Literatur Wer viel liest, wird eher reich

Lesen aktiviert nicht nur die grauen Zellen, sondern kann auch den Geldbeutel füllen. Alles nimmt seinen Anfang in der Kindheit. Das bestätigt auch die Forschung.

Diese Bücher empfehlen WiWo-Redakteure für den Sommer
Jeff Loucks, James Macaulay, Andy Noronha, Digital Vortex Quelle: Presse
Gloria Steinem: „My Life on the Road“ Quelle: Presse
Juli Zeh, Unterleuten Quelle: Presse
Ashlee Vance, Elon Musk: Wie Elon Musk die Welt verändert Quelle: Presse
Allison Hoover Bartlett, The Man Who Loved Books Too Much Quelle: Presse
Empfohlen von Tim Rahmann, Korrespondent New YorkBill Bryson: Sommer 1927Goldmann, 9,99 Euro Charles Lindbergh gelingt der erste Transatlantik-Flug, das Einkaufen auf Pump kommt in Mode und das Fernsehen wird erfunden. Die Arbeiten an Mount Rushmore beginnen, Hochhäuser schießen aus dem Boden – und die US-Wirtschaft ist nicht zu stoppen. Das mit Calvin Coolidge einer der einfallslosesten und unmotiviertesten Präsidenten der Geschichte im Weißen Haus sitzt – sofern er nicht monatelang in South Dakota, weit von der Hauptstadt, urlaubt – stört kaum jemanden: Die USA erleben einen Sommer der Superlative und steigen endgültig zur Weltmacht auf. Bill Bryson beschreibt den Aufstieg Amerikas so bildlich, so detailreich, als wäre er selbst dabei gewesen. Das Buch ist lehrreich, unterhaltsam, weil humorvoll – und kurzweilig. Ein Tipp für alle, die an den USA interessiert sind, an Geschichte, Politik – und Wirtschaft. Schließlich treffen sich 1927 auf Long Island auch die vier wichtigsten Notenbanker der Welt und schaffen unfreiwillig die Grundlage für den Crash von 1928. Bester Satz: „Americans were the most comfortable people in the world. American homes shone with sleek appliances and consumer durables – refrigerators, radios, telephones, electric fans, electric razors – that would not become standard in other countries for a generation or more. (…) Every year, America added more new phones than Britain possessed in total. Forty-two percent of all that was produced in the world was produced in the United States. (…) Kansas alone had more cars than France. (…)“ Quelle: Presse
Martin Dornes, Macht der Kapitalismus depressiv? Quelle: Presse
Empfohlen von Miriam Meckel, ChefredakteurinJonathan Franzen: UnschuldRowohlt, 12,99 Euro Jonathan Franzens drittes Gesellschaftsepos ist eine schwarze Komödie der Gegenwart. Die junge Amerikanerin Pip Tyler, Generation Praktikum, weiß nicht, wohin sie gehört und was sie machen will. Sie sucht nach ihrem ihr unbekannten Vater und versucht, sich ihrer eigenwilligen Mutter zu entziehen. Ein Praktikum beim Sunlight Project des berühmten Whistleblowers Andreas Wolf scheint ihr bei allem helfen zu können: der Recherche nach ihrem Vater, der Suche nach Sinn und der Befreiung aus den familiären Zwängen. Stattdessen taucht sie ein in ein Netz von Liebe, Mord und Verrat. Das Buch lohnt sich, weil es toll erzählt ist und ein Spiegel der Zeit, in der wir leben: die digitale transparente Welt, die nicht ganz so locker, leicht, offen und demokratisch ist, wie manch einer sich gewünscht hat. Die weist in der Erzählung von Jonathan Franzen eine ganze Menge Analogien zur DDR auf, und in dieser Analogie baut Franzen sein Buch als zeitgeschichtliches Gesellschaftsportrait auf. Das ist überraschend, spannend, erhellend und auch ein bisschen gruselig. Das steckt auch in dem Satz, der mir im Kopf geblieben ist: „You could cooperate with the system or you could oppose it, but the one thing you could never do, whether you were enjoying a secure and pleasant life or sitting in a prison, was not to be in relation to it.“ Quelle: Presse
