Bill Gates: Vom schüchternen Nerd zum Weltverbesserer
Bill Gates: Der US-Unternehmer zählt zwar zu den reichsten Menschen der Welt, in der Top Ten der reichsten Familien weltweit stehen aber andere Namen.
Foto: APAuf der Bühne des Cirque-du-Soleil-Theaters in Las Vegas steht an diesem Abend im Spätherbst 1996 ein ziemlich außergewöhnlicher Gastgeber: Bill Gates. Wie jedes Jahr trifft sich die IT-Branche in der Wüstenmetropole zur damals wichtigsten amerikanischen Tech-Messe, der Comdex, und Microsoft hat zur traditionellen Keynote mit dem Firmengründer in die Showarena geladen.
Rund eine halbe Stunde schon redet der Microsoft-Gründer, da greift Gates in seine Jackentasche und zückt ein handtellergroßes Gerät, das er „Handheld PC“ nennt. E-Mails lassen sich damit verfassen, Word-Dokumente lesen und schreiben, Bilder betrachten, Internetinhalte abrufen. Apples iPhone ist da noch rund eine Dekade entfernt – und der kleine Rechner mit dem Graustufen-Display, den Gates in die Höhe hält, ist fraglos ein Highlight der Messe.
Doch Gates ist nicht Steve Jobs: Angestrengt, fast gepresst, trägt er seinen Text vor, ungelenk stakst er über die Bühne. Seine Augen suchen den Teleprompter, die übergroße Leinwand auf der Rückseite des Saales, auf die sein Redetext projiziert wird. Fast meint man, der Vortrag verursache ihm körperliches Unwohlsein. Nein, die große Bühne, der lockere Auftritt vor den Messereportern, das merkt jeder im Saal, ist wirklich nicht Gates' Sache. Er liebt den Austausch mit den Techies, mit seinen Programmierern. Fachsimpeln, Ideen entwickeln, das ist seine Welt. Die Massen zu begeistern, das hingegen ist ihm eine Last.
Fast ein Vierteljahrhundert nach dem gequälten Auftritt in Las Vegas tritt Gates im März 2019 wieder einmal auf die Bühne. Diesmal ist es ein Auditorium der Stanford Universität und diejenigen, die Gates aus früheren Jahren kennen, glauben, einen anderen Menschen zu sehen. Entspannt setzt sich Gates in einen grauen Sessel, lässt sich nach hinten fallen – und lächelt. Der Milliardär fühlt sich sichtlich wohl. Minutenlang erklärt er Hunderten Zuhören an der kalifornischen Eliteuni, welche Gefahren in lernenden Algorithmen stecken, aber auch seine Vision, wie die Algorithmen Leben retten können.
Auftritt als Entertainer
Gates macht Witze – und redet, als hätte er nie was anderes getan. Der Microsoft-Gründer zeigt auf der Bühne fast schon Entertainer-Qualitäten. Keine Spur mehr vom bis zur Verklemmtheit zurückhaltend wirkenden Techie aus Microsofts Frühzeit, der bei Pressekonferenzen Fragen zusammengekauert auf einem Hocker beantwortet, als schienen ihm öffentliche Auftritte Pein zu bereiten. Es ist die Metamorphose eines Mannes, der von seiner einstigen Rolle Abschied genommen und sich neu definiert hat und nun mit den eigenen Ansprüchen über sich selbst hinauswächst.
Als WiWo-Redakteur Thomas Kuhn den Microsoft-Gründer im Sommer 2001 zum Interview in New York traf, war das eine gleich doppelt überraschende Begegnung. Nicht bloß, dass Bill Gates ganz entspannt losplauderte. Vor allem aber diskutierte er plötzlich über Themen, die ihm viel wichtiger schienen als Windows oder Word: Die Herausforderung, all jenen Milliarden von Menschen weltweit, die dazu noch keinen Zugang hatten, ausreichend Trinkwasser und Medikamente zur Verfügung zu stellen.
Foto: WirtschaftsWocheDer Bill Gates des 21. Jahrhunderts, der Philanthrop mit dem Anspruch, die großen Probleme der Welt ein Stück weit zu lösen, weiß nicht nur, dass er sich dafür der Öffentlichkeit stellen muss. Und zwar mehr noch als zu Zeiten als Microsoft-Frontmann. Er scheint die Öffentlichkeit inzwischen fast schon zu genießen.
Keine Frage, Gates ist an und mit der selbst gewählten Aufgabe gereift, hat in unzähligen Meetings und bei zahllosen Auftritten in den vergangenen Jahrzehnten an Sicherheit gewonnen. Professionelle Coachings hätten ihren Teil dazu beigetragen, erzählen ehemalige enge Mitarbeiter. Aber den wohl größten Anteil an der heutigen Lockerheit und an seiner Schlagfertigkeit und Selbstironie, die er zumindest in kleinem Kreis zeigt, hatte wohl Gates‘ langjährige Ehefrau Melinda. Die einstige Projektmanagerin bei Microsoft, Programmiererin wie Bill, habe auf ihren Mann über die Jahre wie eine Art Entspannungsdroge gewirkt, heißt es aus dem Umfeld der beiden.
