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Bob Mankoff Humor ist der Sieg über die Angst

Für einen Witz ist Bob Mankoff immer zu haben. Der Chefcartoonist des Magazins "The New Yorker" über die Kälte der Arbeitswelt, die Grenzen des Humors und das Unglück als Voraussetzung für Fortschritt.

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Die New Yorker Ausgabe 08 von 2013 Quelle: dpa

WirtschaftsWoche: Herr Mankoff, Sie verantworten seit 1997 die Auswahl der Cartoons der Zeitschrift "New Yorker". Sind Sie ein lustiger Mensch?

Mankoff: Bei mir ist Humor ein ständiger Begleiter. Viele Amerikaner sind so. Sie sind in jedem Moment bereit, umzuschalten und einen Witz zu machen. Das kann sehr hilfreich sein. Humor sorgt für eine Pause, für ein Durchatmen. Zum Beispiel, wenn sich Menschen in verschiedenen Positionen verrannt haben. Humor kann das überwinden.

Die politische Landschaft in den USA war nie so gespalten wie heute. Linke und Rechte können kaum noch miteinander reden. Kann Humor das Eis brechen?

Es hängt davon ab, wie weit Menschen voneinander entfernt sind. Wenn sich ein Ehepaar streitet, dann sind die Gräben möglicherweise nicht sehr tief. Wahrscheinlich dreht sich der Streit um lächerliche Dinge des Alltags. Eine witzige Bemerkung, über die beide lachen müssen, kann hier Wunder wirken. Aber je tiefer die Gräben sind, umso weniger bringt Humor. Ich kann mir keine humorvolle Bemerkung von George W. Bush vorstellen, die die Taliban bewogen hätte, zu sagen: "Hey, du bist eigentlich ein echt netter Kerl, wir laden dich auf einen Drink ein."

Bob Mankoff Quelle: The Washington Post-Getty Images-Jesse Dittmar

Was heißt das für den Humor im Geschäftsleben?

Das ist übertragbar. Wenn Gräben noch überbrückbar sind, wenn es etwa nur um unterschiedliche Preisvorstellungen von Einkäufer und Verkäufer geht, kann Humor viel bewirken. Ich habe mich kürzlich in einem neuen Fitnessstudio angemeldet. Als es um den Preis ging, habe ich zu der Mitarbeiterin gesagt: Bekomme ich einen Rabatt, weil ich so ein heißer Typ bin? Sie lachte, und ich bekam meinen Rabatt. Einfach so, ohne verbissene Feilscherei. Die Gesellschaft, die Arbeitswelt sind oft furchtbar ernst, kalt und unmenschlich. Das verleitet uns dazu, selbst unmenschlich zu werden. Humor macht uns wieder menschlich. Wenn Sie mit anderen Leuten in einem Lift feststecken, können Sie bitter klagen und schimpfen und das Ende der Welt beschwören. Sie können aber auch darüber lachen.

Nicht immer klappt das mit dem Humor. Vielleicht will im feststeckenden Lift keiner einen Witz hören.

Natürlich kann man nicht immer Scherze machen. Es gibt echte Krisen, in denen Humor fehl am Platz wäre. Aber das Problem ist, dass die Menschen dazu tendieren, überall und jederzeit eine Krise zu sehen.

Warum auch nicht? Es sind überall Krisen – ökonomische, gesellschaftliche, ökologische, politische.

Aber es gibt wenige Krisen, die so katastrophal sind, dass Humor tabu wäre. Nehmen Sie das Finale in unserer Baseball-Liga. Das ist eine Veranstaltung, die den Amerikanern wirklich heilig ist, die andere Kulturen aber überhaupt nicht interessiert. Bei einem solchen Finale kommt es immer zu Momenten, die Millionen von Fans als schwere Krise verstehen. In einer solchen sehr ernsten Lage sagte einmal ein Spieler zum anderen: Entspann dich, Junge, einer Milliarde Chinesen ist es scheißegal, wie das hier ausgeht. Was meinen Sie, wie befreiend das für die beiden Spieler war.

