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Karriere Erfolg im Job durch richtige Gene

Manche Menschen sind erfolgreich, andere nicht. Wie sehr unsere DNA Intelligenz und Persönlichkeit beeinflusst - und damit auch die Karriere.

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Illustration Gene Erfolg

Was tun manche Eltern nicht alles für ihre Kinder: Sie schicken sie im Kindergartenalter zur musikalischen Früherziehung und lassen sie als Grundschüler Instrumente lernen. Sie melden sie auf teuren Privatschulen an, und wenn es mit den Noten nicht klappt, geht es nachmittags zum Nachhilfelehrer. Bei psychischen Problemen hilft der Therapeut, bei Übergewicht der Sportverein. All das soll helfen, um aus dem Nachwuchs das Beste herauszuholen und den Weg in ein erfolgreiches Berufs- und Privatleben zu ebnen. Alles nicht verkehrt. Manchmal hilft es ja auch. Manchmal aber eben auch nicht.

Warum – das beschäftigt Wissenschaftler schon seit Jahrzehnten. Erst die Genforschung bringt nun mehr Licht ins akademische Dunkel: Wie es aussieht, sind Vorlieben, Charakterzüge, körperliche und geistige Stärken wie Schwächen zu einem nicht geringen Maß in unserem Erbgut verankert, und sie lassen sich nur in begrenztem Umfang durch Erziehung und Training formen. Von Geburt an kommen Menschen mit einem genetischen Programm auf die Welt, das ihr Leben und den Karriereweg mindestens genauso stark beeinflusst wie der finanzielle und soziale Hintergrund der Eltern, so das Credo vieler Forscher.

Allein im vergangenen Jahr sind Dutzende von Studien zu dem Thema erschienen, auch Verlage publizieren erfolgreich die neuesten Erkenntnisse von Molekularbiologen, Neurowissenschaftlern, Genforschern und Psychologen. In Büchern wie „Zum Entscheiden geboren“, „Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten“ oder „Tatort Gehirn“ reflektieren die Autoren das Unvermögen der Menschen, sich zu verändern. Das Motto pubertierender Jugendlicher und entnervter Mitarbeiter „Ich bin, wie ich bin“ sei kein Ausdruck freier Rebellion, sondern vielmehr der eigenen Unfähigkeit: Ich kann gar nicht anders. Es ist in unseren Genen festgelegt, so der gemeinsame Nenner der Thesen.

Ist Erfolg erblich?

Was genau den Erfolg eines Individuums ausmacht – die Diskussion darüber ist vor wenigen Wochen in den USA wieder neu entfacht. Anlass ist das neue Werk des Star-Journalisten Malcolm Gladwell, das bereits die dortigen Bestsellerlisten anführt. „Überflieger: Warum manche Menschen erfolgreich sind – und andere nicht“ erscheint am kommenden Donnerstag auch in Deutschland. Letztlich geht Gladwell der Frage nach: Ist Erfolg erblich? Und ist damit auch unser Leben in gewisser Weise vorbestimmt?

Unabhängig davon, was die Wissenschaft heute über die Einflüsse von Anlage oder Umwelt weiß, erlebt jeder die Auswirkungen im Alltag. Mal ehrlich: Wie oft haben Sie schon versucht, sich zu ändern, haben Vorsätze formuliert oder erste kühne Schritte gewagt – um nach wenigen Wochen doch nur festzustellen, dass Sie zu den alten Mustern zurückfinden?

Forscher sehen Erfolg in den Quelle: ZBSP

Beispiel Fitness: Eine aktuelle Studie legt den Schluss nahe, dass Sportlichkeit angeboren ist. Ein Team der Universität von North Carolina ermittelte 23 Gene, die für fast 90 Prozent des unterschiedlichen Bewegungsdrangs bei Mäusen verantwortlich sind. Die Forscher sind sich sicher, dass der Unterschied zwischen faulen und sportlichen Nagern fest im Erbgut verankert ist. Dass sich diese Erkenntnis auch auf den Menschen übertragen lässt, begründen die Wissenschaftler so: Die Studie dokumentiere, dass das Verhalten jedes Individuums nur innerhalb eines bestimmten Rahmens veränderbar ist, den die Gene vorgeben – und zwar bei allen Säugetieren.

Hans Lehrach, Direktor des Berliner Max-Planck-Instituts für molekulare Genetik, umschreibt es so: „Selbst durch hartes Training kann nicht jeder Weltmeister im Hundertmeterlauf werden. Beim einen sind dafür Muskulatur und Kreislauf bestens geeignet, beim anderen eben nicht.“

Das Erstaunliche daran ist allerdings: Unser Erbgut ist zu 99 Prozent identisch. Nur in einem einzigen Prozent liegt die gesamte Bandbreite menschlicher Individualität: Von der Hautfarbe über die Neigung zu bestimmten Erkrankungen – bis hin zur Veranlagung für Intelligenz, Aufgeschlossenheit und Neugier.

Welche Gene sind für Erfolg zuständig?