Und auch die Aufgabe als Vater der drei – inzwischen volljährigen – Kinder Jenn, Rory und Phoebe habe Gates verändert. Zuvor habe er Nächte in seinem Büro in der Firmenzentrale in Redmond durchgearbeitet, erzählen langjährige Kollegen. Ähnliches habe er wohl auch von seinen Beschäftigten erwartet: „Vom Supermarkt bis zum Fitnesscenter gab und gibt es alles im Hauptquartier am One Microsoft Way“, berichtet ein hochrangiger Manager, der lange in Redmond gearbeitet hat. „Günstigstenfalls wären wir rund um die Uhr geblieben und gar nicht mehr nach Hause gefahren.“
Die Belegschaft von Microsoft im Jahr 1978 mit den beiden Microsoft-Gründern Bill Gates (erste Reihe, links) und Paul Allen (erste Reihe, rechts). Gegründet wurde die Firma am 4. April 1975 in Albuquerque, New Mexico.
Foto: APIm Jahr 1981 posieren Bill Gates (rechts) und Paul Allen.
Bill Gates hat sich mittlerweile auf eine Beraterrolle im Unternehmen zurückgezogen und ist als Philanthrop tätig. Paul Allen hat ebenfalls Milliarden mit Microsoft gemacht, spendet einen Teil seines Vermögens. Er investiert aber auch etwa in Sport-Mannschaften. Ihm gehören die Seattle Seahawks (American Football) und die Portland Trail Blazers (Basketball).
Foto: dpa/picture-allianceDie Basis für den Firmenerfolg legten Allen und Gates mit dem Betriebssystem MS-DOS, das Computern Leben einhauchte. Die grafiklose Bedienoberfläche war lange ein Weg, um auch das spätere Betriebssystem Windows aus dem Hause Microsoft zu konfigurieren. In Abwandlungen hat die grafiklose Bedienoberfläche bis heute überlebt.
Foto: APDie Packung der ersten Version des Betriebssystems Microsoft Windows. Das damals als Erweiterung zu MS-DOS veröffentlichte Programm kam erstmals 1985 auf den Markt. In den Folgejahren sollte Windows das Fundament für ein Milliardenimperium werden. Es war allerdings nicht das erste Betriebssystem mit grafischer Benutzeroberfläche – IBM und Apple hatten bereits vorher die Idee umgesetzt. (Foto: Szilveszter Farkas)
Foto: Creative CommonsEin undatiertes Foto zeigt den jungen Bill Gates in seinem Arbeitszimmer. Zum Start von Windows 1.0 gab es weltweit lediglich sechs Millionen Personal Computer. Erst rund fünf Jahre später, im Jahr 1990, gelang dem Software-Entwickler aus Redmond ein durchschlagender Erfolg mit Windows 3.0.
Foto: picture-Alliance/dpaBill Gates bei der Präsentation der Version 95 des Betriebssystems im Jahr 1995. Vor allem die dafür entwickelten Büroprogramme wie Word, Excel und Powerpoint helfen Microsoft, den Marktanteil Mitte und Ende der 90er-Jahre auf über 90 Prozent auszubauen.
Foto: dpa1998 präsentiert der mittlerweile verstorbene Apple-Chef Steve Jobs „Microsoft Office Macintosh Edition“. Damals hauchte die Microsoft-Software dem darbenden Konkurrenten Apple Leben ein. Doch mittlerweile stellt Apple den Rivalen aus Seattle in vielen Belangen in den Schatten.
Foto: dpaDer Erfolg Microsofts machte Bill Gates zum Hassobjekt für ungezählte Computer-Techniker, denn an Windows und seinen Ablegern führte lange kein Weg vorbei. Gleichzeitig geriet die Bedienbarkeit immer wieder in die Kritik. Mit der nachlassenden Dominanz in vielen Marktsegment ließ die Wut auf Gates aber nach. Gates war aber auch immer wieder als visionärer Redner gefragt, der langfristige Entwicklungen der IT-Branche gut erkennen und auch vorausahnen kann.
