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Apps für Führungskräfte Der Coach für die Hosentasche

Quelle: Getty Images

In der Coronapandemie greifen Führungskräfte verstärkt zu digitalen Helferlein. Doch machen Coaching-Apps tatsächlich bessere Chefs aus ihnen? Was Unternehmen anbieten – und was Experten von den Konzepten halten.

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Bei Siemens versuchen derzeit 250 Führungskräfte ihre Managementqualitäten aufzubessern – und das ganz ohne aufwendige Schulungen oder langwierige Coachings. Sie nutzen dazu eine App. Sie heißt Culcha und ist seit Frühjahr auf dem Markt. Jede Woche stellt sie eine Lerneinheit bereit, die sich aus einer bunten Mischung aus Videos, Texten, Grafiken und einem Quiz zusammensetzt. Die Einheit dauert maximal eine halbe Stunde und kann auch in kürzere Häppchen zerlegt werden. Also: Weiterbildung-to-Go.

Culcha ist längst nicht das einzige Tool, das verspricht „der Coach für die Westentasche“ zu sein, wie es Gründerin Katja Nettesheim ausdrückt. Doch was können solche digitalen Helferlein tatsächlich leisten? Wo liegen ihre Grenzen? Worauf sollte man achten, wenn man zu einer solchen App greift? 

Durch die Pandemie habe digitales Arbeiten in vielen Bereichen zugenommen, betont Claudia Peus, Professorin für Wissensmanagement an der TU München und akademische Direktorin am dort ansässigen Center für Digital Leadership Development. „Deshalb ist auch die Akzeptanz für solche Tools deutlich gestiegen und damit auch die Nachfrage“, sagt die Expertin, die gemeinsam mit ihren Kollegen ebenfalls eine Coaching-App entwickelt hat. „Führungskräfte, die sich gegen so etwas sperren, sterben aus.“

Gute Vorsätze werden schnell vergessen

Das Wichtigste, was solche Apps leisten können – da sind sich die Experten einig – ist erlerntes Wissen in den Arbeitsalltag zu integrieren. Denn genau daran hapere es häufig. „Das ist ähnlich wie bei den Neujahrsvorsätzen“, resümiert TUM-Wissenschaftlerin Peus. Wenn Führungskräfte frisch von einem Workshop kämen, seien sie voller Tatendrang. „Aber nach ein paar Tagen verfallen sie in alte Muster. Apps können ihnen helfen, das Gelernte tatsächlich in ihren Alltag zu integrieren.“ Die App von Claudia Peus und ihren Kollegen heißt „Digital Coaching App EMMA“ und wird etwa von den Teilnehmern der Executive-MBA-Programme der TU München genutzt. Zwischen den Seminaren erhalten sie via App immer wieder Videos zu verschiedenen Lerninhalten, etwa wie reflektiere ich mein eigenes Verhalten oder wie motiviere ich meine Mitarbeiter. Außerdem versendet die App kleine Erinnerungen daran, dass sie etwa ihre Mitarbeiter doch mehr loben wollten. Verhaltensökonomen wie Nobelpreisträger Robert Thaler halten diese kleinen Anstupser für äußerst wirksam. Und auch eine Studie der International School of Management hat herausgefunden, dass Seminarteilnehmer, die im Anschluss eine App zur Unterstützung verwendeten, mit einer 30 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit das Gelernte in ihren Alltag übertrugen. 

Katja Nettesheim, Gründerin von Culcha, sieht noch einen weiteren Vorteil im Coaching via App. „Viele Führungskräfte gehen nicht gerne in Seminare. Manche fürchten sich vor dem Gesichtsverlust, der ihnen dort droht“, sagt die Unternehmerin.  Außerdem hätten Führungskräfte ständig das Gefühl, keine Zeit zu haben. „Die eigene Weiterbildung fällt dann hinten runter“, sagt Nettesheim. Mit einer App sei das anders. Bei Culcha etwa reiche es pro Woche eine halbe Stunde zu investieren. „Das lässt sich gut integrieren.“ 

Erste Hilfe für Führungskräfte

Einen ähnlichen Zeitaufwand prognostiziert auch Leada-Macher Frank Kübler. Es komme allerdings auf die individuelle Nutzung an. Er sieht seine App als eine Art „Erste-Hilfe-Kasten“. Wer etwa merkt, dass einer seiner Mitarbeiter demotiviert ist, kann in der App nach Tipps suchen, wie sich ein erstes Gespräch dazu gestalten lässt. „Dabei geht es um Ad-hoc-Hilfe“, sagt Kübler und räumt ein: „Mehrfach komplexe Situationen kann die App nicht abschließend bewerten. Da raten wir den Führungskräften, zusätzlich bei Kollegen, ihrem Chef oder einem Coach Rat holen.“ Außerdem dient Leada als Tagebuch. Jeden Tag wird abgefragt, was man geleistet hat. „Erst durch dieses Verschriftlichen und die daraus aggregierte wöchentliche Auswertung, als Überblick zur eigenen Entwicklung, fällt dem Nutzer vielleicht auf, dass er jeden Tag nur 60 Prozent seiner Ziele erreicht.“ Dann kann er auf Ursachenforschung gehen. Nimmt er sich zu viel vor? Wird er zu häufig unterbrochen? Und vor allem: Was kann er dagegen tun?

Ganz ohne persönlichen Austausch aber geht es nicht. Der Großteil der Leada-Nutzer sind deshalb Mitarbeiter von Firmen, die die Weiterbildung in Zusammenarbeit mit dem App-Anbieter konzipieren. Die ein- bis zweitägigen Schulungen werden im Nachgang durch die App ergänzt und in den Arbeitsalltag überführt. Gleichzeitig können Seminare angepasst werden, wenn in der App auffällt, dass bestimmte Module noch nicht umgesetzt werden. Die Basisversion im App-Store ist aber auch für Privatkunden zu haben.

Culcha verzichtet bislang komplett auf das Geschäft mit Privatleuten. „Wir glauben, dass es nur nachhaltig zu Veränderungen kommen kann, wenn eine kritische Masse im Unternehmen teilnimmt“, begründet Nettesheim die Entscheidung. „Wenn Sie als einziger neue Führungsmethoden einführen, stoßen Sie auf sehr viele Widerstände. Das ist zermürbend.“ Wenn nur ein paar einzelne Führungskräfte etwa lernen, wie sie in ihrem Unternehmen die Silo-Denke aufbrechen, werden sie schnell an ihre Grenzen stoßen.

Fundierte Lektüretipps 

Die Wissenschaftlerin Claudia Peus ist davon überzeugt, dass die Coaching-Apps nur dann ihre Wirkung entfalten, wenn sie sich individuellen Bedürfnissen anpassen. „Nicht jede Führungskraft hat die gleichen Defizite und Fragen“, sagt Peus. „Eine Individualisierung der App halte ich für unabdingbar.“ Die App der TU München greift dabei nicht nur auf Selbsteinschätzungen zurück, auch Mitarbeiter der Führungskraft bekommen zu Beginn einen Bewertungslink zugeschickt, über den sie ihren Vorgesetzten anonym einschätzen können. Daraus ergibt sich eine Art Trainingsplan für den Chef. 

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Ein weiteres Kriterium sei die Wissenschaftlichkeit der App, sagt Professorin Peus. „Das ist wie mit der Ratgeber-Literatur. Da gibt es auch viele Bücher, die nett zu lesen sind, aber nichts bringen.“ Deshalb lohnt vor dem Download ein genauer Blick auf die Macher der App. Am Ende geht es dann doch wieder um den Coach hinter der Technik.    

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