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Arbeitszeit „Niemand kann sich acht Stunden konzentrieren“

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„Manche waren enttäuscht, wenn sie nach fünf Stunden nicht fertig waren“

Sind Ihre Mitarbeiter in den knapp zwei Jahren, in denen die Fünf-Stunden-Woche jetzt praktiziert wird, routinierter geworden – oder manche auch etwas müder?
Man lernt immer dazu. Ich glaube nicht, dass wir alle die top Fünf-Stunden-Menschen sind. Alles schleift sich irgendwann ein – und man muss immer wieder sich etwas einfallen lassen. Meine Mitarbeiter hatten eine Zeitlang auch wissenschaftliche Begleitung von der FH Bielefeld. Es wurde geschaut, wie sich das zielorientierte Arbeiten auswirkt. Das Ergebnis war: Das setzt sich auch im Privatleben fort, sie organisieren ihre Freizeit ganz anders.

Inwiefern?
Die Arbeitsstruktur, die auf Selbstdisziplin und -steuerung fußt, wirkt sich offenbar auch auf die Kommunikation im privaten Bereich aus. Wer so arbeitet, achtet auch auf Zeitfresser in der Freizeit und macht zum Beispiel bei Verabredungen mit Freunden klarere Ansagen. Wie auch bei der Arbeit gehen die Leute einfach strukturierter und zielorientierter mit ihrer Zeit um.

Besteht nicht die Gefahr, dass Menschen mit Fünf-Stunden-Tag sich die gewonnene Zeit mit mehr Freizeitaktivitäten füllen und eben nicht für Ruhe und Erholung nutzen?
Diese Gefahr ist riesig. Einer meiner Mitarbeiter musste aus diesem Grund sogar krankgeschrieben werden. Die Balance zwischen intensivem Fokusarbeiten und Pausen ist enorm wichtig. Gerade sehr junge Arbeitnehmer wissen das noch nicht. Sie haben viel Energie, können damit aber noch nicht so gut haushalten, weil sie häufig noch nie an die Grenzen gekommen sind. Dann ist es Aufgabe von Führungskräften, diese Mitarbeiter zu begleiten und ihnen zu zeigen, wie wichtig diese Balance ist für die Persönlichkeitsentwicklung. Gerade weil Menschen sich heute Jobs aussuchen, die sie mögen, arbeiten sie oft gerne und viel. Bei New Work ist ein achtsamer Umgang mit sich selbst ganz entscheidend.

Also sind auch bei Ihnen im Unternehmen kleine Pausen erlaubt?
Natürlich sind Pausen erlaubt. Es ist auch nicht verboten, das Handy zu benutzen. Was ich aber jedem zu bedenken gebe: Wenn man aus seinem Arbeitsprozess gerissen wird, weil man eine Chatnachricht schreibt, dauert es oft viel länger als die eigentlich Ablenkung, wieder in die Konzentration zu finden. Ich sensibilisiere meine Kollegen also dahingehend, dass der Feierabend dann eben nach hinten rückt, weil sie es nicht mehr schaffen können. Bei uns wird natürlich auch mal gesprochen und gelacht. Die soziale Komponente habe ich zugegebenermaßen am Anfang unterschätzt. Wir versuchen das jetzt aber auf freiwilliger Basis auf nach 13 Uhr zu legen.

Haben andere flexible Modelle in Ihrem Unternehmen noch Platz?
Wir haben für uns eine Arbeitszeit von 8 bis 13 Uhr festgelegt, erlauben uns aber, das flexibel zu handhaben. Homeoffice gibt es bei uns ständig und wir vertrauen uns gegenseitig. Die Mitarbeiter wissen zudem, welche Ziele sie erreichen müssen. Es macht aber Sinn, dass man sich direkt austauschen kann, wenn man an einem Projekt arbeitet. Chattools sind bei weitem nicht so effektiv, als wenn man mal kurz im Konferenzraum oder in der Couchecke spricht. Ich bin offen für alles, es macht nur nicht alles zu jedem Zeitpunkt Sinn.

Was Sie jetzt praktizieren, funktioniert in einem kleinen, sehr jungen Team. Glauben Sie, dass das Modell auch in einem gemeinsam alternden Team langfristig funktioniert – oder eben in anderen Unternehmen mit anderer Altersstruktur?
Grundsätzlich ja. Unabhängig vom Alter können mündige Menschen mit Teamfähigkeit so arbeiten. Es ist natürlich eine Herausforderung, wenn man 30 Jahre lang den gleichen Job macht. Aber das wird es in Zukunft nicht mehr geben, die Jobs ändern sich ständig. Deswegen denke ich schon, dass es eine Option für ältere Arbeitnehmer und auch für andere Branchen ist. Es gibt überall Möglichkeiten, Arbeit neu zu denken. Man muss sich nur trauen.

Was hat bei Ihrem Fünf-Stunden-Modell nicht so geklappt wie erwartet?
Manche Mitarbeiter waren enttäuscht, wenn sie mit fünf Stunden doch nicht zurande kamen. Es hatte sich eine zu hohe Erwartungshaltung eingestellt. Ich persönlich habe damals, als ich die Firma übernahm, vielleicht ein bisschen viel auf einmal angestoßen: Neuer Chef, neue Strategie, sieben neue Mitarbeiter bei einem früheren Team von zehn, das waren große Baustellen. Ich hätte es vielleicht ein bisschen lockerer und langsamer angehen sollen – andererseits hätten wir nicht so klare und harte Erfahrungen gemacht.

Über die Arbeitszeit in seiner Firma hat Rheingans ein Buch geschrieben: Campus, 224 S., 24,95 Euro. Quelle: PR

Haben Kunden von Ihnen das Modell schon adaptiert?
Darum geht es gar nicht. Es geht mehr darum, was man von Arbeit hält und was für ein Menschenbild man hat. Wenn wir Unternehmen beraten, geht es um die Frage, was muss ein Unternehmen für einzelne Mitarbeiter, für Teams und für ein Miteinander tun und was muss ein Unternehmen für sich tun im Sinne von Mission, Zweck und Vision? Diese Fragen haben sich viele noch nicht gestellt. Egal, ob am Ende ein Fünf-Stunden-Tag herauskommt oder nicht, ist das Nachdenken darüber schon ein Schritt in ein positiveres Miteinander.

Und wenn nun jemand sagt: Toll, wir schalten alle Ablenkungen aus und arbeiten genauso effizient und konzentriert, aber bitte über acht Stunden, was dann?
Das habe ich schon oft gehört. Das klappt aber nicht. Niemand kann sich acht Stunden ohne Unterbrechung konzentrieren. In einer Wissensarbeitsgesellschaft ist das schlicht nicht möglich. Da kommt kein kreativer, hochwertiger Output heraus.

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