Foto: dpa/picture-allianceDer Erfolg Microsofts brachte sowohl in den USA als auch in Europa immer wieder das Kartellamt auf den Plan. Um die Jahrtausendwende drohte dem Unternehmen gar die Aufspaltung in eine Firma für Betriebssysteme und eine für Büro-Software, die letztlich aber nicht umgesetzt wurde. Einige Produkt-Verknüpfungen wurden allerdings als unzulässig bemängelt. So entbrannte eine Diskussion, ob Microsoft seinen Browser „Internet Explorer“ unzulässig mit Windows verknüpfte. Im Jahr 2009 untersagt die Europäische Kommission das Vorgehen. Später wurde deswegen eine Strafe in Höhe von 561 Millionen Euro wegen Nichterfüllung der Vorgaben verhängt.
Foto: WirtschaftsWocheAb Herbst 2001 steigt Microsoft in den Markt für Spielkonsolen ein. Das Segment entwickelt sich zum Erfolgsbringer trotz heftigen Wettbewerbs mit Sony und Nintendo.
Foto: picture-Alliance/dpaDie Action-Spielreihe „Halo“ ist für Microsoft ein großer Erfolg. Der Produktionsaufwand ist mit dem aufwendiger Kinofilme vergleichbar und auch die Vermarktung ähnelt sich in Teilen. Das Bild zeigt in der Mitte Schauspieler Til Schweiger bei einer Premierenfeier für „Halo 2“ im Jahr 2004.
Foto: dpa/picture-allianceIm Jahr 2006 kündigt Bill Gates (links) seinen Rückzug als Firmenchef an und posiert aus diesem Grund unter anderem mit seinem Nachfolger Steve Ballmer (rechts).
Foto: dpa/picture-allianceDen digitalen Musikspieler Zune brachte Microsoft im Jahr 2006 als Antwort auf den Erfolg von Apples iPod auf den Markt. Das Gerät wurde jedoch nur in den USA und Kanada verkauft, da sich kein großer Erfolg einstellte. Etwa fünf Jahre später wurde die weitere Entwicklung eingestellt. (Foto: Pooi Wang Chan)
Foto: Creative CommonsIn einem wichtigen digitalen Marktsegment ist Microsoft seit Ende der 90er-Jahre in den Schatten gestellt worden. Bei Internet-Suchmaschinen kann der eigene, mittlerweile „Bing“ getaufte Dienst nicht mithalten. Google dominiert den Markt und hat auch bei Handy-Betriebssystemen die Marktführerschaft. Das Bild zeigt ein Datenzentrum des Microsoft-Kartendienstes „Bing Maps“ im Jahr 2010. (Foto: Robert Scoble)
Foto: Creative CommonsDen größten Zukauf in der Firmengeschichte stemmte Microsoft im Jahr 2011. Für 8,5 Milliarden Dollar wechselte der Internettelefonie-Anbieter Skype die Eigentümer.
Foto: WirtschaftsWocheKonzentrierte sich Microsoft lange darauf, auch mobile Endgeräte mit Betriebssystemen auszustatten, kam 2013 der Strategiewechsel. Für 7,2 Milliarden Dollar erwarb der Software-Konzern den finnischen Handy-Konzern Nokia. Der Markenname ist mittlerweile auf Smartphones verschwunden – stattdessen heißt es Microsoft.
Foto: REUTERSEbenfalls in Skandinavien ging Microsoft im Jahr 2014 einkaufen und übernahm den Mojang, Hersteller des Erfolg-Computerspiels „Minecraft“, bei dem die Spieler virtuelle Welten aus Pixelhaufen bauen.
Foto: PRMit der 2015 auf den Markt kommenden Version Windows 10 will Microsoft Fehler der Vergangenheit abstellen und etwa die Bedienbarkeit über verschiedene Endgeräte hinweg reibungslos gestalten.
Foto: picture-Alliance/dpaSatya Nadella heißt der seit Februar 2014 amtierende Konzernchef. Er folgte auf Steve Ballmer und ist somit erst der dritte Vorstandschef des Unternehmens. Seine Herausforderung: Microsoft auch in der digital vernetzten Welt als relevanten Spieler erhalten. Trotz aller Rückschläge in der Firmenstrategie und Niederlagen im Wettstreit mit anderen IT- und Internet-Konzernen, ist Microsoft aber weiter sehr gewinnbringend. Im Jahr 2014 betrug der Nachsteuergewinn 22 Milliarden Dollar (20 Milliarden Euro) bei einem Umsatz von 86,8 Milliarden Dollar. An der Börse ist der Konzern im April 2015 etwa 330 Milliarden Dollar wert.
Foto: APMit Investoren-Legende Warren Buffett (links) ist Bill Gates befreundet. Buffett hat der Stiftung des Microsoft-Gründers sogar ein Großteil seines Vermögens vermacht, damit diese das Geld für wohltätige Zwecke einsetzen kann. Buffett und Gates spielen unter anderem gerne Bridge miteinander. Das Bild zeigt die beiden im September 2010.