Die Kernfrage, welche speziellen Gene für diese erfolgsfördernden Eigenschaften zuständig sind, ist allerdings noch längst nicht beantwortet. Kritiker, Skeptiker und Gegner der Genforschung befürchten zwar, Wissenschaftler könnten schon bald im Labor Menschen klonen oder die Mixtur für ein perfektes Individuum zusammenstellen – so, wie Ingenieure ein Auto oder Programmierer einen Computer konstruieren. Doch diese Sorge ist – noch – unberechtigt.

Selbst vorgeburtliche Gentests, die den werdenden Eltern etwas darüber verraten, welchen Intelligenzquotienten (IQ) ihr Kind einmal haben wird, sind derzeit reine Fiktion. Die Gene des Erfolgs sind nicht zu entschlüsseln.

Dabei vermeldeten Wissenschaftler schon vor über zehn Jahren vermeintliche Erfolge: „Wir haben das erste spezifische Gen gefunden, das sich mit genereller Intelligenz assoziieren lässt“, jubelte 1998 der Londoner Verhaltensgenetiker und Psychologe Robert Plomin.

Zwei Jahre später legten die beiden US-Forscher Craig Venter und Francis Collins die erste umfassende Analyse des menschlichen Bauplans vor. Die wichtigste Erkenntnis: Anders als angenommen hat der Mensch nur etwa ein Viertel der 100 000 Gene, die ihm zuvor zugeschrieben wurden.

Inzwischen haben Wissenschaftler sogar einzelne Gene benannt, die über die Intelligenz eines Menschen entscheiden. Im April 2006 machten Psychiater des Feinstein Institute for Medical Research im US-Bundesstaat New York ein solches Gen ausfindig: DTNBP1. Den Biobaustein mit dem kryptischen Namen hatten Forscher vorher nur mit Schizophrenie in Verbindung gebracht. Offenbar aber sorgt er auch dafür, dass die Gehirnzellen miteinander kommunizieren – eine wesentliche Voraussetzung für Intelligenz.

Eigenschaften von eineiigen Quelle: dpa

Einige Monate später stießen zwei Schweizer Psychiater auf ein neues Gen, das die Hirnaktivität in gedächtnisrelevanten Regionen steuert. Laut Andreas Papassotiropoulos und Dominique de Quervain von der Universität Zürich spielt das Gen namens Kibra eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, sich etwas zu merken.

Im Februar 2007 entdeckten Psychiater der medizinischen Fakultät der Washington-Universität im US-Bundesstaat Missouri eine Verbindung zwischen dem CHRM2-Gen und dem logischen Denkvermögen. Wer über gute Variationen des Gens verfügte, schnitt im IQ-Test um bis zu 20 Punkte besser ab.

Das sind zwar nur drei Beispiele; die Wissenschaftler gestehen längst ein, dass bis zu 100 Gene die Intelligenz beeinflussen können. Aber die Ergebnisse sprechen für den Einfluss unserer Erbanlagen.

Unterfüttert wird dies durch die Studien von Frank Spinath. Der Psychologe an der Universität Saarbrücken ist einer der führenden Zwillingsforscher in Deutschland. In einer zwei Jahre dauernden Studie mit 300 Zwillingspaaren stellte er seinen Probanden immer wieder dieselbe Aufgabe: Sie sollten aus Papierschnipseln einen stabilen, möglichst hohen Turm bauen. Ergebnis: Die Türme der eineiigen Zwillinge wiesen jedes Mal verblüffende Ähnlichkeiten auf – sowohl in der Bauart als auch in der Höhe.

Zwillinge gehen auch ähnlich mit Frust um

Noch eindrucksvoller fand Spinath aber, wie die Zwillinge an die Aufgabe heran gegangen waren, also ob sie sich vorher einen Plan machten oder einfach drauflos probierten, ob sie sich später ihres Erfolgs vergewisserten und den Turm nachmaßen oder ob sie anschließend ihren Tisch aufräumten. Auch hier zeigte sich bei den genetisch identischen Zwillingen ein auffällig gleiches Verhaltensmuster.

Überhaupt waren viele Eigenschaften eineiiger Paare verblüffend ähnlich. Bei einem weiteren Experiment mit einer unlösbaren Rechenaufgabe beobachteten die Forscher, wie ihre Probanden mit Frust umgingen oder ob sie zu pfuschen versuchten – auch das sind wichtige Erfolgsmesser. Und siehe da: Hier waren die Aufzeichnungen ebenfalls eindeutig. Die eineiigen Zwillinge waren sich deutlich ähnlicher als die zweieiigen.

Eine Studie von Forschern des britischen St. Thomas’ Hospital in London scheint sogar zu belegen, dass selbst Unternehmergeist genetisch bedingt sein könnte. Sie verglichen den Werdegang von eineiigen und zweieiigen Zwillingen. Fazit: Bei den genetisch identischen Paaren kam es signifikant öfter vor, dass beide Unternehmer wurden. Es gebe Hinweise, so der Londoner Genetiker Tim Spector, dass die Erbanlagen zahlreiche Faktoren beeinflussen – von der Arbeitszufriedenheit bis hin zu beruflichen Interessen. Und zwar nicht nur bei Zwillingen, sondern überhaupt bei Geschwistern.