"Humor ist ein sehr wirksames Mittel im Alltag"

So sorgen Sie für bessere Arbeitsatmosphäre
Planen Sie das Programm - sei es für einen Tag, eine Woche oder einen Monat - mit dem gesamten Team. Die Zufriedenheit steigt, wenn nicht über die einzelnen Köpfe hinweg entschieden wird, wer wann was zu erledigen hat. Quelle: dpa
Bei allem Stress und allem Zeitdruck: Pausen sind wichtig. Ab und an eine kleine Kaffeepause sorgt dafür, dass die Kollegen mit neuer Energie weiterarbeiten. Außerdem entstehen viele gute Ideen beim gemütlichen Gespräch bei einer Tasse Kaffee. Also sorgen Sie für kurze Kreativpausen im Arbeitsalltag. Quelle: dpa
Auch die Aufteilung des Raumes kann enorm zur Zufriedenheit beitragen. Natürlich können nicht einfach irgendwo Wände eingerissen oder hochgezogen werden, aber selbst eine Zimmerpflanze oder ein Regal als Raumtrenner können schon viel bewirken. Fragen Sie Ihre Mitarbeiter, welche räumlichen Veränderungen das Arbeiten angenehmer machen könnten. Quelle: dpa
Wenn der Chef nicht nur seine Managementaufgaben wahrnimmt, sondern auch mit seinem Team zusammenarbeitet, kann das in puncto Arbeitsatmosphäre Wunder wirken. Nichts schlimmer als ein Einpeitscher, der selber keine Ahnung vom Rudern hat. Quelle: Blumenbüro Holland/dpa/gms
Neue Projekte sollten immer dem ganzen Team und nicht nur dem zuständigen Mitarbeiter vorgestellt werden. So wissen alle, was nun auf das Team zukommt und haben nicht das Gefühl, dass wichtige Veränderungen an ihnen vorbei gehen. Wer für jedes Projekt einem anderen Mitarbeiter anvertraut, zeigt außerdem, dass er alle Angestellten für gleichermaßen fähig hält. außerdem tut es auch dem Team gut, wenn jeder die anderen mal aus der "Führungsposition" heraus erlebt. Quelle: Fotolia
Die Urlaubsplanung wird zwar in der Regel in allen Unternehmen im Team gemacht, Ärger gibt es dennoch immer wieder. Statt Mitarbeiter einzeln nach ihren Wünschen zu fragen, setzen Sie sich wirklich mit allen an einen Tisch und besprechen die geplanten Auszeiten. An die sollte sich dann übrigens auch gehalten werden. Quelle: dpa
Bitten Sie Kollegen und Angestellte um regelmäßiges Feedback und Verbesserungsvorschläge. Besonders gute Vorschläge, die Abläufe verbessern, sollten nicht nur umgesetzt, sondern auch entsprechend gewürdigt werden. Quelle: Fotolia

Das Magazin "New Yorker" steht für eine bestimmte Art von Humor. Wie würden Sie ihn beschreiben?

Bei 95 Prozent des Humors im Alltag geht es darum, sich über andere lustig zu machen. Der Humor im "New Yorker" ist breiter angelegt. Vor allem geht es darum, dass die Leser weniger über andere, sondern eher über sich selbst lachen. Das ist eine recht hoch entwickelte Form von Humor. Für die Philosophen der alten Griechen war Humor noch eine Form von Aggression. Quasi Schläge ohne körperliche Folgen. In den humoristischen Schriften Großbritanniens des späten 19. Jahrhunderts ging es vor allem darum, dass die herrschende Aristokratie sich lustig machte über die armen, ungebildeten Leute. Heute haben wir uns von diesen primitiven Formen des Humors ein gutes Stück entfernt. Der Humor wurde menschlicher und gebildeter.