Foto: dpa/picture-allianceSeine philanthropischen Aktivitäten führt Microsoft-Gründer Gates gemeinsam mit seiner Frau Melinda Gates. Sie verfolgen einen sehr analytischen Ansatz und investieren etwa in den Kampf gegen Malaria und andere Krankheiten – davon versprechen sie sich, die meisten Leben für den geringsten Einsatz retten zu können.
Foto: picture-Alliance/dpaMit der Geburt seine Kinder aber habe sich Gates‘ Leben geändert – und auch seine Erwartung an andere. „Plötzlich achtete er nicht bloß auf den eigenen Feierabend, sondern auch auf den seiner Mitarbeiter“, erinnert sich ein früherer enger Mitarbeiter. Auch dass Gates sich von 2000 an schrittweise aus der Führung des Konzerns zurückgezogen habe, sei nicht bloß der Erkenntnis geschuldet gewesen, dass er selbst an der Spitze dem Unternehmen im Konflikt mit dem US-Justizministerium eher schaden würde. „Es war auch das Gefühl, dass seine Aufgabe in Zukunft auf einem anderen Feld liegen würde“, so der Ex-Manager, der während des Monopolverfahrens eng mit dem Microsoft-Gründer zusammenarbeitete.
Worin genau Gates seine künftige Mission sehen würde, davon war wenig bekannt, als er sich im Frühsommer 2001 in einer Suite eines New Yorker Hotels zu einem Interview mit der WirtschaftsWoche trifft. Microsoft-Urgestein Steve Ballmer hatte im Jahr zuvor als Konzernchef übernommen, der Gründer war auf den Aufsichtsratsvorsitz und in die Funktion des Chefentwicklers gewechselt. Kurz zuvor hatte der US-Generalanwalt die Zerschlagung des Unternehmens gefordert, allzu rabiat habe Microsoft seine Marktmacht gegen kleinere Konkurrenten ausgenutzt.
Dass Gates Microsofts Strategie verteidigen wird, gilt als gesetzt, als das Gespräch beginnt. Doch der Software-Milliardär spricht nur ein paar Minuten lang über die Monopolvorwürfe. Dann aber – bei der Frage, wie er mit einer so existenziellen Bedrohung für die Zukunft seines Unternehmens umgehe, wie der geforderten Aufspaltung – nimmt das Gespräch eine unerwartete Wendung.
Gates, der bis zu dem Moment recht reglos auf seinem Stuhl gesessen hat, kommt plötzlich körperlich in Schwung, lässt die Softdrink-Flasche in seinen Händen kreisen und beugt sich weit über den Tisch dem Gast entgegen: Natürlich sei der Ausgang des Monopolverfahrens wichtig. Aber man dürfe übers Tagesgeschäft nicht die wirklich wichtigen Zukunftsfragen aus dem Blick verlieren. „Im globalen Maßstab ist es doch völlig nebensächlich, ob wir ein paar Zeilen Code mehr oder weniger schreiben“, diktiert Gates dem Reporter.
Auftrag an Microsoft – und an sich selbst
Und dabei wird der sonst so steife Manager plötzlich leidenschaftlich: „Milliarden von Menschen fehlt es an Zugang zu Trinkwasser, an bezahlbaren Medikamenten, an einem Dach über dem Kopf – das werden die Aufgaben für die nächsten Dekaden, darauf müssen wir in Zukunft viel mehr unsere Aufmerksamkeit richten.“ Was die Vereinten Nationen Anfang der Nullerjahre als „Millenniums-Entwicklungsziele“ definieren werden, Gates trägt es in dem Interview geradezu als Auftrag vor – an sein Unternehmen, aber fast noch mehr wohl an sich.
Das passt so gar nicht zum sonst üblichen Marketing-Tam-Tam amerikanischer Konzernchefs. Und es passt auch nicht zu Gates, wie man ihn damals noch öffentlich erlebt. Hier, das wird in der New Yorker Hotel-Suite deutlich, hat einer ein Thema für sich gefunden, dass ihn offenbar weit mehr umtreibt, als es bis dato von außen erkennbar ist. Er spricht davon, wie sich Technologie nutzen lassen müsse, um diese globalen Probleme zu bekämpfen.
Inzwischen ist klar, dass das vor knapp zwei Jahrzehnten tatsächlich weit mehr als bloß Lippenbekenntnisse waren – und Gates‘ Metamorphose vom Nerd zum Philanthropen längst in vollem Gange: Heute ist William Henry Gates III Co-Vorsitzender der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung und selbsterklärter Weltverbesserer.
Mehr zum Thema: Jeff Bezos hat vor seinem Rückzug Milliarden seines Privatvermögens in Stiftungen übertragen. Genau wie einst Bill Gates. Will der Amazon-Gründer Gates nun nacheifern?
Dieser Artikel erschien erstmals im Juli 2020 bei der WirtschaftsWoche und wurde im Mai 2021 aktualisiert..