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Umfrage in Unternehmen Digitalisierung bedroht 3,4 Millionen Jobs

Analoges Telefon Quelle: imago

Theoretisch ist die Digitalisierung eine große Chance, das sieht die Mehrzahl der Unternehmen so. Doch wenn die Politik nicht endlich den richtigen Weg dazu einschlägt, fürchten sie zum Teil um ihre Existenz.

Fortschritt, Wachstum und ein leichteres Leben soll die Digitalisierung bringen. Nach aktuellen Daten des Digitalbranchenverbandes Bitkom fühlen sich viele deutsche Unternehmen aber eher bedroht von der Umwälzung. Den Angaben der Unternehmen zufolge sind, wie Bitkom jetzt hochgerechnet hat, 3,4 Millionen Stellen gefährdet – wenn nicht umgehend gegengesteuert wird.

25 Prozent der Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeitern gaben in der bereits Ende November veröffentlichten Studie von Bitkom an, sich wegen der Digitalisierung in ihrer Existenz gefährdet zu sehen. Neu ist aber, dass die Anzahl der Jobs in diesen Unternehmen ausgerechnet wurde. Die Frankfurter Allgemeine hatte dies bei Bitkom erfragt und berichtete an diesem Freitag, die Digitalisierung "zerstöre" von den 33 Millionen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen in Deutschland jeden zehnten. 30 Prozent gaben an, mit Problemen im Zuge der Digitalisierung zu kämpfen. Befragt hat der Branchenverband im vergangenen Jahr 505 Unternehmen.

Gegensteuern würde bedeuten, dass Politik und Unternehmen eine Digitalstrategie für die nächsten Jahre besäßen. Blickt man ins Sondierungspapier von CDU, CSU und SPD, findet sich zum Thema Digitalisierung ein kurzer Absatz, in dem es um den Ausbau des schnellen Internets und das Stopfen von Funklöchern geht. Im Koalitionsvertrag wollen die Parteien dem Thema zwar mehr Raum einräumen. Nach einem eher peinlichen Appell von Unionsfraktionschef Volker Kauder in der Welt („Digitalisierung ist das Mega-Thema der kommenden Jahre“) ist bei vielen Digitalisierungsvordenkern der letzte Rest Hoffnung in die neue alte Bundesregierung allerdings verflogen.

Warum die Bundesregierung Probleme damit hat, das digitale Zeitalter zu erspüren, ist in der aktuellen WirtschaftsWoche zu lesen: Die Schlüsselstelle im Jakob-Kaiser-Haus wirkt im Jahr 2018 wie ein Technikmuseum – ist aber keines. Derweil sehen laut Bitkom 86 Prozent der Unternehmen im Land die Digitalisierung als Chance, gleichzeitig halten 13 Prozent sie aber für ein Risiko. Ein Jahr zuvor waren noch 88 Prozent zuversichtlich und nur 10 Prozent pessimistisch. Die Umfrage fand noch vor dem Gezerre um eine neue Bundesregierung statt – schon da stimmten 85 Prozent der befragten Unternehmen der Aussage zu, dass die Digitalisierung ein Top-Thema der neuen Bundesregierung sein müsse. 53 Prozent waren jedoch bereits davon überzeugt, der Politik fehle das Verständnis dafür.

Nachholbedarf haben indes auch die Unternehmen. 28 Prozent der befragten Unternehmen gaben zu Protokoll, keine Digitalstrategie zu verfolgen. 4 Prozent wussten mit der Fragestellung nichts anzufangen oder machten keine Angabe. Sechs von zehn Unternehmen sehen sich als digitale Nachzügler.

Bei 31 Prozent gibt es eine Digitalstrategie in einzelnen Unternehmensbereichen, 37 Prozent gaben an, eine zentrale Strategie zu verfolgen. Allerdings schlägt sich das nur bei 22 Prozent der Unternehmen darin nieder, dass sie ein Team damit betrauen, das sich nur mit Digitalisierung beschäftigt. Lediglich jedes zehnte Unternehmen leistet sich einen Chief Digital Officer (CDO), der in herausgehobener Position die Digitalisierungsstrategie erarbeitet beziehungsweise umsetzt. Immerhin: Von den großen Unternehmen ab 500 Mitarbeitern hat jedes vierte einen CDO.

Bitkom-Chef Achim Berg nennt vor diesem Hintergrund die politische Diskussion, die die zukünftige Große Koalition etwa um Renten- und Einwanderungspolitik führt, „seltsam entrückt“. Berg fordert trotz allen Pessimismus‘ angesichts des eingeschlagenen Wegs der neuen GroKo eine „echte Vision und einen Plan für das digitale Deutschland“. Übermut sei trotz voller Auftragsbücher falsch: „Wir sind Weltmeister im analogen Geschäft. Das Business von morgen aber ist ausschließlich digital.“

Wie eine digitale Zukunft ohne allzu große Jobverluste aussehen könnte, hat Kuka-Chef Till Reuter beim Gipfeltreffen der Weltmarktführer in Schwäbisch Hall der WirtschaftsWoche gesagt: „Der Mensch muss die Maschine und die digitale Welt steuern können – und nicht durch sie ersetzt werden“, sagte der Chef des Roboterherstellers. Nach der Produktion werde die Digitalisierung bald auch die gesamte Verwaltung „disrupten“.

Reuter ist weniger pessimistisch als viele der von Bitkom befragten Unternehmen. Berufe gingen nicht zwangsläufig verloren, sondern würden entlastet. „Die Krankenschwester hat mehr Zeit für uns, fragt wie es uns geht und kümmert sich, weil sie nicht mehr gehetzt rumlaufen muss. Der Kaffee wird vom Roboter gebracht, die Medikamente ebenfalls.“

Bitkom-Chef Berg mahnt dennoch, dass die Unternehmen jetzt aktiv werden müssten. „Die aktuellen Auftragsberge sind so hoch, dass sie uns den Blick auf dieses digitale Geschäft von morgen verstellen.“ Die digitalen Jobs gingen dorthin, wo die dazu fähigen Leute seien. „Wir müssen dafür sorgen, dass diese Leute in Deutschland sind. Dann haben wir digitale Arbeit im Überfluss“, so Berg.

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