vs. Mensch Wie Recruiter gefälschte Lebensläufe aufdecken

Quelle: imago images

Annalena Baerbock ist nicht die Einzige, die bei ihrem Lebenslauf getrickst hat. Allein das Karrierenetzwerk LinkedIn löscht Millionen falscher Lebensläufe pro Jahr. Was nur wenige wissen: Wer allzu dreist lügt, riskiert sogar Schadensersatz.

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Eine Mitgliedschaft statt eine Fördermitgliedschaft, die sich aufs Spenden beschränkt; ein Studium aufführen, aber den eher schnöden Abschluss per Vordiplom verschweigen – Annalena Baerbock, die grüne Kandidatin fürs Bundeskanzleramt, ist nicht die einzige, die bei ihrem Lebenslauf etwas dick aufgetragen hat.

„Schätzungen gehen davon aus, dass in etwa einem Drittel aller Bewerbungen geschummelt wird. Zehn Prozent aller Bewerbungen stufen Recruiter sogar als 'bedenklich' ein“, sagt Lars Eichhof von der HR-Plattform Cornerstone OnDemand. Manfred Schnapp, stellvertretender Leiter der Fachgruppe „Recruiting“ beim Bundesverband der Personalmanager (BPM), taxiert „den Anteil der tatsächlich problematischen – weil gefälschten und nicht nur geschönten - Bewerbungen auf circa zehn Prozent.“ Seiner Ansicht nach haben solche Täuschungsmanöver in den vergangenen 20 Jahren leicht zugenommen, weil es die Technik so einfach macht.

Qualifikationen lassen sich mit wenigen Tastenschlägen auf Netzwerkplattformen und in Onlinestellenbörsen erstellen. Und immer mehr Unternehmen überlassen angesichts eines riesigen Pool potenzieller Kandidaten die Vorauswahl Algorithmen. 

Die Programme durchforsten Lebensläufe nach bestimmten Schlagwörtern. Wer hier nicht mithalten kann, fürchtet, gar nicht erst bis in die Personalabteilung durchzudringen.

Falsche Lebensläufe bei Xing melden

Das Karrierenetzwerk LinkedIn hat laut seinem Transparenzbericht im vergangenen Jahr weltweit knapp 52 Millionen Fake Accounts gelöscht. Der überwiegende Teil davon wurde bereits während der Registrierung automatisch vom System erwischt, etwa, weil hier nur ein Bot am Werk war. 6,1 Millionen Konten mit falschen Angaben fand LinkedIn darüber hinaus selbst, rund 214.000 weitere Fake-Accounts seien aufgrund von Beschwerden gelöscht worden. „Irreführende oder täuschende Informationen zu den Qualifikationen oder der Berufserfahrung von Mitgliedern sind auf LinkedIn nicht erlaubt“, betont ein Sprecher. „Unsere Richtlinien stellen klar, dass Mitglieder sich nicht mit einem Unternehmen oder einer Organisation assoziieren dürfen, dem oder der sie nicht tatsächlich angehören oder zu einem früheren Zeitpunkt angehört haben.“ Wer dagegen wiederholt verstößt, muss damit rechnen, dass LinkedIn diese Information löscht oder das Konto dauerhaft sperrt.

Ähnlich sieht es bei Xing aus. „Wenn wir Hinweise zu Unstimmigkeiten bekommen, gehen wir diesen nach und nehmen Kontakt mit den Profilinhabern auf um zu verifizieren, ob alle Daten korrekt sind“, erläutert ein Sprecher des Betreibers New Work SE. „Dabei geben wir in der Regel eine Frist von sieben Tagen.“ Wenn die Daten nicht aktualisiert werden, deaktiviert Xing das Profil.

Onlineplattformen scheinen vor allem auf ihre Mitglieder als Kontrollinstanz zu setzen. „StepStone prüft Lebensläufe und Profile, die auf der Jobplattform hinterlegt werden, nicht auf ihren Wahrheitsgehalt“, bestätigt auch StepStone-Karriereexpertin Inga Rottländer. Im Moment gebe es keine Pläne, Angaben in Bewerberprofilen automatisch zu überprüfen. Dasselbe gelte für Methoden, um Abschlüsse oder Fortbildungsnachweise als verifiziert zu kennzeichnen, vergleichbar mit dem Häkchen bei Twitter.

Sorgen um den Datenschutz

Denn während sich die Identität in sozialen Netzwerken vergleichsweise leicht bestätigen lässt, ergeben sich bei beruflichen Fähigkeiten völlig andere Hürden. „Ich glaube, dass gerade in Deutschland die wenigsten darauf zurückgreifen würden, ihre Angaben verifizieren zulassen“, schätzt HR-Experte Eichhof. „LinkedIn und Xing profitieren sehr von der Möglichkeit, schnell in Aktion zu treten. Von den Mitgliedern zu verlangen, nun alle Angaben zu verifizieren, würde den Netzwerken nicht guttun.“ Für eine Überprüfung einzelner Stationen im Lebenslauf bräuchten die Karrierenetzwerke die Zustimmung der Nutzer, aber gerade die Deutschen sind vorsichtig, was ihre Daten anbelangt. „Den Techkonzernen seine privatesten Unterlagen zukommen zu lassen – Zertifikate und Zeugnisse – ist kaum denkbar“, meint Eichhof. „Und auch dann stünden die Karrierenetzwerke ohne fälschungssichere Zertifikate vor der gleichen Problematik, wie rekrutierende Unternehmen heute.“

Blockhain und KI bei Bewerbungen?

