Ausbildung Lehren aus Deutschland

Deutsche Unternehmen treffen im Ausland oft auf ein katastrophales Ausbildungsniveau. Inzwischen bilden sie den Nachwuchs an ihren Produktionsstandorten in Asien, Osteuropa und den USA lieber frühzeitig selbst aus. So binden sie die besten Talente.

Indien: Technik zum Anfassen - In der Volkswagen Academy Indien bildet Ausbilder Lakshmana Rao eine junge Mechatronikerin für den Standort Pune aus, wo der VW-Polo vom Band läuft Quelle: Presse

Rastlos rattert das Monster aus Stahl, das Werner Gessner in Vietnam installiert hat. Eine Abfüllanlage für Dosenbier, die fast rund um die Uhr in Betrieb ist und stündlich 33.000 Bierdosen ausspuckt. Es ist die neunte Anlage, die Gessners Arbeitgeber KHS an den Brauereikonzern Sabeco in Ho-Chi-Minh-Stadt verkauft hat – der Anlagenbauer aus Dortmund macht in Vietnam einen Jahresumsatz bis zu 50 Millionen Euro.

Obwohl der Bierdurst der Einheimischen ungebrochen ist, stößt das Wachstum dort an Grenzen – es mangelt an qualifiziertem Personal. Selbst Berufsschulen gibt es dort kaum, die Lehrpläne gehen an den Bedürfnissen der Wirtschaft vorbei – und nur ein Drittel der Arbeitskräfte verfügt über eine Ausbildung, die ihrer Tätigkeit entspricht. „Viele Arbeiter verfügen nicht über die nötigen Qualifikationen, um diese hochkomplexen Anlagen zu bedienen“, sagt KHS-Asienchef Gessner. Denn seine Kunden verlangen von dem hochpreisigen Anlagenbauer auch gut geschulte Mitarbeiter – und mit deren Ausbildung kommen die Dortmunder nicht hinterher. „Viele unserer Kunden klagen deshalb über erhebliche Effizienzverluste.“

Modell Deutschland

Berufsausbildung nach deutschem Muster

Gessners Lösung: Um die Ausbildungsstandards zu steigern, zieht er mit Partnern vor Ort eine Berufsausbildung nach deutschem Muster auf. Zusammen mit anderen Unternehmen wie Siemens und Messtechnikhersteller Endress + Hauser gründete KHS an einer Universität in Ho-Chi-Minh-Stadt die German Vietnamese Technology Academy. Dort werden ab diesem Frühjahr jährlich 2.000 bis 4.000 Fachleute für die Lebensmittelindustrie ausgebildet – nach Lehrplänen aus deutscher Feder, in Lehrwerkstätten mit deutschen Anlagen.

Gessners Kalkül: Je mehr Fachkräfte am Markt sind, desto größer ist die Nachfrage nach Produktionsanlagen.

Ähnlich wie Gessner bilden immer mehr deutsche Unternehmen an ihren Produktionsstandorten im Ausland aus – auf eigene Faust, mit Partnern oder Kammern.

In China bringen Ausbilder ihren Azubis selbstständiges Denken bei, weil die Praxisorientierung in ihrem verschulten, auf reproduzierendes Auswendiglernen fokussiertem Bildungssystem auf der Strecke bleibt. In Russland ausgebildete Mechaniker können zwar erfolgreich die einfach gestrickten Ladas reparieren, aber an die sensible Elektronik der Volkswagen-Modelle müssen sie mühsam herangeführt werden. In Indien mag die Sprachbarriere niedrig hängen, aber ein Werkzeugmacher aus der Stahlindustrie wird die Geduld verlieren mit Messsystemen der Chipindustrie, die in Nanometern denken.

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