Michael Goodwin, Dan E. Burr, Economix Quelle: Presse
Daniela Kahls, Evi Seibert Quelle: Presse
Kevin Kelly, The Inevitable, Literatur Quelle: Presse
Empfohlen von Andreas Menn, Redakteur Innovation & DigitalesRainer Kurlemann: Der GeranienmannSutton Krimi, 12,99 Euro Der Düsseldorfer Genforscher Johannes Wittjer hat mit DNA-Analysen ein blühendes Business aufgezogen: Er prophezeit wohlhabenden Kunden, welche Krankheiten ihnen dräuen, und dem lokalen Fußball-Club, wie laufstark potentielle neue Spieler sind. Als eine Serie von gruseligen Morden Düsseldorf erschüttert, wendet sich auch die Polizei an den Genforscher. Mit Hilfe von DNA-Analysen soll er die Ermittler auf die Spur des Täters bringen. Doch plötzlich wird Wittjer selbst von einem Unbekannten bedroht und gerät in internationale Verwicklungen. Wie tief Forscher den Code des Lebens schon entschlüsseln können - und wie rasch sie an ethische Grenzen stoßen: Das ist das Thema des Krimis “Der Geranienmann” von Rainer Kurlemann. Der Wissenschaftsjournalist bei der Rheinischen Post beschäftigt sich seit Langem mit den Fortschritten der Gentechnik und ihren Konsequenzen für den Menschen. Gene bestimmen unser Aussehen, unseren Charakter, unsere Intelligenz. Was machen wir damit, was macht es aus uns, wenn wir über unsere Erbanlagen Bescheid wissen, ja wenn wir sie verändern können? Kurlemanns Düsseldorf-Krimi macht Gentechnik greifbar und spannend wie einen Kinofilm. Bester Satz: “Die DNA von Alexander war im Bereich des Geruchssinns nahezu fehlerfrei. ‘Meine Empfehlung’, sagte sie (...) Alexander sollte Koch werden. Er bringt die perfekten Voraussetzungen mit.’ Thorsten Bachmaier reagierte überrascht. ‘Wie sieht es mit Jura aus?’” Quelle: Presse
Empfohlen von Matthias Kamp, Redakteur Unternehmen & MärkteCharlie Le Duff: Detroit – an American autopsyPenguin Books, 15,75 Euro Der Ich-Erzähler, ein Reporter der New York Times, kündigt seinen Job und kehrt in seine Heimat zurück: Detroit. Dort heuert er bei einer Lokalzeitung an, deren Auflage seit Jahren sinkt. Trotzdem legt sich der Reporter voll ins Zeug und beschreibt in seinen Aufsehen erregenden Geschichten den allmählichen Verfall der einstigen Boomstadt im Bundesstaat Michigan: Korrupte Bürgermeister, ständige Budgetkürzungen bei Feuerwehr und Polizei mit der Folge, dass Brände nicht gelöscht, Verbrechen nicht verfolgt und ganze Stadtviertel entvölkert werden. Der Abstieg Detroits hat lange vor der Finanzkrise 2008 begonnen. Die Einbrüche in der Autoindustrie der Stadt im Zuge der Weltfinanzkrise haben den Trend lediglich beschleunigt. Die Ursachen des Verfalls liegen viel tiefer: Jahrelanges Politikversagen, Vetternwirtschaft, eine schlecht funktionierende Verwaltung und nicht zuletzt latenter Rassismus gegenüber Schwarzen haben zum ungebremsten Verfall Detroits geführt. Bester Satz: „Um die offizielle Mordrate in der Stadt zu senken, hat die Polizei zahlreiche Todesfälle falsch klassifiziert, und es zeigte sich, dass sie es über Jahre getan hatte.“ Quelle: Presse
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Es gibt Menschen, die sich nächtelang in Büchern verlieren können und andere, die nur lesen, wenn Beruf, Studium oder der Lehrer es fordert. Als Johannes Gutenberg im 15. Jahrhundert den Buchdruck erfand, war Lesen noch ein Privileg der Oberschicht. Wer reich war, genoss auch gute Bildung. Das schien sich mit einem besseren Zugang zu Büchern und gedruckten Texten zu ändern. Aber noch heute besteht ein statistischer Zusammenhang zwischen Einkommen und dem Lesen. Das behauptet zumindest eine Forschergruppe der Universität Padua.

