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Karrierefaktor Aussehen „Es gibt kein zu schön!“

Gutes Aussehen hilft zu einer schnellen Karriere. Quelle: Getty Images

Wer von Natur aus sehr attraktiv ist, bekommt die besseren Jobs und auch mehr Geld. Das ist nicht nur Klischee, sondern Wissenschaft. Es gibt allerdings Jobs, in denen das Aussehen überhaupt nichts nutzt.

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„Schönheit ist ein gar willkommener Gast“, schrieb einst Johann Wolfgang von Goethe vor rund 200 Jahren. Was damals schon galt, ist heute noch immer brandaktuell – und mittlerweile wissenschaftlich bestätigt. Zum einen – wer ist nicht gerne attraktiv? Zum anderen kommen Forscher in den unterschiedlichsten Studien immer wieder zu dem Ergebnis, dass Attraktivität sich bezahlt macht. Sozial und häufig auch finanziell.

Die soziale Wahrnehmung von Attraktivität ist sehr gut erforscht. 1972 erschien ein Artikel im „Journal of Personality and Social Psychology“, mit dem die Autorinnen Karen Dion und Ellen Berscheid von der University of Minnesota einen entscheidenden Satz prägten, der in der Wissenschaft bis heute gültig ist: „Was schön ist, ist auch gut“ (im Original: „What is beautiful is good“). Seit dieser Zeit widmeten sich Wissenschaftler weltweit ausführlich dem Thema Attraktivität und ihrem Einfluss auf soziales Verhalten.

„Das Attraktivitätsstereotyp ‚Was schön ist, ist auch gut‘ ist deshalb auch sehr gut gesichert“, sagt Attraktivitätsforscher und Diplom-Psychologe Martin Gründl. „Wir schließen von einer guten Eigenschaft, in diesem Fall dem Aussehen, darauf, dass diese Person auch andere gute Eigenschaften haben muss“, bestätigt der Attraktivitätsforscher Ulrich Rosar, Professor für Sozialwissenschaften an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. „Das heißt, wenn jemand gut aussieht, gehen wir intuitiv davon aus, dass er intelligenter, fleißiger, kreativer, zuverlässiger und vieles mehr ist als seine weniger attraktiven Zeitgenossen.“

Was allerdings genau attraktiv macht, das konnte bislang nicht endgültig geklärt werden. „Es gibt nicht die Schönheitsformel schlechthin“, sagt Rosar. „Daran haben sich viele Wissenschaftler versucht.“ Auch Forscher Gründl stimmt zu: „Hierzu wird seit den neunziger Jahren geforscht, aber man muss sagen, das Zusammenspiel der Einzelmerkmale und die genauen Proportionen hat bisher noch keiner so richtig verstanden.“

Allerdings gibt es bestimmte Merkmale, die für Schönheit stehen und Menschen im Allgemeinen attraktiver machen. Die meisten Dinge sind naturgegeben, einige kann man durchaus beeinflussen.

Wie genau Attraktivität die Karriere beeinflussen kann, lässt sich hingegen auf verschiedenen Ebenen analysieren. In der Regel greifen Forscher für ihre ersten Untersuchungen auf Statistiken zu Gehalt, Karrierestufen und persönlichem Erfolg zurück und paaren sie mit Analysen zum Attraktivitäts-Level der entsprechenden Personen.

So kam beispielsweise Christian Pfeifer, Professor für Angewandte Mikroökonomik an der Leuphana Universität Lüneburg zu seinen Ergebnissen. Er analysierte einen Datensatz des Leibniz-Instituts, der auf einer Bevölkerungsumfrage von 2011 beruht. Dieser enthielt sowohl repräsentative Zahlen zu beruflichem Erfolg der Befragten, als auch ihrem Aussehen und ihrer damit einhergehenden Attraktivität. Pfeifer setzte diese Daten zusammen und kam zu einem klaren Ergebnis: Befragte, die als attraktiver eingeordnet wurden, verdienten im Schnitt drei Prozent mehr.

