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Lächle oder stirb Die Diktatur des positiven Denkens

Seite 2/2

Buchcover

Kaum jemand – auch nicht die Ökonomen – sah den Zusammenbruch des Finanzsystems voraus. Schließlich hatte sich die amerikanische Wirtschaft vom Trauma der zerplatzten New-Economy-Blase und des 11. September wieder erholt und erklomm durch stetig in die Höhe schnellende Immobilien- und Aktienpreise neue Gipfel. Die in die Höhe schießenden Immobilienpreise heizten die gesamte Wirtschaft an, indem Eigentümer ermutigt wurden, ihre Häuser wie einen "Geldautomaten" zu benutzen, wie es die Kommentatoren gern bezeichneten – sie also mit Hypotheken zu belasten, um einen steigenden Konsum zu finanzieren.

Frank Nothaft, Chefökonom bei der Hypothekenbank Freddie Mac, versicherte der Öffentlichkeit, es werde niemals zu einem signifikanten Sturz der Immobilienpreise in den USA kommen. Ende 2008 stellte Ökonom Paul Krugman, einer der wenigen Wirtschaftspessimisten und Kolumnist der "New York Times", die rhetorische Frage, warum niemand "das Ganze als das gigantische Schneeballsystem, das es war", erkannt habe. Weil, so vermutete er, "niemand Spielverderber sein will".

Gewiss hat zur waghalsigen Akkumulation von nicht rückzahlbaren Schulden und Risikokrediten der nahezu einmütige Optimismus der Experten beigetragen, aber den gleichen Anteil daran hatte auch die ständige überdrehte Euphorie vieler normaler Amerikaner. Unsere Bereitschaft, uns hoch zu verschulden und weiterhin Geld auszugeben, ist aufs Engste mit unserem Optimismus verknüpft. Und die Ideologie des positiven Denkens goss eifrig Öl in das Feuer dieses Optimismus und der dazugehörigen Anspruchshaltung.

Dem Leichtsinn der Kreditnehmer stand ein weit größerer Leichtsinn der Kreditgeber gegenüber. Die amerikanische Unternehmenskultur hatte sich längst von der nüchternen Rationalität des professionellen Managements verabschiedet und frönte dem emotionalen Kitzel von Mystizismus, Charisma und Eingebungen. Angefeuert von bezahlten Motivationstrainern und göttlich inspirierten Führungskräften, befand sich die Wirtschaft in den USA Mitte dieses Jahrzehnts auf einem Höhepunkt manischer, wahnhafter Erwartungen, die bis in die höchsten Führungsebenen reichten.

Der einst so nüchterne Finanzsektor war gegen das „Virus“ des positiven Denkens nicht immun. Finanzunternehmen engagierten Motivationstrainer und Coachs wie Anthony Robbins, der sich bei Larry King 2008 damit brüstete, er habe "das Privileg gehabt, 16 Jahre lang einen der zehn weltweit führenden Finanzmakler zu betreuen". Einige Investmenthäuser haben sogar selbst Motivationstrainer hervorgebracht, wie Chris Gardner, dessen Bericht über seinen Aufstieg vom Obdachlosen zum hoch bezahlten Angestellten bei Bear Stearns "The Pursuit of Happiness (Das Streben nach Glück)" – ein Bestseller war und von Hollywood verfilmt wurde.

Manche empfahlen nach dem Zusammenbruch der Börse und der Konjunktur das positive Denken nicht nur als Heilmittel für den notleidenden Einzelnen, sondern auch für die gesamte zerrüttete Wirtschaft. Ein Kommentar in der "Chicago Tribune" beteuerte, „das ständige, weit über die realen Erfordernisse hinausgehende Schlechtreden hat uns dahin gebracht, wo wir heute sind, und eine schwächelnde Wirtschaft zu einer kranken gemacht, die von der Rezession zur Depression überzugehen droht“. Und die Lösung? "Jubelnd nach vorn blicken, sich klarmachen, dass es nichts hilft, noch so viele Milliarden in die Wirtschaft fließen zu lassen, solange wir nicht mit Zuversicht und Vertrauen in die Zukunft blicken."

Dinge sehen, wie sie sind

Sollen wir etwa nicht positiv sein? Mittlerweile sind wir auf der Straße des Erfolgs so weit gekommen, dass uns "positiv" nicht nur normal, sondern normativ erscheint – als die Art und Weise, wie wir sein sollen. Ein erfahrener Personalleiter reagierte verdutzt auf meine Fragen zum positiven Denken am Arbeitsplatz und meinte zögernd: "Aber ist positiv denn nicht gut?" Er hatte recht: Wir verwenden die Wörter "positiv" und "gut" fast synonym. Wenn man in unserem Moralsystem nicht immer nur die Sonnenseite sieht, unentwegt seine Einstellung korrigiert und seine Wahrnehmung überdenkt, landet man schnell auf der Schattenseite.

Die Alternative zum positiven Denken ist nicht Verzweiflung. Negatives Denken kann genauso realitätsfremd sein wie positives. In beiden Fällen besteht eine Unfähigkeit, Gefühl und Wahrnehmung voneinander zu trennen, und die Einbildung wird zur Realität, wegen des damit verbundenen „guten Gefühls“. Die Alternative zu beidem besteht darin, dass wir aus uns heraustreten und die Dinge so sehen, "wie sie sind", also möglichst wenig gefärbt durch unsere Gefühle und Fantasien. Dann erkennen wir, dass die Welt voller Möglichkeiten und voller Gefahren ist, dass wir zugleich die Chance großen Glücks und die Gewissheit des Todes haben. 

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