Kinder aus belesenen Familien verdienen später mehr

In ihrer Studie mit dem vielversprechenden Titel „Books are forever“ befragten die Forscher knapp 6000 Männer in neun europäischen Ländern nach ihrem durchschnittlichen Lebenseinkommen sowie nach der Anzahl der Bücher, die sie im elterlichen Haushalt im Alter von 10 Jahren vorfinden konnten. Die Bücherzahl sagt dabei nicht nur etwas über die wirtschaftliche Lage einer Familie aus, die Zahl lasse vielmehr erkennen, inwiefern einem Kind schon früh die Möglichkeit gegeben wurde, kognitive und sozio-emotionale Fähigkeiten auf- und auszubauen. Das Ergebnis: Kinder aus Haushalten, in denen viele Bücher vorzufinden sind, verdienen später durchschnittlich 21 Prozent mehr.

Bücher, TV, Streaming? Diese Medien finden die Deutschen unverzichtbar

„Das Vorhandensein von Büchern steht für mehr als nur die Präsenz eines Lesemediums. Es steht dafür, dass Lesen in der Lebenswelt der Kinder verankert war und die Kinder schon frühzeitig verschiedene Kompetenzen entwickeln konnten“, sagt Simone Ehmig, Leiterin des Instituts für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen. Dabei ist schon die Gute-Nacht-Geschichte in der frühen Kindheit entscheidend.

„Schon das Vorlesen zahlt sich in vielfältiger Hinsicht auf die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes aus und hat einen wesentlichen Einfluss auf die Sprachentwicklung“, sagt Ehmig. Aus Studien des Instituts für Lese- und Medienforschung geht hervor, dass Kinder, denen vorgelesen wurde, später mit besseren Schulnoten belohnt werden. Die Lust zu Lesen entsteht also Schritt für Schritt: Wer früh vorgelesen bekommt, entwickelt eine höhere Motivation, bald auch selbständig zum Buch zu greifen. Wer viel liest, kann die bessere Bildung erlangen und schließlich mehr Geld verdienen. So weit, so simpel. Doch auch wenn es heute so einfach scheint: Ein hürdenloser Zugang zu Büchern bedeutet nicht, dass das große Angebot auch über alle Gesellschaftsschichten hinweg gleichermaßen genutzt wird. Die neue PISA Studie bestätigt, dass die soziale Herkunft über Lesekompetenz und –motivation entscheidet.


15 Minuten pro Tag vorlesen

Simone Ehmig betont jedoch, dass Eltern unabhängig von Einkommen und Bildung, vorlesen sollten: „Selbst mit 15 Minuten Vorlesen pro Tag bekommen die Kinder eine Möglichkeit, aus Geschichten verschiedene Situationen und Lebensentwürfe kennenzulernen, mit denen sie im echten Leben noch nicht konfrontiert wurden. So können sie Interesse für Themen entwickeln und schon früh ihren Horizont erweitern“.

Eine gute Lesekompetenz setzt jedoch nicht nur den frühen Kontakt mit Büchern voraus, sondern auch neurologische Bedingungen: „Zu Beginn der Leseentwicklung existieren bei Kindern schon Hirnareale, die für die Verarbeitung von gehörter Sprache verantwortlich sind. Das Gehirn beginnt dann, jeden Laut mit einem Buchstaben zu verknüpfen“, erklärt Johanna Liebig aus dem Arbeitsbereich Allgemeine und Neurokognitive Psychologie an der Freien Universität Berlin.

Vorlesetipps

Kinder, die regelmäßig zum Buch greifen, sorgen dafür, dass die zuständigen Netzwerke zur Verarbeitung des Gelesenen besser zusammenarbeiten. Je besser diese Hirnareale bereits im Kindesalter zusammenarbeiten, desto eher entwickelt sich auch eine ausgeprägte Lesefähigkeit.

Wer ab jetzt täglich ein Buch zur Hand nimmt und sich unmittelbaren Reichtum erhofft, der wird enttäuscht. Doch fantasievolle Geschichten und spannende, neue Blickwinkel auf das Leben können zumindest zum geistigen Reichtum beitragen. Das Genre des Buches spielt im Übrigen eine geringere Rolle: Wem lange Romane nicht zusagen, der kann genauso gut zu Sachbüchern oder Zeitschriften greifen – der Effekt bleibt derselbe. Die Devise lautet: Lesen muss Spaß machen.

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