Nicht unbedingt. Millionen erfreuen sich an YouTube-Videos von fatalen Missgeschicken anderer Menschen.

Sicher, es gibt diese Formen von Humor. Aber der gesellschaftlich akzeptierte Humor ist ein anderer, als noch vor 100 Jahren. Die Menschen lachen vor allem über Filme, bei denen Menschen nicht wirklich verletzt werden. Früher lachten die Leute, weil Menschen schwer verletzt wurden. Hinrichtungen waren ein Unterhaltungsprogramm.

Die Texte im "New Yorker" sind sehr seriös, trotzdem ist die Zeitschrift voller Cartoons. Wie passt das zusammen?

Der Humor in den "New Yorker"-Cartoons ist ziemlich intelligent und feinsinnig. Oft wird die Pointe nur angedeutet. Platte Comedy wäre bei uns fehl am Platz. Wir hatten einmal einen Cartoon, der eine Hinrichtungsstätte mit Galgen zeigte. Erst auf den zweiten Blick bemerkte man, dass neben der Treppe auch eine Rollstuhlrampe zum Galgen führt. Wir haben nur die leere Hinrichtungsstätte gezeigt, nicht etwa einen Rollstuhlfahrer, der sich abmüht, zum Galgen hochzukommen. Das ist der Unterschied zwischen unseren Cartoons und Comedy.

Ihre Leser gehören zur amerikanischen Elite. Ist es schwierig, diese Leser zum Lachen zu bringen?

Es gelingt uns offenbar, sonst würden sie unser Magazin nicht kaufen. Aber es ist tatsächlich so, dass es im modernen Alltag hart arbeitender Menschen eine gewisse Traurigkeit gibt. Obwohl wir, verglichen mit früheren Zeiten, ein völlig opulentes Leben führen, tendieren wir zur Unzufriedenheit. Das muss wohl so sein, denn nur weil Menschen unzufrieden sind, streben sie nach Verbesserungen. Glücklichsein ist aus evolutionärer Sicht keine Stärke, denn wer glücklich ist, arbeitet nicht am Fortschritt.

Humor kann eine gefährliche Sache sein. Besser kein Witz als ein schlechter – oder?

Humor ist bestimmt nicht der sicherste Weg, den man beschreiten kann. Aber er ist ein sehr wirksames Mittel im Alltag. Es geht dabei sicherlich um mehr als Unterhaltung. Denn Unterhaltung spielt erst seit einer recht kurzen Zeitspanne in der Geschichte des Menschen eine größere Rolle. Davor hatten die Menschen gar keine Zeit für Entertainment. Die ursprüngliche Funktion von Humor, die schon für die Höhlenmenschen bedeutend war, ist eine andere: mit unserer unberechenbaren Umwelt zurechtzukommen. Humor und Lachen ist der Sieg über Angst und Unsicherheit. Das ist die eigentliche Funktion von Humor.

"Es muss erlaubt sein, mit Humor die Gefühle von Menschen zu verletzen"

