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Sinnforschung Warum Arbeit sich sinnvoll anfühlen sollte

Ein Mann an einem Schreibtisch Quelle: Fotolia

Die Frage nach dem Sinn wird für Arbeitnehmer und Unternehmen scheinbar immer wichtiger. Das Problem: Nur weil eine Tätigkeit einen Nutzen hat, ist sie vielleicht sinnvoll, erfüllend ist sie dann aber lange noch nicht.

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Der Zeitgeist zwingt Unternehmen zum Umdenken: Sinnstiftung wird zur größten Herausforderung, der sie sich in den kommenden zwölf Monaten stellen müssen. Zu diesem Schluss kommt die Innovations- und Designberatung Fjord in ihrem Report „Trends 2020“, der auf Grundlage von Beobachtungen und der Kundenarbeit von mehr als 1200 Designern, Entwicklern und Beratern entstand. Demnach ist Sinnstiftung einer der insgesamt sieben Trends, die in der Berufswelt 2020 wichtig sein werden. „Immer mehr Menschen stellen die Frage: Welchen ‚Purpose‘ haben Marken und Unternehmen – also was ist ihr Daseinsgrund und woraus ziehen sie ihre Berechtigung, Geld zu verdienen?“, sagt Christoph Loeffler, Geschäftsführer von Fjord für den deutschsprachigen Raum. „Die meisten Unternehmen bleiben die Antwort bislang schuldig.“

Prof. Dr. Tatjana Schnell gehört zu den Vorreitern in der Sinnforschung – ein noch recht junges Forschungsgebiet. Die Psychologin lehrt an der Universität Innsbruck Persönlichkeits- und Differentielle Psychologie und Empirische Sinnforschung. Im Interview erklärt sie, wann wir eine Tätigkeit als sinnvoll empfinden, wie Manager dazu beitragen können und worauf es ankommt, um im Job zufrieden zu bleiben:

WirtschaftsWoche: Frau Schnell, warum ist es für uns wichtig, dass Arbeit einen Sinn hat?
Tatjana Schnell: Unsere Arbeit ist etwas, womit wir sehr viel Zeit verbringen. Wenn wir etwas tun, wofür wir uns morgens früh aus dem Bett quälen und anstrengen, sollte das zumindest sinnvoll sein. Sonst kann es leicht zu einer Belastung werden. Motivation korreliert hoch mit dem Sinnerleben. Wenn ich einen Sinn in dem sehe, was ich tue, dann habe ich auch einen guten Grund, mich zu engagieren.

Wäre es denn schlimm, wenn ich den Job einfach mache, ohne einen Sinn darin zu sehen? Viele sagen ja schließlich auch – es reicht mir, dass ich damit Geld verdiene.
Wir sollten zwei Dinge unterscheiden: der Beruf als Sinnquelle und der Beruf als sinnvolle Tätigkeit. Ein Beruf kann einerseits sinnstiftend sein. Vor allem dann, wenn ich auch meine persönlichen Ziele im Beruf verwirklichen kann. Andererseits hat aber auch jeder Beruf einen Sinn in sich– kann also theoretisch als sinnvoll erlebt werden.

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    Können Sie das genauer erklären?
    In Berufen der Logistik, des Verkaufs oder der Verwaltung etwa gibt es wenig Gestaltungsfreiraum und diese Jobs machen das private Leben nicht unbedingt sinnerfüllter. Aber diese Tätigkeiten sind sinnvoll für das Unternehmen und die Gesellschaft. Das gilt es bewusst zu machen: Was ich tue, hat für andere einen Nutzen, einen Mehrwert. Das macht Arbeit ja im Grunde aus. Wenn ich das sehen kann- und noch einige andere Bedingungen erfüllt sind - dann ist die Arbeit auch für mich sinnvoll.