Was wir an Menschen äußerlich attraktiv finden
Ebenmäßige Haut Egal, ob Mann oder Frau: Forscher haben in verschiedenen Studien weltweit belegt, dass eine glatte und makellose Haut bei Menschen grundsätzlich ein Zeichen für Attraktivität ist. Eine makellose Haut symbolisiert für Menschen zum einen Jugendlichkeit, zum anderen Gesundheit. Damit wird sie zu einem der wichtigsten Merkmale für Attraktivität. Quelle: imago images
bei Männern spielt die Größe eine wichtige Rolle Quelle: imago images
Beine Keine Überraschung: Haben Frauen überdurchschnittlich lange Beine, wirken sie attraktiver. Polnische Wissenschaftler haben diesen Fakt überprüft, indem sie Probanden Fotos von Frauen vorgelegt haben. Die eine Gruppe bekam das Originalfoto mit der richtigen Beinlänge gezeigt. Die anderen Probanden sahen das gleiche Bild, allerdings wurden die Beine der Frauen dort um 5, 10 oder 15 Prozent digital verlängert. Das Ergebnis: Die Frauenfotos, auf denen die Beine 10 Prozent länger waren als normal, gefielen den Probanden eindeutig am besten. Zu lang gibt es aber auch. Denn die 15 Prozent längeren Beinen wirkten für die Mehrheit der Testpersonen wiederrum ebenfalls unattraktiv. Quelle: imago images
Symmetrie Besonders symmetrische Gesichtszüge heißt besonders schönes Gesicht. Das heißt, wenn die rechte und linke Gesichtshälfte übereinander gelegt werden, bedeutet es: Je identischer sie sind, desto schöner wird das Gesicht. Studien, in denen Gesichter gemorpht werden, also am Computer so bearbeitet, dass die beiden Seiten spiegelgleich sind (etwa dadurch, dass nur eine Gesichtshälfte verwendet wird und gespiegelt wird) belegen immer wieder, dass wir symmetrische Gesichter besonders schön finden. Quelle: imago images
ProportionenEntscheidend für ein attraktives Erscheinungsbild sind auch die Proportionen. Genauer gesagt das Verhältnis zwischen Taillenumfang und Hüftumfang. Forscher haben ermittelt, dass bei Männern der optimale Durchschnittswert zwischen 0,9 und 1 liegt. Bei Frauen liegt der Wert bei 0,7. Quelle: imago images
Kindchenschema in Perfektion: Brigitte Bardot Quelle: dapd
Model wird für eine Modenshow geschminkt Quelle: REUTERS

Der Deutsche ist nicht der einzige, der solche Ergebnisse ermittelte. So ergab eine Auswertung der US-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Daniel Hamermesh von der University of Texas in Austin, dass besonders attraktive Mitarbeiter bei gleicher Qualifikation sogar bis zu fünf Prozent mehr verdienen als ihre weniger schönen Kollegen.

Und zwei Ökonomen der University of Wisconsin schlussfolgerten aus ihrer Untersuchung, dass ein attraktiver Vorstandschef beim Jobantritt den Aktienkurs des Unternehmens stärker nach oben treibe als ein unattraktiver.

Schönen Menschen verzeiht man Fehler

Außerdem haben schöne Menschen einen weiteren Pluspunkt: „Wir nehmen sie eher war, betrachten sie intensiver und können uns an sie später besser erinnern“, sagt Rosar. Gerade bei Bewerbungsgesprächen, Assessment-Centern und im Berufsalltag kann das entscheidend dafür sein, ob und wie ein Bewerber oder Mitarbeiter von den Entscheidern wahrgenommen wird. „Last but not least neigen wir dazu, attraktive Menschen auch besser zu behandeln“, sagt der Attraktivitätsfoscher. Attraktiven Menschen profitierten zudem davon, dass ihnen gemeinhin Fehler und Verfehlungen leichter nachgesehen werden, sagt Soziologe Rosar. „Untersuchungen haben es immer wieder gezeigt, dass wir bei Fehlern von attraktiven Menschen generell nachsichtiger sind.“ Die Folgen bedürfen wohl keiner Erklärung.

