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Bewerbungsverfahren Wer die Besten will, muss schnell sein

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Unternehmen sollten zügig Rückmeldung geben

So versauen Sie Ihre Bewerbung auf jeden Fall
Sie suchen einen neuen Job? Dann vergessen Sie Netzwerke, Vitamin B oder sonstige Empfehlungen. Sie sollten unbedingt auf jede - wirklich jede - Stellenanzeige antworten und am besten auch noch überall die gleiche Bewerbung hinschicken. Quelle: Fotolia
Wenn Sie älter als 30 sind, dürfte Ihr Lebenslauf einige Positionen aufweisen: Qualifikationen, Berufserfahrung etc. Um ja nicht zum Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden, ist es ganz wichtig, dass Sie Ihre komplette Vita - vom Kindergarten bis zu Ihrer jetzigen Position - auf eine Seite quetschen. Lebensläufe sollten schließlich nicht zu lang sein. Damit auch alles auf eine Seite passt, wählen Sie die Schrift möglichst klein (6 Punkt sollte angemessen sein), vermeiden Sie Absätze und zu große Zeilenabstände. Besonders Kreative sollten eine blassgraue Schrift wählen. Das hebt Sie von der Masse ab. Quelle: Fotolia
Loben Sie sich über den grünen Klee: In Ihre Bewerbung gehört unbedingt hinein, dass Sie fließend chinesisch, russisch und eine exotische afrikanische Sprache sprechen. Außerdem haben Sie bereits mit Anfang 20 drei Doktortitel erworben und sind heimlicher Berater der Kanzlerin oder haben zumindest einmal die Leitung einer wichtigen Abteilung in einem Dax-30-Konzern inne gehabt. Bei Hobbys ist "Wasser in Wein verwandeln" oder "kranke Kinder in dritte Weltländern heilen" angemessen. Quelle: Fotolia
Sie haben Ihre Bewerbung vor zwei Tagen abgeschickt und es ist noch keine Reaktion da? Dann machen Sie dem Unternehmen kräftig Druck. Rufen Sie an, bombardieren Sie die Personalabteilung mit Mails, Briefen oder stehen Sie unangekündigt vor der Tür. Das hilft, den Prozess zu beschleunigen. Quelle: Fotolia
Warum auch immer Sie zu einem Gespräch eingeladen worden sind, jetzt sind Sie da und es gilt, die Sache kräftig zu versauen. Bei einem Vorstellungsgespräch ist es deshalb ganz wichtig, dass Sie den Personaler und den Chef wie Ihre besten Freunde behandeln. Quatschen Sie drauf los, als habe man sich ewig nicht gesehen. Erzählen Sie aus Ihrem letzten Urlaub, von Ihren Kindern, dem Hund, dem Dax-Kurs. Jeder mag belanglosen Smalltalk. Quelle: Fotolia
Ein besonders wichtiges Thema, dem Sie viel Zeit und Raum geben sollten ist, wie schwierig derzeit die Jobsuche ist. Erzählen Sie ruhig, dass Sie seit zwei Jahren ohne Job sind und Sie keiner will. Schimpfen Sie kräftig auf die Unternehmen, die ein Genie wie Sie bloß verkennen und auf die unfähigen Arbeitsvermittler. Quelle: Fotolia
Dazu gehört auch, dass Sie um Gottes Willen nichts Positives über Ihre alten Arbeitgeber sagen. Wenn Sie überhaupt etwas dazu sagen müssen, dann sagen Sie etwas Negatives. Das waren alles Versager, die Ihr Potenzial nicht erkannt haben. Quelle: Fotolia

Bei Unternehmen sieht das schon anders aus. „Für hochqualifizierte Bewerber sind Auswahlverfahren von zwei Monaten schon zu lange“ sagt Kanning. Vor allem in stark nachgefragten Fachrichtungen wie Informatik oder Ingenieurwesen geht es am Arbeitsmarkt blitzschnell. „Ein promovierter Maschinenbauer ist nicht lange arbeitssuchend. Wer die Besten haben will muss auch schnell sein“, sagt der Wirtschaftspsychologe.