    Tatjana Schnell Quelle: Presse

    Das gelingt aber nicht immer, oder?
    Dieser Aspekt tritt tatsächlich in den Hintergrund. In vielen Jobs geht es heute hauptsächlich darum, dass das Unternehmen entweder überlebt oder weiterwächst. Im Grunde also um Profit. Denken wir beispielsweise an Pflegekräfte: Wer sich für diesen Beruf entscheidet, möchte Kranken beistehen. Wenn es durch die Rationalisierung und die Einsparungen, die fast alle Kliniken erleben, primär darum geht, dass immer mehr Patienten in kürzerer Zeit behandelt werden, dann geht der ursprüngliche Sinn des Pflegens unter und die Arbeitenden empfinden ihre Arbeit sinnlos.

    Trotzdem meinen Sie, theoretisch kann jedem Job ein Sinn verliehen werden? Wenn ich etwa an Fließbandarbeiter oder Regalbefüller denke, fällt es mir schwer zu glauben, dass das überhaupt möglich ist.
    Auch solche Arbeit kann sehr wohl – unter den richtigen Bedingungen – als sinnvoll angesehen werden, denn sie hat ja eine Notwendigkeit. Der Sinnbegriff muss dafür etwas heruntergebrochen werden. In der Sinnforschung arbeiten wir mit vier Merkmalen. Erstens die Bedeutsamkeit des Handels: Ich weiß, dass das, was ich tue, für etwas gut ist, positive Konsequenzen hat. Als Zweites die Kohärenz. Das, was ich im Beruf tue, passt zu mir und meinem Lebensstil. Drittens die Orientierung: Hinter den Zielen, die mein Unternehmen verfolgt, kann ich stehen. Und viertens die Zugehörigkeit. Ich bin Teil von etwas, werde als Mensch wahrgenommen und fühle mich wertgeschätzt, eingebunden und bekomme Verantwortung.

    Lassen sich diese vier Punkte in jedem denkbaren Beruf anwenden?
    Diese vier Merkmale können in jedem Beruf umgesetzt werden. Nehmen wir das Beispiel der Regalbefüller: Wenn sie ihren Job nicht machen, würden die Kunden leere Regale vorfinden und letztlich würde der Supermarkt schließen müssen, denn ohne sie funktioniert es nicht. Bei der Kohärenz geht es um Punkte wie Arbeitszeitgestaltung, Vereinbarkeit mit Familie und Freizeit – die gelten genauso für Regalbefüller wie Manager. Die Orientierung bezieht sich auf das Verhalten des Unternehmens. Versucht eine Firma etwa ihre Kunden zu täuschen, kann der Mitarbeiter deshalb vielleicht nicht mehr dahinterstehen. Dann wird der Job schnell als sinnlos empfunden. Andersherum gedacht: Kann der Mitarbeiter stolz auf die Arbeit der eigenen Firma sein, stimmt das Sinnerlebnis in diesem Punkt. Auf Punkt vier, die Zugehörigkeit, haben die Vorgesetzten auch einen großen Einfluss: Wird der Einsatz der Einzelnen wahrgenommen und von Chef und Kollegen geschätzt, verleiht das dem Job Sinnhaftigkeit.

    „Sinn ist etwas, was Personen selbst wahrnehmen“

    Warum ist es für Unternehmen wichtig, dass ihre Mitarbeiter ihre Arbeit als sinnvoll erachten?
    Unternehmen können ganz direkt davon profitieren. Es gibt ein Experiment, das diese Bedeutung schön verdeutlicht: Der US-Psychologe Adam Grant hat vor einigen Jahren eine Studie durchgeführt mit Angestellten eines Callcenters einer Universität, die Spenden von Alumni einzuwerben hatten. Grant teilte die Mitarbeiter in drei Gruppen ein: Die einen haben gearbeitet wie immer. Die zweite Gruppe bekam zwei (fingierte) Briefe, in denen ehemalige Mitarbeiter schrieben, sie habe der Job in der Karriere erheblich nach vorne gebracht. Die dritte Gruppe bekam zwei Dankes-Briefe, in denen die Schreiber davon berichteten, dass sie durch das eingeworbene Geld ein Stipendium bekamen, einen Studienabschluss machen konnten und nun einen tollen Job hatten und eine Familie ernähren konnten. Nach einem Monat wurden die Leistungen der drei Gruppen analysiert: Die dritte Gruppe hatte fast drei Mal so viele Spenden eingeworben wie die anderen beiden Gruppen, bei denen es keine ersichtliche Veränderung gab. Daraus lässt sich schließen: Wer sieht, dass die eigene Arbeit einen Nutzen für andere hat, der arbeitet besser und motivierter.