Schöne Menschen sind nicht zwangsläufig bessere Menschen

Die reine Einschätzung: „Ist jemand, der attraktiver aussieht, besser, netter, fleißiger?“ ist wissenschaftlich betrachtet für Psychologen Gründl „schon geradezu langweilig“ – denn das Ergebnis sei einfach immer das gleiche: „Wenn man Menschen bittet, einfach nach Bildern den Charakter einer Person zu bewerten, kommt man immer zum gleichen Ergebnis“, erläutert Gründl. „Die unattraktiven bekommen schlechtere Charaktereigenschaften zugeschrieben, die attraktiven Gesichter durchweg positive.“

Dabei stimmt das mit der Realität natürlich nicht zwangsläufig überein. Wer die schöneren Gesichtszüge hat, ist nicht automatisch ein besserer Mensch. Auch das haben Wissenschaftler vielfach ausführlich untersucht. Das Ergebnis: Die besonders attraktiven Testpersonen waren weder intelligenter, noch netter – höchstens einen Hauch geselliger oder sozial kompetenter. „Dies zeigt sich aber nur bei einer großen Menge Probanden“, relativiert Gründl diese Ergebnisse.

„Das Gros der Studien zeigt, dass es keinen Zusammenhang zwischen Attraktivität und den tatsächlichen Persönlichkeitseigenschaften“, bewertet auch Soziologe Rosar die Forschungslage. Die wenigen Untersuchungen, die Zusammenhänge erkennen, argumentierten zumeist mit der Self-Fulfilling-Prophecy: „Die Attraktiven werden so behandelt als wären sie kompetenter und können deswegen ihre Möglichkeiten, kompetent zu werden, besser verwirklichen als andere, denen man es weniger zutraut“, so Rosar.

Wir lassen uns vom Schönheit blenden

„Es gibt einen allgemeinen Ausstrahlungseffekt, der Attraktivität auf andere Merkmale überträgt“, sagt Gründl. Deshalb würden etwa auch in Assessment-Centern schönere Leute bessere Beurteilungen für jobrelevante Eigenschaften bekommen, obwohl sie nicht besser sind, sondern einfach kompetenter auf die Beurteiler wirken. „Auch sie können es nicht trennen und lassen sich blenden.“ Von der Schönheit blenden lassen – die Redewendung kommt also nicht von ungefähr.

Nichtsdestotrotz gibt es auch immer wieder die Behauptung, dass es besonders Frauen beruflich schaden könne, wenn sie zu schön seien. Platt gesagt: „Die ist so schön, die kann nicht auch noch klug sein“.

Dass das Klischee in den Köpfen existiert, bewiesen israelische Forscher um den Ökonom Bradley Ruffle von der Ben-Gurion-Universität. Sie verschickten über 5000 fiktive Bewerbungen für über 2600 Jobs. Teils mit Bildern von durchschnittlich, teils mit Bildern von überdurchschnittlich attraktiven Männern und Frauen und teils ganz ohne Foto.

Das Ergebnis: Besonders erfolgreich waren die Bewerbungen der attraktiven Männer. Unterdurchschnittlich hingegen die der attraktiven Frauen. Die Vermutung der Wissenschaftler: Attraktivität benachteilige vor allem Frauen. Denn attraktive Frauen förderten das Balzverhalten insbesondere der männlichen Kollegen und schüre Eifersüchteleien unter den Frauen.

Ob das tatsächlich die korrekte Begründung ist, sei dahin gestellt. Die Problematik für attraktive Bewerber und Mitarbeiter scheint in jedem Fall real.