Das wissen auch die Unternehmen und beteuern die Kandidaten möglichst zeitnah auszuwählen. Bei BASF zum Beispiel heißt es, dass eine schnelle Rückmeldung im Wettbewerb um die besten Mitarbeiter ein entscheidender Erfolgsfaktor sei. Doch der gute Vorsatz scheint nicht immer eingehalten zu werden. Ein Blick auf das Arbeitgeberbewertungsportal Kununu zeigt, dass die Meinungen zu den Bewerbungsverfahren weit auseinander gehen. Während der eine User das Prozedere beim Chemieriesen einfach nur mit einem „So führt man Bewerbungsgespräche!“ und 4,6 von fünf möglich Punkten bewertet, ärgern sich andere über die Dauer des Prozesses. Ein Nutzer behauptet: „Bei der Bewerbung habe ich ständig das Gefühl gehabt - mein Mitbewerber muss seine Probezeit überstehen, bevor BASF sich traut eine Absage zuzuschicken.“ Sechs Monate hätte die Auswahl gedauert.


Viel mehr als die Dauer des Bewerbungsprozesses scheint es Kandidaten zu ärgern, wenn sie Wochen oder gar Monate keine Rückmeldung erhalten und auf Nachfragen gar nicht oder vertröstend reagiert wird. „Unternehmen sollten die Bewerber immer auf dem Laufenden halten, wie es weitergeht und den Zeitplan dann auch einhalten“, sagt Wirtschaftspsychologe Kanning. Auf der Homepage vom Telekommunikationsunternehmen Vodafone beispielsweise werden Bearbeitungszeiträume bereits angekündigt. „Etwa zwei Wochen nach Bewerbungsschluss sollte klar sein, wer in die nächste Runde kommt und wer nicht“, sagt Kanning. Halten Unternehmen Fristen im Bewerbungsprozess nicht ein oder ist der zeitliche Ablauf intransparent, wirkt das auf Bewerber unprofessionell. Gerade für Mittelständler, über die die Bewerber weniger wissen als über die großen Konzerne, ist ein schlechtes Bewerbungsverfahren gefährlich. Denn die Kandidaten schließen von der Qualität des Prozesses auf das Unternehmen als Arbeitgeber. Fragen der Verlässlichkeit, der Wertschätzung und der Professionalität beantworten sich die Bewerber so indirekt selbst.

Management



Einen Einblick ins Unternehmen hält auch die Deutsche Bahn für wichtig. „Mehrere persönliche Kontakte ermöglichen es beiden Seiten, einen Eindruck von einander zu erhalten“, heißt es bei der Deutschen Bahn. Bewerber interessierten die Unternehmenskultur, der Chef und das Team. Um eine Traineestelle bei der Deutschen Bahn zu ergattern, müssen Kandidaten ein Telefoninterview, ein Assessement-Center und ein Vorstellungsgespräch meistern.

Überhaupt sind oftmals die Auswahlverfahren für Traineestellen sehr ausgiebig. „Die Berufseinsteiger werden als die Führungskräfte von morgen gesehen“, begründet Kanning den Aufwand. Assessment-Center sind hierbei häufig fester Bestandteil des Prozesses.

Je weiter oben in der Hierarchie die zu besetzende Position angesiedelt ist, desto seltener ist ein solcher Auswahltag mit Gruppendiskussionen und Rollenspielen. "Manager sehen es oft nicht ein, sich mit ihrer Erfahrung einem Assessment-Center zu unterziehen“, sagt Jan Müller vom Spezialisten für Personalbeschaffung Futurestep. „Interessiert sich ein Unternehmen für sie, erwarten sie eine individuellere Behandlung.“

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