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Von Azubis lernen So zapfen Manager die Generation Z an

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Neue Wege einschlagen

Er selbst – so sagt er – gehöre einer Generation an, die noch davon ausgegangen war, sich all das Wissen aneignen zu müssen, das sie fürs Berufsleben braucht: „Die Jungen sind mit der Gewissheit groß geworden, eben nicht alles selbst wissen zu müssen, sondern dass es völlig ausreicht, zu wissen, wie sie an Informationen herankommen“, so Zeilmann. „Wenn unseren Azubis ein Computerbefehl gerade einmal nicht einfällt, ergoogeln sie die Lösung für ihr Problem.“ Seine Beobachtung: Gerade der unbekümmerte Umgang mit Wissenslücken erleichtere es denn auch enorm, offen und unbelastet an neue Dinge heranzugehen.

Die Folge: Der rasante technologische Fortschritt krempelt unabhängig vom Berufsbild die Art und Weise um, wie in Unternehmen gelehrt und gelernt wird. Im Trend liegen zum Beispiel Weiterbildungskonzepte, die nahtlos in den Berufsalltag integriert sind. „Der Arbeitsplatz wird künftig zum Trainingsort und der Kollege zum Trainer“, prognostiziert Frank Riemensperger, Deutschlandchef der Technologie- und Managementberatung Accenture. Zudem lautet die Marschroute nicht zuletzt in gewerblich-technischen Berufen: weg von der reinen Wissensvermittlung hin zu Lehr- und Lernarrangements, die stärker abzielen auf die Entwicklung von Schlüsselkompetenzen wie Kooperations- und Kommunikationsfähigkeit, Beurteilungsvermögen, schöpferische Fähigkeit, Eigenverantwortung, Selbstkompetenz und Selbststeuerung.

„Das traditionelle Lehr- und Lernarrangement bestand früher aus vier Stufen: Erst zeigte der Ausbilder seinem Auszubildenden, was bei einem bestimmten Sachverhalt zu tun war, dann demonstrierte er ihm die einzelnen Schritte. Danach versuchte der Azubi, das Gezeigte so gut wie möglich nachzuahmen, und der Meister prüfte, wie gut dies seinem Zögling gelungen war, und erklärte ihm, wo er noch Verbesserungspotenzial sah“, sagt Steffi Michailowa, Projektleiterin beim ABB Ausbildungszentrum Berlin. Im Auftrag der Berliner Senatsverwaltung entwickeln Michailowa und ihre Kollegen derzeit ein Konzept, wie das Lehr- und Ausbildungspersonal auf ihre Rolle als Lernbegleiter am besten vorbereitet werden kann.

Michailowa: „Durch die Digitalisierung verändert sich die Arbeitswelt so rasant, dass jeder im Unternehmen ständig neue Aufgabenstellungen auf den Tisch bekommt, für die es zumindest auf den ersten Blick noch keine Blaupausen gibt.“ Deshalb müssen künftig alle Mitarbeiter – vom Azubi bis zum Vorgesetzten – in die Lage versetzt werden, selbst beurteilen zu können, welches neue Wissen, welche neuen Tools und Techniken im konkreten Fall nötig sind, und entscheiden können, ob und wie sie sich das fehlende Know-how verschaffen können. Gleichzeitig müssen sie fit für interdisziplinär besetzte Teams sein.

Und genau das trainiert Dirk Borkenhagen. Der Leiter Ausbildung beim Industrieparkdienstleister und Spezialisten für Anlagenplanung und -bau Infraserv Knapsack in Hürth brachte vor gut einem Jahr eine von seinen Nachwuchskräften komplett selbst gesteuerte Social-Media-Projektgruppe auf die Schiene. „Das Azubi-Team kann sich das Thema, an dem es arbeiten will, selbst aussuchen. Wir als Unternehmen stellen lediglich den Raum, die Hard- und Software sowie ein Budget zur Verfügung und sind ansprechbar, wenn Fragen auftauchen“, so Borkenhagen.

Wie Azubis über die Berufsausbildung denken

Heraus kam ein Firmen-Facebook-Auftritt mit viel Esprit, auf dem die Azubis Gleichaltrigen über sich und ihren Arbeitsalltag berichten. „Wir waren erstaunt und stolz, als wir merkten, wie die Azubis zum Teil hochprofessionell gedrehte und geschnittene Videos hochluden, und haben uns für den eigenen ‚offiziellen‘ Firmen-Facebook-Auftritt schon so manches von ihnen abgeguckt“, sagt Borkenhagen.

Zu den Highlights unter #iskazubis zählt zum Beispiel ein im Stil des viralen Video-Trends „Mannequin Challenge“ gedrehter Kurzfilm, in dem die Azubis aus dem gewerblich-technischen Feld erstarrt wie Schaufensterpuppen an den Drehbänken in ihrer Lehrwerkstatt stehen und zu elektronischen Klängen von einer Kamera umkreist werden.

Auch bei der Berliner Filmproduktionsfirma Visavis haben die zehn Auszubildenden ein gehöriges Stück dabei mitzureden, welche neue Technik angeschafft wird. Die Firmenchefs Stephan Horst und Marcel Neumann sind beide studierte Kameramänner und drehen mit ihrem 30-köpfigen Team und Filmrobotertechnik seit mehr als 20 Jahren Werbe- und Imagefilme für Unternehmen wie Miele, Bilfinger oder BASF, die filmtechnisch wie dramaturgisch an Hollywoodstreifen erinnern.

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