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Vorbilder Ich wär so gern wie du

Trump, Brexit, Italien-Referendum: Je unberechenbarer die Welt, desto größer das Bedürfnis nach Orientierung. Eine gute Zeit für Vorbilder. Einziges Problem: Es gibt keine Helden mehr.

Das sind die Vorbilder der deutschen Manager
Martina Koederitz, IBM-Deutschland-Chefin:„Vorbilder sind für mich Pioniere! Sie inspirieren mich, mutig neue Wege zu gehen, etwas zu wagen und Neuland zu entdecken. Zum Beispiel die Programmiererin Ada Lovelace für ihre kreativen Codes oder der Dalai Lama für Mitgefühl, Toleranz und Freiheit. Auch Albert Einstein kann neue Ideen entlocken mit seinem Gedanken: „Man kann ein Problem nicht mit den gleichen Denkstrukturen lösen, die zu seiner Entstehung beigetragen haben.“ Quelle: REUTERS
Hannes Ametsreiter, Chef von Vodafone Deutschland:„Ich habe zwei Vorbilder: den Künstler Erwin Wurm – wegen seiner Fähigkeit, über seine Kunstwerke der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten und immer daran zu erinnern, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Und Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz – für sein ausgeprägtes Unternehmertum, seinen Mut zum Risiko und seine stringente Markt- und Marketingorientierung. So hat er binnen kurzer Zeit eine weltweit erfolgreiche, unverkennbare Marke geschaffen.“ Quelle: dpa
Niklas Östberg, Delivery-Hero-Chef:„Es gibt eine Person, die ich sehr bewundere, für ihren Mut und ihren Willen, die Welt zu verändern. Und das ist Elon Musk. Ich finde gut, dass er das Energieproblem lösen will. Tesla und Solarcity selbst mögen relativ klein sein – aber als Beschleuniger für BMW, Mercedes et cetera ist der Einfluss immens. Ich bewundere auch, dass er so früh fast sein ganzes Vermögen in ein solches Risikoprojekt gesteckt hat. Ein weiterer ist Jeff Bezos, weil er so langfristig denkt. Er hat es hinbekommen, dass seine Aktionäre über viele Jahre akzeptiert haben, dass Amazon nicht profitabel sein wird. Und erst jetzt wird für viele Leute sichtbar, was für ein Unternehmen er aufgebaut hat. Und Bill Gates bewundere ich für sein Engagement in seiner Foundation, um die Medizinprobleme der Welt zu lösen. Mit seinem Vermögen gibt er der Welt jetzt etwas zurück. Es ärgert mich, wenn sich Leute darüber zynisch äußern.“ Quelle: dpa
Joe Kaeser, Siemens-Chef:„Meine wirklichen Vorbilder sind Kinder. Die kann man zu nichts zwingen.“ Quelle: dpa
Werner Wenning, Bayer-Aufsichtratschef:„Ich habe beruflich sehr viele Menschen kennengelernt, vor denen ich hohen Respekt habe. Die einzige Person, die für mich als Vorbild gilt, ist mein Vater. Ich war 14, als er gestorben ist. Ich erinnere mich sehr gut an einiges zurück, was er gesagt und wie er gelebt hat. Da war seine Sorgfalt. Die Sorge um die Familie. Der Wille, dass man etwas wird und dass die Kinder etwas werden. Und der Ansatz, etwas zu behüten und es zu beschützen.“ Quelle: dpa
Elmar Degenhart, Continental-Chef:„In Krisensituationen verlässt man sich in der Regel immer wieder auf die gleichen Leute – das sind diejenigen, die zuverlässig sind, zu denen man Vertrauen hat und die gut sind. Es sind meist nicht die absoluten Spezialisten. Vorbilder sind also für mich Menschen, die wie ein Marathonläufer lange Strecken mit einer sehr guten Leistung bewältigen. Ich selbst bin bekennender Fan der Fußballmannschaft Eintracht Frankfurt, und wenn man sich die vergangenen 50 Jahre dieser Mannschaft anschaut, dann sticht ein Spieler heraus – und das ist Karl-Heinz Körbel, mit dem ich befreundet bin. Er ist mein persönliches Vorbild, denn in Bezug auf Zuverlässigkeit und Treue zu seinem Verein hat er eine absolute Vorbildfunktion.“ Quelle: AP
Sabine Bendiek, Microsoft-Deutschland-Chefin:„Ein Vorbild im Sinne einer Blaupause – genauso möchtest du auch mal werden – hatte ich eigentlich nie vor Augen. Aber es gab und gibt sehr viele Momente in meinem Leben, in denen Menschen mich zutiefst beeindrucken. Die Kunst ist vielleicht, Vorbilder nicht immer auf dem Sockel zu suchen, sondern das Vorbildliche ‚normaler‘ Menschen im Alltag zu sehen: in der Familie, bei Freunden, bei Mitarbeitern und Kollegen. Wenn ich Vorbildliches erlebe, dann gibt mir das selbst immer wieder ein Stück mehr Kraft und Entschlossenheit.“ Quelle: dpa

Als die Bundesbürger zuletzt in einer großen Studie befragt wurden, wer denn ihre Idole seien, antworteten sie: Mutter Teresa, Nelson Mandela, Helmut Schmidt. Auf eine Friedensnobelpreisträgerin und einen Freiheitskämpfer folgte einer der beliebtesten Politiker der deutschen Geschichte. Ganz schön große Namen, an denen sich die Deutschen da orientieren.

Die Wahl zeigt aber auch, wonach sich der Mensch sehnt und welche Werte ihm erstrebenswert erscheinen. Der Wunsch nach Nächstenliebe und Freiheit, aber auch nach einem Staatsmann, dem die Bürger vertrauen, ist groß – symptomatisch für eine Zeit, in der Populisten die weltweiten Debatten bestimmen und „postfaktisch“ in Deutschland zum Wort des Jahres gekürt wurde.

Unruhige Zeiten sorgen für den Wunsch nach Orientierung

Dazu kommen die Umbrüche außerhalb der Landesgrenzen: Im Sommer entschied Großbritannien, nicht mehr zur EU gehören zu wollen, am 8. November wählten die Amerikaner Donald Trump zum Präsidenten, zuletzt entzogen die Italiener ihrer Regierung das Vertrauen. Die Weltordnung, so wie wir sie kannten, scheint sich aufzulösen.

Je unruhiger die See, desto größer das Bedürfnis nach einem Kompass. Nach einer moralischen Instanz, an der wir uns orientieren können; von der wir uns inspirieren lassen und die uns das Gefühl vermittelt, dass die Sonne unter den dunklen Wolken eines Tages schon wieder hervorkommen wird. Deshalb sind Idole derzeit wieder sehr gefragt, beruflich wie privat. „Die Zeichen für Vorbilder stehen gut“, sagt zum Beispiel Historiker Werner Plumpe von der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

Das sind die westlichen Werte

Doch: Es ist immer schwieriger geworden, ein echtes Vorbild zu sein – und zu bleiben. „Wir befinden uns in einem postheroischen Zeitalter“, sagt Plumpe. Nicht nur, weil seit Beginn der Studentenbewegung in den späten Sechzigerjahren alles hinterfragt und Erfolg erst recht, wenn er mit materiellem Wohlstand einhergeht, kritisch beäugt wird. Sondern auch, weil das Internet und die massenhafte Verbreitung von Informationen es potenziellen Idolen fast unmöglich machen, den Anschein von ethisch-moralischer Makellosigkeit aufrechtzuerhalten.

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