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Ausbildungsplätze Mittelstand muss Azubis als Zielgruppe begreifen

Jugendliche wollen ihre Ausbildung im Mittelstand machen. Aber die Unternehmen kommunizieren oft an den jungen Leuten vorbei. Zeit, Jugendliche als Zielgruppe zu begreifen.

Diese Ausbildungsplätze sind 2016 noch offen
Einzelhandelskaufmänner und –frauen Quelle: dpa
Verkäufer Quelle: dpa
Köchin Quelle: dpa
Hotelfachfrau Quelle: dpa
Kaufleute im Büromanagement Quelle: dpa
Friseure Quelle: dpa
LagerlogistikerBei den Lagerlogistikern ist die Bezahlung für ausgelernte Fachkräfte mit 1475 bis 3202 Euro da schon deutlich besser. Trotzdem sind noch 4000 Lehrstellen unbesetzt. Quelle: dpa

Vergangene Woche veröffentlichte der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) die aktuellen Zahlen zum deutschen Ausbildungsmarkt: Demnach waren kurz vor Beginn des Ausbildungsjahres mehr als 172.000 Stellen noch unbesetzt.

Die Gründe: Demografischer Wandel – es gibt schlichtweg immer weniger Azubis – der Trend zur Akademisierung und die Bezahlung, die laut Deutschem Gewerkschaftsbund in manchen Branchen derart skandalös sei, dass dort niemand arbeiten wolle.  

Es gebe jedoch noch zwei weitere Aspekte, sagt Georg Konjovic, Geschäftsführer des Portals meinestadt.de. Sein Unternehmen ist unter anderem Anbieter für die lokale Lehrstellen- und Jobsuche und hat gerade eine Azubi-App für Bewerbungen per Smartphone vorgestellt.

Er sagt: „Je kleiner das Unternehmen, desto schwieriger die Suche.“ Den Mittelständlern fehlten schlicht die finanziellen und personellen Ressourcen, um Jugendliche in der Breite anzusprechen. Den Großkonzernen falle das dagegen leicht. „Deren großer Vorteil: Sie haben Budget für breit angelegtes Marketing und Sponsoring. Wir sprechen hier vom Schrotflintenprinzip“, so Konjovic. Die Unternehmen feuerten regelrecht mit Werbung für die Ausbildung um sich – irgendwann wird schon ein Jugendlicher aufmerksam.

So viel verdienen Auszubildende in den einzelnen Branchen pro Monat

„Das ist das Gemeine: Weil Lidl, Vodafone & Co durch diese mediale Lautstärke die Aufmerksamkeit der Jugendlichen vereinnahmen, bleiben die mittelständischen Unternehmen, die eigentlich die Wunsch-Arbeitgeber von Jugendlichen sind, unbemerkt.“ Denn eigentlich wollten die Jugendlichen viel lieber zum Mittelständler, als zum Großkonzern. 

Das habe ganz praktische Gründe: Der Mittelstand ist vor der Tür, im örtlichen Gewerbegebiet, zumindest aber im Nachbardorf. Die Dax-Konzerne sind dagegen mehrheitlich in den teuren Metropolen. „Die Jugendlichen wollen in der Region bleiben. Der Schreinerlehrling aus Dachau kann es sich doch auch gar nicht leisten, für seine Ausbildung nach Hamburg zu ziehen. Wer sollte das denn bezahlen?“ Entsprechend absolvieren neun von zehn Schulabgängern ihre Berufsausbildung bei einem mittelständischen Unternehmen vor Ort, wie die KfW Bankengruppe anlässlich des Beginns des neuen Ausbildungsjahres am 1. September mitteilte.

Bei kleinen und mittleren Firmen arbeiten den Angaben zufolge gut zwei Drittel der Beschäftigten bundesweit, mittlerweile aber fast 90 Prozent der Lehrlinge. „Die Ausbildungstätigkeit verlagert sich immer weiter in den Mittelstand“, bestätigt KfW-Chefvolkswirt Jörg Zeuner.

Radiospots und Zeitungsanzeigen bringen nichts

Aber: „Ausgerechnet der Mittelstand spricht die Jugendlichen noch so an, wie es vor acht oder zehn Jahren in Ordnung gewesen ist: mit gedruckten Anzeigen, mit Radiospots oder am Karrierestand auf der örtlichen Gewerbemesse. Nur da sind die Jugendlichen heute nicht. Radio und Zeitung? Keine Chance. Die sind mit ihrem Smartphone unterwegs“, so Konjovic.

Der Durchschnittsazubi...

Laut Medienpädagogischem Forschungsverband Südwest besitzen 92 Prozent aller Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren ein eigenes Smartphone. Mehr als 80 Prozent sind damit täglich mehrere Stunden online. Zeitung lesen, Karrieremessen besuchen und dem öffentlich-rechtlichen Radiosender lauschen kommt im Alltag der angehenden Azubis dagegen nicht vor. Entsprechend anders müssten die Unternehmen ihre Azubis ansprechen. Tun sie aber nicht, wie Konjovic sagt. „Kaum ein Betrieb – nicht mal bei den Dax-Konzernen - hat mobile Stellenangebote, manche Mittelständler haben nicht mal eine mobile Website.“ Das belegen auch entsprechende Studien.

Er ist überzeugt: „Betriebe und Jugendliche reden aneinander vorbei.“ Das zeige sich auch bei dem Beispiel Schnuppertag: Auf der einen Seite wünschen sich Jugendliche mehr Einblick in Ausbildungsberufe, weil bei mehr als 300 davon kaum jemand eine Vorstellung hat, was sich hinter der einen oder anderen Bezeichnung verbirgt. Diese Tage der offenen Tür böten auch sehr viele Betriebe an und beschwerten sich letztlich, dass dann doch keiner kommt, so Konjovic. „Und woran liegt das? Weil die Jugendlichen nie von diesem Schnuppertag erfahren, wenn dafür im Radio oder in der Tageszeitung Werbung gemacht wird.“

Auf Seiten der Unternehmen fehle das Verständnis dafür, dass sie um Azubis werben müssen, wie um Kunden. „Damit das klappt, müssen Unternehmen Azubis als Zielgruppe begreifen und sich fragen: Wie erreiche ich jemanden, der zwischen 13 und 19 Jahren alt ist?“ sagt Konjovic. Die Antwort liegt auf der Hand: Per Smartphone.

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