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Leistungsdruck "Früher waren wir stolz auf unser Werk, heute auf unsere Erschöpfung"

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Deutsche brauchen eine bedachte Strategie

In Ihrem Buch "Die erschöpfte Gesellschaft" fordern Sie dazu auf, den Lebenssinn neu zu entdecken. Wie soll das gehen?

Grundsätzlich haben wir einen ritualisierten Ausstieg aus dem Leistungsdruck, wenn wir abends ins Bett gehen. Die nächtlichen Träume sind eine Art Korrektiv. Wir sind dann in der besinnungsvollen Unbetriebsamkeit. Unsere Träume führen uns vor Augen, was unsere eigentlichen Lebensziele, Sehnsüchte und Wünsche sind.

Wann Druck nützlich ist

Wenn wir nach dem Aufstehen nicht direkt wieder aufs Smartphone starren, dann sind wir noch in einer sehr kreativen Sphäre, die uns nicht nur Ideen beschert, sondern uns auch klar macht, wie es uns geht und dass wir vielleicht mal wieder einen guten alten Freund anrufen müssten.

Also setzt uns die Digitalisierung noch mehr unter Leistungsdruck?

Die Digitalisierung ist ja per se nicht schlecht. Nur wenn wir uns zum Büttel des technischen Fortschritts machen – indem wir uns beispielsweise verpflichtet sehen, jede Mail innerhalb von 30 Minuten zu beantworten, dann können wir die Dinge nicht mehr überschlafen.

Aber wenn wir gewissen Dingen Zeit geben, treffen wir meistens die bessere Wahl. Wir entscheiden oft zu schnell und müssen dann korrigieren und zurückrudern. Das ist unterm Strich viel aufwendiger, als wenn die Entscheidung vorher einmal reiflich überlegt worden wäre.

Aber ist es überhaupt möglich, in einer unter Leistungsdruck stehenden Gesellschaft einen Gang zurück zu schalten?

Ich plädiere ja nicht dafür, dass man aus dieser Gesellschaft vollkommen aussteigt, sondern dass man Phasen der Reflexion hat. Bei wichtigen Entscheidungen sollte man sich unbedingt die Freiheit nehmen. Denn genau das macht uns letzten Endes auch erfolgreicher. Denn der Erfolg entwächst nicht dem Schnellschuss, sondern der bedachten Strategie.

Und wie entwickeln wir diese Strategie?

Durch die Doppelbegabung, welche die Deutschen haben: Wir waren einerseits Weltmeister im Wegarbeiten. Andererseits hatten wir Deutschen immer unsere Refugien – den Schrebergarten, die Laube, den Hobbykeller, wo wir zweckfrei schöpferisch werden konnten. Wir sollten die Refugien erhalten, um auch während der Arbeit leistungsfähig zu bleiben und unsere Schöpferkraft zu erhalten.

Wie die Star-Geigerin mit Druck umgeht

Es ist unwahrscheinlich, dass die Mehrheit der Deutschen sich plötzlich in ihren Schrebergarten oder Hobbykeller zurückzieht.

Das stimmt. Im Moment funktioniert die Gesellschaft trotz Leistungsdruck. Die Frage ist, ob wir nicht irgendwann den Kreativitäts-Burn-out erleben. Wir zehren momentan von der Substanz. Neben dem Effizienzdiktat ist es aber wichtig, neu zu träumen. Wenn wir diese Zeit zum Träumen haben, sind wir erfindungsreich.

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