Seit Jahren wird in diesem Zusammenhang darüber gesprochen, Zeugnisse per Blockchain fälschungssicher zu machen. Diese Technologie hat sich bereits bei Kryptowährungen bewährt oder bei Non-Fungible Tokens (NFT), einer Art Besitzurkunde für den digitalen Raum. Die Bundesregierung hat bereits vor zwei Jahren bekanntgegeben, dass es das Projekt „IMPact Digital“ unter Federführung der TH Lübeck fördert. 



„Zeugnisse sind ein Kernbestandteil unseres Bildungssystems“, sagte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) damals. „Ein Ziel dieses Projektes ist es, die digitalen Zeugnisse auch per Smartphone fälschungssicher teilen zu können. Das Beglaubigen von Zeugnissen kann dadurch entfallen.“

Allerdings lässt die Umsetzung auf sich warten. Selbst an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), die in internationalen Rankings regelmäßig zur Top-Hochschule des Landes gekürt wird, sind analoge Nachweise weiterhin das Maß der Dinge. „An der LMU werden die Abschlusszeugnisse nur in Papierform ausgegeben“, sagt Sprecherin Katrin Röder.

Trotzdem gibt sich HR-Experte Schnapp zuversichtlich: „Ich bin sicher, dass sich digitale Nachweise mit hoher Fälschungssicherheit durchsetzen werden.“ Auf die Hilfe von künstlicher Intelligenz (KI) allerdings könne man sich bei der Überprüfung kaum verlassen. Was per Volltextsuche auf der Jagd nach Plagiaten vergleichsweise leicht umsetzbar ist, stößt auch wegen der noch mangelnden Verifikationsmethoden bei Abschlüssen an Grenzen. Zwar hält man den Plausibilitätscheck mittels KI bei der New Work SE für „prinzipiell machbar“. Noch aber „spielen Algorithmen bei der Suche nach falschen Angaben in Bewerbungen in Deutschland keine größere Rolle“, sagt Schnapp, der neben seinem Amt beim Bundesverband der Personalmanager auch stellvertretender Leiter der Personalabteilung des Bauchemieunternehmens MBCC Group, einst Teil von BASF, ist. 



Der Bedarf an technischen Hilfsmitteln gegen Lügen in Lebensläufen scheint schlicht nicht vorhanden zu sein. Die LMU etwa verzeichnet keine steigende Zahl von Beschwerden zu gefälschten Zeugnissen oder Lebensläufen.  Und wirklich dreiste Lügen sind offenbar die Ausnahme.  „Echte Hochstapler sind nach meiner Erfahrung nicht sehr häufig am Werk“, hat Schnapp festgestellt. Gelegentlich kommen ihm Bescheinigungen sogenannter Titelmühlen unter: „Diese verleihen gegen Zahlungen Zertifikate, die auf den ersten Blick wirken wie Master-, Diplom- oder Promotionszeugnisse. Die 'üblichen Verdächtigen' sind erfahrenen Recruitern allerdings bekannt, daher stellt das kein allzu großes Problem dar.“

Lügen können teuer werden

„Mit kritischen Passagen im Lebenslauf konfrontieren wir Bewerber durchaus auch direkt“, erzählt Schnapp. Ansonsten setze sein Unternehmen auf ausgiebige Gesprächsrunden, um die Angaben von Bewerbern zu verifizieren: „Fach- und Fremdsprachenkenntnisse können sehr gut im Interview überprüft werden. Dabei stellen wir auch anspruchsvolle Fachfragen und erkennen in der Regel schnell, ob jemand seinen Lebenslauf übertrieben geschönt hat.“

Aber wo verläuft bei Bewerbungen die Grenze zwischen „gerade noch erlaubt geschönt“ und „echten“ Falschangaben? Schließlich versucht ja jeder Jobsuchende, sich im bestmöglichen Licht zu präsentieren. „Deswegen ist es in Ordnung und nachvollziehbar, wenn Bewerber alles Positive besonders betonen und negative Aspekte nach Möglichkeit ausblenden“, findet StepStone-Expertin Rottländer. „Grundsätzlich ist Beschönigen im Lebenslauf also vertretbar, zum Beispiel tatsächliche Tätigkeiten, Erfahrungen und Erfolge interessanter darstellen, als sie waren.“

Den zweiwöchigen Mallorcaurlaub sollte man allerdings lieber nicht als Sprachreise ausgeben, findet Eichhof. Eine mehrmonatige Rucksackreise könne hingegen den Recruiter durchaus neugierig machen. Lücken im Lebenslauf oder unkonventionelle Lebensläufe würden zum Glück nicht mehr per se als problematisch angesehen, stellt der Experte von Cornerstone OnDemand fest. „Auch das ist ein Grund, den Lebenslauf nicht mehr 'tunen' zu müssen.“

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Wer das für ein Kavaliersdelikt hält, der täuscht sich. „Hat der Arbeitgeber den Bewerber eingestellt, und es stellt sich später heraus, dass dessen Angaben beispielsweise zum Universitätsabschluss erlogen waren, dann ist der ertappte Lügner schadensersatzpflichtig. Unter Umständen müssen Gehälter von mehreren Jahren zurückgezahlt werden“, betont Rottländer. Sie warnt zudem vor „versehentlichen“ Falschangaben. „Was vielen nicht bewusst ist: Es gibt auch Lügen durch Weglassen“, sagt die Expertin. „Denn ein Lebenslauf muss vollständig sein – frühere berufliche Stationen müssen also lückenlos aufgelistet werden.“ Im Gegenzug dürfen Bewerber in manchen Bereichen durchaus die Unwahrheit sagen. „Erlaubt sind Lügen meistens bei Angaben zum Privatleben, zu Sexualität, Religion und Politik – nach diesen Aspekten dürfen Arbeitgeber Bewerber nämlich in der Regel gar nicht befragen“, unterstreicht Rottländer.

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