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Stellenanzeigen Bei Bewerbung: Keine Antwort

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Bis zur Umstrukturierung sind die Jobinserate längst überholt

„Auch in Konzernen ist eine Ausschreibung formal erforderlich, unter der Hand sind aber mindestens 50 Prozent der Jobs schon einem Insider versprochen“, bestätigt Martin Wehrle, Ex-Manager und Leiter der Karriereberater-Akademie Hamburg, massenhafte Pro-Forma-Ausschreibungen. „Betriebsräte können nach Paragraf 93 des Betriebsverfassungsgesetzes die Ausschreibung aller Stellen verlangen, bis auf die leitender Angestellter. Deshalb kommt es oft dazu, dass interne und externe Bewerber konkurrieren – doch während die Internen eine Lobby haben, haben die Externen oft schlechte Karten“, so Wehrle.

Die Lobby für diese nur Arbeit verursachenden und von Anfang an nicht unbedingt gewollten Kandidatinnen und Kandidaten ist dann auch in den Personalabteilungen der Konzerne und Verwaltungen dementsprechend klein. Und nicht selten an externe Dienstleister ausgelagert, die ähnlich wie beim Online-Shopping das lästige Nachfrage- oder Beschwerdemanagement übernehmen – E-Mail-Absender @noreply, versteht sich!

Neben Pro-Forma-Ausschreibungen, wirtschaftlicher Potenzdemonstration sowie mangelnder Absprache zwischen Führung, Fach- und Personalabteilung lassen auch immer kürzere Umstrukturierungszyklen die Anzahl der Fake-Jobs in die Höhe schnellen. Diese Trends bestätigt auch Martin Wehrle: „Unternehmen schreiben aus, um dem Markt das Signal zu senden: Wir wachsen und expandieren. Aber das Einzige, was hier wirklich wächst, ist die Angeberei!“

Auch als Sachbuchautor für Klartext bekannt – mit Titeln wie „Ich arbeite (immer noch) im Irrenhaus“, „Sei einzig, nicht artig“ oder „Der Klügere denkt nach“ – legt Wehrle nach: „Und immer öfter werden die trägen Personalbürokratien von einer Wirklichkeit überholt, die sich täglich wandelt: Projekte, für die jemand gesucht wurde, werden abgeblasen, Aufgaben ausgelagert, ganze Firmenanteile abgestoßen. Aber weil diese Prozesse oft heimlich im Hintergrund laufen, erscheinen die Stellenausschreibungen einfach weiter – auch um Normalität vorzutäuschen.“

Bei Eingangsbestätigungen und Absageschreiben hört die Normalität dann allerdings auf, worüber heute immer mehr Bewerber und Bewerberinnen klagen – und sich fragen, was der Grund für so viele unbeantwortete Bewerbungen trotz Spitzen-Qualifikation und Top-Unterlagen ist.

Ebenso fragwürdig sind die Facebook-ähnlichen Praktiken mancher Headhunter und Personaldienstleister, die nur ihre Kandidaten-Datenbank auffüllen wollen, um gegenüber potenziellen Auftraggebern besser dazustehen: „Das ist bei Headhuntern mittlerweile ungefähr so wie bei Facebook und Google oder anderen Social Media- und Business-Plattformen: Hier geht es ganz klar darum, Daten zu sammeln. Headhunter leben davon, dass sie eine große Datei haben. Und mal ganz böse gesagt: Wenn man weiß, dass jemand wechselbereit ist, dann weiß man auch, dass dieses Unternehmen demnächst eine neue Besetzung sucht.“

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