Haben Frauen also im Beruf tatsächlich Nachteile, wenn sie ganz besonders schön sind? Gründl kann das durch seine Untersuchungen nicht bestätigen. Bei seinen Studien seien Gesichter von sehr attraktiven Männern und Frauen gleichermaßen als besonders intelligent eingeschätzt worden. „Ein schönes Frauengesicht wird also nicht als weniger intelligent bezeichnet“, so Gründl. „Je schöner, desto intelligenter. Da gibt es kein zu schön.“ Eine Ausnahme gäbe es aber, räumt der Psychologe ein: Schönheit hat bei Frauen immer etwas mit besonders vielen weiblichen Attributen zu tun.

Schöne Frauen haben es in Männerberufen schwerer

„Rot geschminkte Lippen, viel Make-up und ein schönes Dekolleté sind etwa typisch weibliche Attribute, die für Attraktivität stehen. Das kann aber dazu führen, dass eine solche Frau als weniger kompetent eingeschätzt wird“, sagt Gründl. Nämlich in Jobs, die eher männlich konnotiert sind. In den Köpfen tragen Maschinenbauer keine Pumps und Ingenieure keinen knalligen Lippenstift.

Im Englischen gibt es eine Redewendung, die das Phänomen auf den Punkt bringt: „think manager, think male“.

Die Schlussfolgerung: In Berufen, in denen typisch männliche Eigenschaften gefragt sind, können weibliche Attribute zum Nachteil werden. „Attraktive Frauen sind gemeinhin weiblicher und das löst geschlechtsspezifische Stereotypen aus“, erklärt es Soziologe Rosar. „Wenn eine Frau, die hochattraktiv ist, in einem Unternehmen ins Topmanagement vorstoßen wird, hat sie häufig damit zu kämpfen, dass ihr Eigenschaften wie Härte, Durchsetzungsvermögen oder Durchhaltewille weniger zugeschrieben werden, weil es eher männlich konnotierte Eigenschaften sind.“

Zu diesem Ergebnis kam auch die US-Ökonomin Stefanie Johnson. Sie untersuchte vor ein paar Jahren an der UC Denver Business School konkret die Chancen attraktiver Frauen in Männerberufen, für die Aussehen grundsätzlich irrelevant erscheint. Anhand der Bewerbungsfotos der Frauen ließ sie Probanden bewerten, wie attraktiv die Frauen seien und für wie geeignet sie die Frauen für konkrete Jobs hielten. Das Ergebnis: Je attraktiver die Frauen, für umso weniger geeignet bewerteten sie die Befragten – insbesondere für Berufe wie „Leiter der Forschungsabteilung“, Bauaufsicht und Finanzdirektor(in).

Umgekehrt gebe es dieses Problem aber genauso für hochattraktive Männer, macht Rosar deutlich. So hätten diese beispielsweise in eher weiblich konnotierten Berufen Probleme, als kompetent wahrgenommen zu werden – beispielsweise Kindergärtner. „Denen wird gemeinhin dann beispielsweise weniger Einfühlungsvermögen zugeschrieben“, sagt der Soziologe.

Frauen verbergen ihre Weiblichkeit unbewusst

In seinen eigenen Studien konnte der Attraktivitätsforscher diesen Effekt allerdings nur ein einziges Mal nachweisen – und zwar in der Leistungsevaluation von Hochschuldozentinnen durch Studierende. „Die positive Bewertung stieg dort in Korrelation mit der Attraktivität zunächst an und fiel ab einem mittleren Attraktivitätsgrad dann wieder ab. Sprich, besonders unattraktive und hochattraktive Frauen wurden gleichermaßen benachteiligt.“

Vielen Frauen ist diese Wirkung dabei durchaus klar – zumindest unbewusst: „Viele Frauen nehmen ihre Weiblichkeit bewusst oder unbewusst zurück, um diese Wirkung zu konterkarieren“, sagt Rosar.

Weniger oder keine Schminke, das klassische Business-Outfit, flache Schuhe, wenig Schmuck und zurückgebundene Haare gehören in diesen Fällen häufig zum Erscheinungsbild solcher Frauen. „Das ist quasi eine Maskulinisierung. Sie verschleiern ihre Weiblichkeit und damit ihre weibliche Attraktivität“, beschreibt es der Soziologe.

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