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Arbeitsmarkt Der so genannte Fachkräftemangel

Skepsis gegen die Fachkräftemangel-Hysterie ist angebracht. Denn hinter dem Begriff stehen Interessen. Tatsächlich ist die Lage noch längst nicht dramatisch.

Ein Turm aus Styropor-Bausteinen, der am 31.05.2011 vor dem Arbeitsministerium in Berlin aufgebaut wird, soll den ohne Fachkräfte zusammenbrechenden Arbeitsmarkt symbolisieren. Quelle: dpa

Wenn Historiker dereinst die wirtschaftspolitische Diskursgeschichte des frühen 21. Jahrhunderts schreiben, dann dürfte der Begriff „Fachkräftemangel“ dabei sicher eine Hauptrolle spielen. Ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückte die Thematik 2000 mit der Debatte über den angeblichen Mangel an IT-Spezialisten und die Einführung eines Sofortprogramms zur Deckung des IT-Fachkräftebedarfs“. Auftrieb erhielt sie noch durch die moralische Entrüstung über Jürgen Rüttgers, der dem Ruf nach ausländischen Programmierern die Parole „Kinder statt Inder“ entgegensetzte. In jener Zeit begann die Erfolgsgeschichte des politischen Kampfbegriffs Fachkräftemangel.

Jedenfalls haben diejenigen, die ihn prägten, sich in der öffentlichen Wahrnehmung und vor allem bei den politischen Entscheidungsträgern weitgehend durchgesetzt. Die Behebung des Fachkräftemangels durch Ausbildungsinitiativen und vor allem durch „qualifizierte“ Einwanderung ist längst parteiübergreifendes Politikziel in Deutschland. In der Minderzahl sind die Gegenstimmen: "Der Fachkräftemangel ist die größte Lüge von Wirtschaft und Politik", sagt Roland Günther, Personalberater bei Personal punktgenau.

Das Erfolgsgeheimnis steckt wie bei jedem Kampfbegriff darin, dass die Behauptung, die er transportiert, als erwiesene Tatsache akzeptiert wird. Dabei beginnen die Unklarheiten schon im Wort selbst. Wer ist eine Fachkraft? Das kann die Altenpflegerin genauso sein wie der Elektro-Ingenieur. Denn eine Fachkraft ist nach der Definition des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung jeder, „der eine Berufsausbildung oder ein Studium abgeschlossen hat.“ Die Fachkraft ist also eine ähnliche rhetorische Allzweckwaffe wie der „Leistungsträger“, mit dem sich jeder arbeitende Mensch identifizieren kann. Ebenso unbestimmt ist der „Mangel“. Ob er herrscht, wird jemand, der das betreffende Gut nachfragt, anders beurteilen als derjenige, der es anbietet. Ein Ingenieur auf Stellensuche wird vermutlich kaum über einen Mangel an Ingenieuren klagen.

Die fiesesten Fragen im Vorstellungsgespräch
„Wie viele Briefkästen der Deutschen Post stehen auf den Straßen Deutschlands?“ Quelle: dpa
„Wie viele Smarties passen in einen VW-Bus?“ Quelle: dpa
„Sie steigen in den Aufzug ein und im Aufzug befindet sich der CEO. Was würden Sie ihm sagen, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen?“ Quelle: REUTERS
Wenn Sie alle Wohnungen in NRW mit Parkett ausstatten wollen würden, wie viel Holz müsste im Schwarzwald abgeholzt werden?“ Quelle: dpa
„Wie viele Cappuccinos werden täglich in Manhattan verkauft?“ Quelle: dpa
„Wenn der Schokoriegel „Mars” eine Person wäre, wie wäre sie?” Quelle: dpa
Der Leiter der Lufthansa Cargo Animal Lounge, Axel Heitmann, hält am Flughafen in Frankfurt am Main einen Regenwurm aus China in seiner Hand Quelle: dpa

Die Frage des Fachkräftemangels ist keine neutrale, objektiv zu beantwortende, sondern immer von Interessen beeinflusst. Aus Arbeitgebersicht sind passende Arbeitnehmer natürlich ein entscheidender, vermutlich der wichtigste Faktor des Erfolges. Arbeitgeber haben immer großes Interesse an einem großen Angebot des Arbeitsmarktes, nicht zuletzt um die Entlohnung niedrig halten zu können. Für Arbeitgeber ist es in jedem Fall mikroökonomisch sinnvoll, einen Fachkräftemangel zu behaupten und den Staat dazu zu veranlassen, das Arbeitskräfteangebot möglichst groß zu machen. Jeder Arbeitnehmer kann sich dagegen freuen, wenn es kleiner wird.

