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Vereinbarkeit „Quality time ist eine Illusion“

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Chefs müssen Vorbilder sein

Ein Chef mit Vorbildfunktion kann natürlich auch nicht schaden: Wenn der eigene Boss glaubt: „Kindererziehung ist Weiberkram, Männer machen Karriere“, wagen sich Männer kaum in Elternzeit. Sausen dagegen die Kinder des CEO mit ihren Bobbycars über den Flur, sieht die Sache anders aus. Das belegt eine Studie von Gordon Dahl von der Universität von Kalifornien, die im renommierten Fachjournal "American Economic Review" veröffentlicht wurde. Wirtschaftswissenschaftler Dahl analysierte, wie viele Norweger seit 1993 Elternzeit beantragt haben. In diesem Jahr verabschiedete die Regierung ein Gesetz über garantierte bezahlte Auszeiten.

Wenig überraschend entschieden sich dort, wie auch vor Einführung der Elternzeit in Deutschland, vor 1993 kaum Väter für eine unbezahlte Auszeit. Nach der Gesetzesänderung stieg die Zahl der Väter, die zu Hause blieben, von drei auf 35 Prozent. Allerdings gingen vor allem die Väter in Elternzeit, deren Brüder, Kollegen und Vorgesetzte dies ebenfalls taten. Dahl sprach in diesem Zusammenhang von einem männlichen Herdentrieb. Besonders der eigene Chef spielt eine wichtige Rolle: Wenn ein Kollege Elternzeit beantragte, stieg die Wahrscheinlichkeit um elf Prozent, dass auch ein anderer angehender Vater eine Auszeit nahm. Tat es der eigene Bruder, stieg die Wahrscheinlichkeit um 15 Prozent - beim Chef stieg sie um 30 Prozent.

Elternzeit gibt es in der Schweiz für Väter nicht

So ein Vorbild-Chef ist Gregor Erismann. Er ist Chief Marketing Officer (CMO) bei Namics, einem Full-Service-Anbieter für E-Commerce und digitaler Kommunikation mit Hauptsitz in der Schweiz. „Ich habe auf 80 Prozent reduziert, um Zeit mit meiner Tochter verbringen zu können“, sagt er. Außerdem ist er nach der Geburt seiner Tochter nicht, wie in der Schweiz üblich, nur einen Tag zu Hause geblieben.

Was bedeutet "Quality time?"

Elternzeit für Väter gibt es bei den Eidgenossen nicht: Männer haben nur ein Anrecht auf einen einzigen freien Tag. Die Gewerkschaft Travail Suisse kämpft seit Monaten mit Infokampagnen und Unterschriftenaktionen dafür, dass junge Väter 20 Tage bezahlten Vaterschaftsurlaub bekommen. Erismann hat unbezahlten Urlaub genommen, um länger als einen Tag bei Frau und Tochter sein zu können.

Was bei Müttern und Vätern zu kurz kommt

Unabhängig davon, ob sich Travail Suisse durchsetzen kann, oder nicht, sieht Erismann die Vorgesetzten in der Pflicht, mit gutem Beispiel voranzugehen. "Unternehmenskultur lässt sich nicht über Factsheets und Richtlinien verändern, sondern nur über positive Beispiele – über die gesamte Organisation hinweg“, sagt er. Also arbeitet er trotz hoher Management-Position eben nur 80 Prozent. „Ein Kollege von mir hat immer freitags um 16 Uhr mit seinen Kindern einen Termin, der genau so wichtig ist wie jedes andere Meeting, nämlich Kinderschwimmen. Und das ist absolut in Ordnung“, sagt er.

Kein schlechtes Gewissen für Eltern

Das ist die eigentliche Botschaft: Bei Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht es nicht darum, Frauen in Teilzeit zu beschäftigen oder eine Betriebs-Kita zu installieren. Es geht um eine offene Unternehmenskultur, die den Mitarbeitern ermöglicht, ihre Arbeit nach ihren individuellen Bedürfnissen zu gestalten. Und zwar unabhängig davon, ob eine Mitarbeiterin ihren kranken Vater pflegt oder ein Angestellter zur Schulaufführung seiner Tochter gehen will. „Ich will kein schlechtes Gewissen haben müssen, wenn ich nachmittags meinen Sohn aus dem Kindergarten abhole“, fasst Berater Spreer zusammen.

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