    Jetzt hat aber natürlich nicht jeder Job diese soziale Komponente. Durch welche Aspekte lässt sich auch jeder andere Job so positiv sinnvoll empfinden?
    Es gibt in jedem Unternehmen Dinge, auf die man stolz sein kann. Mich hat mal jemand gefragt: Was soll man da denn in der Schraubenfabrik annehmen – da ändert man ja mit seiner Arbeit nicht die Welt. Aber in der Schraubenfabrik stelle ich Material her, das dafür sorgt, dass andere Dinge richtig gut funktionieren. Die Schrauben können stabil und verlässlich, von guter Qualität sein. Darauf kann ein Mitarbeiter stolz sein. Und das lässt sich eigentlich auf jede Arbeit anwenden.

    Können Manager in ihrer Rolle als Führungskraft Einfluss nehmen?
    Können sie. Wichtig ist aber: Manager können der Arbeit ihrer Angestellten keinen Sinn geben. Denn Sinn ist etwas, was Personen selbst wahrnehmen. Entweder sehen sie aus ihrer Sicht einen Sinn in ihrem Tun – oder eben nicht. Manager können aber auf die Arbeitsbedingungen Einfluss nehmen – und so das Sinnerleben fördern. Etwa durch eine authentische und transparente Unternehmensorientierung. Die Dinge, die vom Unternehmen nach außen dargestellt werden, sollten sich im Handeln wiederspiegeln. Ist das nicht der Fall, kann das zu Zynismus bei den Mitarbeitern führen. Eine ebenso große Rolle spielt die Wertschätzung. Den Mitarbeitern muss überzeugend klargemacht werden: Aus diesem und jenen Grund brauchen wir euch! Dazu sollten allerdings auch die Manager den Sinn dieser Tätigkeiten kennen und sehen.

    Wenn ich nun in meinem Job keinen Sinn für mich sehe – sollte ich mir dann also einen anderen Job suchen?
    Die Forschung zeigt: Wenn bei den vier Merkmalen des Sinnerlebens schon ein Punkt rausfällt, dann sinkt für den Einzelnen der Sinn einer Tätigkeit. Im Leben allgemein lässt sich das gut ausbalancieren: Verliert eine Sache ihren Sinn, entdecken wir häufig andere Dinge, die wir als sinnvoller empfinden. Im Berufsleben kann es hingegen sehr schnell zu einer Sinnkrise führen.

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      Was kann ich dann tun?
      Wenn mir bewusst wird, dass meine Arbeit für mich den Sinn verloren hat, kann ich verschiedene Schritte gehen. Eine Auszeit zur Reflexion ist hier sehr hilfreich, um zu sehen, was an der Arbeit noch wertvoll für mich ist, und wodurch verhindert wird, dass ich sie als sinnvoll erlebe. Im Anschluss ist ein Gespräch mit dem Vorgesetzten wichtig, das Klärung oder positive Veränderung anstoßen kann. Wenn nicht, dann kann ich entweder hinnehmen, nur um des Geldes Willen zu arbeiten – oder ich gehe. Letztlich muss man sich bewusst machen, dass das Erleben von Sinnlosigkeit seelische Auswirkungen haben kann, wie wir es auch von Burnout kennen. Es kommt zu Resignation und kann letztlich zu innerer Kündigung und einer schmerzhaften Sinnkrise führen.

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