Als vor einigen Tagen eine Prognos-Studie feststellte, dass der befürchtete Mangel weniger dramatisch - angeblich werden bis 2020 nur rund 1,7 Millionen Fachkräfte fehlen - ausfallen werde als gedacht- die Vorgängerstudie hatte bis 2015 eine Lücke von 3 Millionen vorhergesagt  - da zeigte sich der Hauptgeschäftsführer des Bayrischen Wirtschaftsverbandes nicht etwa erleichtert, sondern kommentierte: „Dieser Befund darf uns dennoch nicht dazu veranlassen, die Bemühungen zur Fachkräftesicherung ruhen zu lassen.“

Die Gehälter steigen nicht

Die Gewinner im Arbeitgeberranking
BMW-Mitarbeiter unterschreiben auf einem neuen BMW Quelle: dpa
Die Präsentation eines neuen Audi Quelle: dpa
Ein Porsche Quelle: AP
Eine Maschine der Lufthansa Quelle: AP
Siemens-Mitarbeiter Quelle: AP
Ein Raum im Hauptsitz von Google Frankreich Quelle: Reuters
Das Bosch-Schild am Eingang eines Firmensitzes. Quelle: Reuters

Ein geringes öffentliches Echo fand - vermutlich aus demselben Grund - auch eine Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung vom 24. Oktober. Ergebnis: „Der Großteil der Betriebe konnte seinen Fachkräftebedarf auch 2011 vollständig decken.“ Die Studie beruht auf dem IAB-Betriebspanel, einer jährlich durchgeführten repräsentativen Befragung von 16.000 Betrieben. Nur acht Prozent der Betriebe konnten im ersten Halbjahr 2011 Fachkräftestellen nicht besetzen. 2000 waren es zehn Prozent.

Von einem generellen Fachkräftemangel spricht man daher beim IAB nicht. Engpässe seien bislang auf bestimmte Regionen und Berufe begrenzt, sagt IAB-Mitarbeiter Alexander Kubis. Probleme bei der Besetzung von freien Stellen gebe es vor allem in Ballungsräumen wie München. Gesucht würden derzeit vor allem Fachleute in technisch-naturwissenschaftlichen Berufen sowie Ärzte und Krankenpfleger. Langfristig rechnet zwar auch das IAB wegen der alternden und schrumpfenden Bevölkerung mit einem Fachkräfte-Engpaß. Aber das „Erwerbspersonenpotential“ schrumpfe erst in der Zukunft, sagt Kubis.  

Umfragen unter Arbeitgebern hätten, so kritisierte schon vor zwei Jahren Karl Brenke vom DIW in einer eigenen Studie, nur begrenzte Aussagekraft. Sie zeigten nur die kurzfristigen Personalprobleme der befragten Unternehmen. Auch eine aktuelle Umfrage der DIS AG unter 250 Unternehmen mit mehr als 1000 Mitarbeitern zeigt, dass es beim angeblichen Mangels sehr häufig nicht um harte Fakten, sondern um die Wahrnehmung der vorhandenen Bewerber durch die Personalverantwortlichen geht. 35 Prozent von ihnen beklagen sich, dass die Kandidaten nicht logisch denken könnten. Ein Drittel der Personaler beschweren sich über sprachliche Schwächen der Nachwuchs-Betriebswirte. Bei den IT-Fachleuten fehlt angeblich die Teamfähigkeit. „Aus Sicht von Unternehmensvertretern mangelt es Bewerbern weniger an Fachkenntnissen, sondern vielmehr an teils ganz grundlegenden Fähigkeiten im Bereich der Soft Skills“, kommentiert DIS-Chef Peter Blersch. Wenn in derselben Umfrage 42 Prozent der Personalverantwortlichen sagen, dass sie nicht alle Stellen für IT-Fachleute bedarfsgerecht besetzen konnten, dann ist vor allem das Wörtchen „bedarfsgerecht“ entscheidend. Wie in einer Fußnote ergänzt wird, heißt das nämlich nichts anderes, als dass die „Qualität der Mitarbeiter“, die schließlich eingestellt wurden, nicht den Erwartungen entsprach. Es heißt nicht, dass die Stellen unbesetzt blieben.       

In Arbeit
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Ein ziemlich untrüglicher Beleg dafür, dass von einer dramatischen Knappheit von Arbeitskraft in Deutschland keine Rede sein kann, dürfte die Gehaltsentwicklung sein. Wenn qualifizierte Arbeitnehmer tatsächlich knapper würden,  müssten überdurchschnittliche Gehaltsentwicklungen bei diesen zu beobachten sein. Tatsächlich sind jedoch die Reallöhne in den vergangenen Jahren unterhalb der Chefetagen in der Breite bekanntlich so gut wie gar nicht gestiegen. Kubis ist daher sicher, dass die meisten Unternehmen künftig, wenn wirkliche vermehrt Personalengpässe auftreten, nicht umhin könnten, ihre erwünschten Mitarbeiter besser zu bezahlen. Solange die Unternehmen dazu noch nicht zu bewegen sind, kann die Knappheit so wahnsinnig groß nicht sein.  

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