BabyOne-Chefin: „Auf die Präsenzpflicht sind wir übrigens überhaupt nicht stolz“
Anna Weber ist die Geschäftsführerin von Babyone.
Foto: PRSeit 2021 führt Anna Weber BabyOne gemeinsam mit ihrem Bruder. Der im deutschprachigen Raum führende Anbieter von Baby- und Kleinkinderartikeln beschäftigt 1400 Mitarbeiter und hatte zuletzt einen Jahresumsatz von 244,4 Millionen Euro. Das Familienunternehmen in zweiter Generation betreibt 28 eigene Fachmärkte, 73 weitere Standorte werden von Franchisenehmern geführt.
Bei BabyOne galt seit dem Frühjahr 2022: Work from anywhere. Doch das dreht die Geschäftsführung nun zurück, wie Weber beim Karrierenetzwerk LinkedIn schreibt: „Bei uns klappt es nicht.“
Dafür bekam sie auch viel Zuspruch: So kommentierte beispielsweise About-You-Geschäftsführer Tarek Müller, sein Unternehmen habe ebenfalls diese Erfahrung gemacht – und sei daher auf ein Hybrid-Konzept von drei Tagen Büro und zwei Tagen Remote gewechselt. Die Bürotage sind dort auch fest vorgegeben. Warum Anna Weber ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nun ab dem Jahreswechsel an drei Tagen wieder zurückbeordert, erklärt sie im Interview.
WirtschaftsWoche: Frau Weber, Sie haben in einem LinkedIn-Beitrag eingestanden: Das Konzept „Work from anywhere“ ist fehlgeschlagen. Nun gilt bei Ihnen Präsenzpflicht an drei Tagen pro Woche.
Anna Weber: Es ist nicht so, dass Work from anywhere nicht geklappt hat – sondern unser Konzept, es in kompletter Freiheit anzubieten. Flexibilität ist uns weiter wichtig – deswegen bieten wir die 3:2 Regelung an und auch weiterhin vier Wochen Work from anywhere pro Jahr! Für uns hat nicht funktioniert, dass jeder Beschäftigte komplett frei entscheiden kann, wie er seine Arbeit organisiert. Deshalb nehmen wir diese Anpassung vor. Wir sind übrigens überhaupt nicht stolz darauf. Aber wir glauben, dass es das Beste für das Unternehmen ist, wenn wir konkrete Regeln einführen. Aber wir sind nicht stolz darauf, zu sagen, dass der Weg der kompletten Freiheit bei uns nicht funktioniert hat.
Was waren die Gründe?
Wir haben natürlich ein bisschen Ursachenforschung betrieben. Wichtig ist dabei: Wir kommen von einer kompletten Präsenzkultur. Vor Corona musste jeder Mitarbeitende jeden Tag in unserer Zentrale sein. Dann kam Corona, wie viele andere Unternehmen mussten wir uns umstellen. Aber: Viele Abstimmungswege und Arbeitsweisen sind einfach immer noch auf Präsenz eingestellt. Natürlich haben wir neue Tools und Arbeitsweisen eingeführt: Retros, Reviews, Feedbackschulungen und so weiter. Aber eine Unternehmenskultur lässt sich nicht per Schnipsen verändern. Dazu kommt, dass wir ursprünglich ein stationäres Handelsunternehmen sind. Unsere Zentrale in Münster ist verantwortlich für über 100 Fachmärkte. Diese Punkte kollidieren einfach.
Und das hat dazu geführt, diese Entscheidung zu treffen – die ja auf Einzelne große Auswirkungen hat?
Letztlich hat diese Entscheidung auch viel mit Bauchgefühl zu tun. Ich kann keine Empirie dazu vorlegen. Wir haben viel mit Mitarbeitern, Franchisenehmern und Fachmärkten gesprochen. Und gemerkt, dass bestimmte Dinge nicht mehr so gut funktionieren wie vorher. Das sind Themen wie komplexe Absprachen und viel zu viel Chat-Ping-Pong. Wir hatten aufgeblasene Kommunikation, die mit viel Aufwand betrieben wurde. Wo man sich denkt: Es wäre gerade so viel einfacher, wenn die Personen einfach in einem Raum miteinander sprechen würden. Auch spontane Absprachen funktionieren in Präsenz besser. Außerdem sind informelle Gespräche wichtig, die auch in Präsenz viel besser stattfinden können. Wir haben alles Mögliche ausprobiert: digitales Kaffeetrinken, Würfeln von Lunch Dates, Lernformate. Doch all das, glaube ich, funktioniert in Präsenz besser.
Ihnen geht es dabei also nicht um die Leistung, die zuhause nicht gut genug war?
Genau, daran lag es überhaupt nicht. Es sind die Dinge dahinter. Unsere Hypothese ist: Durch mehr physische Präsenz kann unsere Kultur wieder mehr hergestellt werden. Ich habe mal den unheimlich klugen Satz gehört: Präsenz hat für den Einzelnen keinen Vorteil – aber für die Gruppe. Man muss auch an neue Beschäftigte denken: Der ganze Onboarding-Prozess ist viel schwieriger, und dass sie sich mit dem Unternehmen identifizieren können auch.
Dabei sollte die gänzlich flexible Wahl des Arbeitsorts auch als Vorteil im Kampf um Talente dienen. Fällt der nun weg?
Wir rekrutieren jetzt folglich nur noch Top-Talente, die bereit sind umzuziehen oder die hier in der Region wohnen. Es gilt, drei Tage ins Büro zu kommen. Und natürlich wird der Talente-Pool dann kleiner. Das haben wir auch diskutiert. Das ist dann einfach der Preis, den wir zahlen – dass wir nicht mehr für alle Bewerberinnen und Bewerber attraktiv sind.
Müssen manche Beschäftigten jetzt eigentlich umziehen? Wieder näher ran ans Unternehmen?
Wir prüfen das alles gerade und werden darauf achten, dass jeder auch mit der Umstellung gut bei BabyOne arbeiten kann. Da müssen wir nun Gespräche führen mit den einzelnen Personen, die das betrifft.
Können Ihre Mitarbeiter frei wählen, wann sie ihre beiden Remote-Tage nutzen möchten?
Ja. Wir wollten keine festen Tage vorgeben, das sollen die Teams selbst entscheiden.
Wie sind die Reaktionen Ihrer Beschäftigten ausgefallen?
Wie bei jeder Entscheidung fallen die sehr unterschiedlich aus. Manche sind nicht zufrieden, die fanden die vollkommene Freiheit super. Aber es gibt auch viele, die sagen: Endlich wird die Hütte mal wieder voll.
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