Erziehung, Schulbildung, Vorbild der Eltern – ist demnach alles für die Katz? Nicht ganz. Selbst wenn die Hälfte unserer Persönlichkeit durch die Gene bestimmt wird, können wir immer noch die andere Hälfte gestalten und fördern.

Auch Bestsellerautor Gladwell zieht in seinem Buch das versöhnliche Resümee, dass nicht automatisch die Klügsten erfolgreich werden. Erfolg sei vielmehr ein „Geschenk“. Zahlreiche Überflieger hätten im Leben einfach günstige Gelegenheiten auf dem Silbertablett serviert bekommen – und vor allem: sie auch genutzt.

Microsoft-Chef Bill Gates: Quelle: REUTERS

Beispiel Bill Gates. Sicher war der Microsoft-Gründer schon von Natur aus klüger als viele seiner Mitschüler. Doch wurde er alleine deswegen zu einem der reichsten Menschen des Planeten? In seinem Buch fasst Gladwell die Geschichte des kleinen Bill so zusammen: Gates' wohlhabende Eltern schickten ihn auf eine Privatschule, die – mit finanzieller Unterstützung der Elternschaft – schon 1968 einen modernen Rechner anschaffte. Die Familie Gates wohnte nur ein paar Minuten Fußweg von der Schule entfernt, weshalb Bill schon als Achtklässler regelmäßigen Zugang zu den Anfängen der Softwareentwicklung hatte – und sich neugierig daran erprobte.

Solch glückliche Zufälle allein reichen jedoch nicht. So führt Erfolgsautor Gladwell auch die sogenannte 10 000-Stunden-Regel von Daniel Levitin an. Der US-Neurologe von der McGill-Universität in Montreal will herausgefunden haben, dass sich jeder mit einer Sache mindestens 10 000 Stunden beschäftigt haben muss, bevor er über die nötigen Kenntnisse verfüge, um in seinem Bereich zur Weltspitze gehören zu können. Egal, ob als Musiker, Sportler oder Wissenschaftler.

Die Regel mag populär zugespitzt sein, Belege dafür finden sich aber in zahlreichen weiteren Forschungsarbeiten. So verglich der Psychologe K. Anders Ericsson, heute Professor an der Florida- State-Universität, Anfang der Neunzigerjahre die Lebensläufe von Studenten einer Musikakademie und kam zu dem Ergebnis: Die Jahrgangsbesten hatten schon seit frühester Kindheit stets mehr Stunden geübt als ihre mittelmäßigen Kommilitonen.

Eltern haben Einfluss auf den Erfolg ihrer Kinder

Tatsächlich haben die Eltern einen nicht unwesentlichen Einfluss auf den späteren Erfolg ihrer Kinder. Das hat nur mittelbar mit ihrer sozialen Herkunft zu tun, umso mehr mit dem Erziehungsstil und damit, wie die Umgebung der Kinder ihre Talente erkennt und fördert.

Die US-Soziologin Annette Lareau von der Universität von Maryland hat diesen Erziehungsstil vor wenigen Jahren an Drittklässlern untersucht und herausgefunden: Stärker als alle anderen erwarteten Eltern aus bildungsnahen Schichten von ihren Kindern, mit anderen zu kommunizieren und keinen übertriebenen Respekt vor Autoritäten zu haben. Die Folge: Die Kleinen lernten so schon früh, für sich selbst einzustehen und Selbstbewusstsein zu entwickeln. Kinder aus Arbeiterfamilien und bildungsfernen Schichten hingegen konnten sich durch ihre Erziehung später nicht flexibel an ihre Umgebung anpassen – für den Erfolg in Schule, Studium und Beruf war das äußerst hinderlich.

Auch die Ernährung scheint Einfluss auf die Entwicklung zu haben. So zeigten diverse Untersuchungen, dass Neugeborene, die aufgrund eines Gendefekts ein IQ-Defizit aufweisen müssten, durch gesundes Essen und entsprechende Förderung bis zum Jugendalter dennoch einen normalen IQ entwickelten. Wissenschaftler vermuten, dass die Ernährung auf Enzyme einwirkt, die wiederum die Gene positiv beeinflussen.

Offensichtlich steckt die DNA des Erfolgs zu einem Gutteil in unseren Genen und beeinflusst Intelligenz, Charakter und Karriere. Sie lässt sich aber auch ihrerseits verändern. Wer mit gutem Erbmaterial ausgestattet ist, landet also nicht automatisch auf der Erfolgsspur, andere nicht automatisch auf dem Abstellgleis.

Wie simpel sich zuweilen die Macht der Gene brechen lässt, zeigt eine Studie aus dem vergangenen Jahr. Robert Gramling von der Universität Rochester im Bundesstaat New York konnte zeigen: Männer, die glaubten, dass sie ein geringes Infarktrisiko hätten, erlitten tatsächlich drei- mal weniger Herzinfarkte – ganz gleich, wie ihre DNA aussah.

Manchmal reicht schon eine gesunde Portion Optimismus.

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