Das sind die Lieblingswitze deutscher Politiker
"Angela Merkel gibt es jetzt auch als Barbie-Puppe - für 300 Euro. Das heißt, die Puppe kostet nur 20 Euro, aber richtig teuer werden die 40 Hosenanzüge." Dieser Witz über seine Chefin hing Vizekanzler Philipp Rösler (FDP) noch lange nach. Sein erster Bierzelt-Auftritt 2010 beim Gillamoos-Volksfest im bayerischen Abensberg schlug hohe Wellen. "Ich habe schon immer Witze über meine Chefs gemacht", sagte Rösler und versuchte, die Wogen zu glätten. Quelle: dpa
Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) nimmt sich die Roten vor: “Ein Sozialdemokrat benötigt einen Herzschrittmacher. Der Arzt fragt: "Einen roten oder einen schwarzen?" Der Patient: "Natürlich einen roten." Der Sozi geht nach der Operation zum Arzt: "Man sieht doch von außen gar nicht, ob rot oder schwarz. Was ist denn der Unterschied?" Der Arzt: "Der rote arbeitet nur 35 Stunden in der Woche."“ Quelle: dpa
Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) erzählt den seiner Ansicht nach „kürzesten und zugleich bittersten Witz von den/über die Ostdeutschen“: "Zwei Ossis treffen sich auf Arbeit." Quelle: dpa
FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle, zuletzt wegen seines „Herrenwitzes“ in den Schlagzeilen, macht jetzt einen Witz über die Kommunisten, den er einmal in der „London Times“ gelesen hat: „Warum operiert der KGB immer in Dreier-Teams? Einer kann lesen, einer kann schreiben, der dritte überwacht die beiden Intellektuellen.“ Quelle: dpa
Ex-Bundespräsident Walter Scheel (FDP) setzt sich mit dem höchsten Amt im Staat auseinander: „Der Bundespräsident besucht die Einweihung einer Irrenanstalt. Beim Gespräch mit den ersten Bewohnern wird er von einem Patienten gefragt: "Was sind Sie von Beruf?" Antwortet der Bundespräsident: "Ich bin Bundespräsident!" Sagt der Patient: "Sehen Sie, so hat es bei mir auch angefangen."“ Quelle: dpa
Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) hält es eher unpolitisch: „Eva fragt Adam: "Liebst Du mich?" Adam: "Wen sonst?"“ Dieser Witz scheint sich rumgesprochen zu haben bei den Liberalen: FDP-Staatsministerin Cornelia Pieper erzählt im Buch den gleichen. Quelle: dpa
Über welche Witze Politiker anderer Parteien lachen, haben die Herausgeber Hans Peter Brugger und Ralph Kappes in dem Buch „Die Lieblingswitze deutscher Politiker“ zusammengefasst, das der Münchner Riva-Verlag jetzt auf den Markt gebracht hat. Quelle: dpa

Nicht immer im Leben darf gelacht werden. Wann ist Humor tabu?

Wenn Menschen akut in Gefahr sind, wenn Leib und Leben bedroht sind, wollen sie keine Scherze hören. Wenn Sie in einem voll besetzten Kino einfach mal "Feuer" brüllen, ist das kein Humor. Das ist falsch. Sie landen zu Recht im Knast.

Ist Humor erlaubt, obwohl er Menschen verletzt? Etwa wenn Rassen oder Religionen durch den Kakao gezogen werden?

Humor sehe ich als Teil der Meinungsfreiheit. Es muss erlaubt sein, mit Humor auch die Gefühle von Menschen zu verletzen. Was passiert schon? Sterben Menschen? Bekommen Sie eine Krankheit? Nein, sie werden höchstens in ihren Gefühlen verletzt. Das Recht auf freie Rede ist ein hohes Gut. Es wird so hoch eingeschätzt, dass man in der Werbung sogar lügen darf. Da muss es auch erlaubt sein, mit Humor Menschen anzugreifen. Im "New Yorker" gehen wir dennoch recht vorsichtig mit den Gefühlen der Menschen um. Wir achten darauf, dass in den Cartoons keine Waffen vorkommen oder die Waffenlobby veralbert wird, wenn kurz davor eine Schießerei an einer Schule war.

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Gab es lustige Cartoons im "New Yorker" nach dem 11. September?

Nicht in der Ausgabe, die direkt danach kam. Die hatte einen schwarzen Titel und keinen Cartoon. Das gab es nur zwei Mal in der Geschichte des Blattes. Das erste Mal war 1947, als das gesamte Heft aus einer einzigen Story über die Tragödie von Hiroshima bestand.

Wie haben Sie nach den Terroranschlägen wieder die Kurve bekommen?

Es gab danach einen Cartoon, der die Opfer nicht verhöhnte: Ein Mann und eine Frau sitzen an der Bar. Er sagt zu ihr: "Ich dachte, ich würde nie wieder lachen können. Aber dann sah ich Ihre Jacke."

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