Chefetagen deutscher Großkonzerne 626 Männer, 37 Frauen

Für Vorstände börsennotierter deutscher Unternehmen gilt immer noch: Männer haben bessere Chancen. Doch die Konzerne arbeiten daran, überholte Denkmuster zu überwinden. An den Verhältnisse im Vorstand ändert das wenig.

Alt, deutsch, männlich
Wie eine aktuelle Studie des „Board Diversity Index“ des Centrums für Strategie und Höhere Führung zur Diversität in Aufsichtsräten zeigt, sind die Positionen der Kapitalseite auch zum Ende des Jahres 2014 beinahe zu 80 Prozent mit Männern besetzt. Es dominieren die Über-60-Jährigen (63 Prozent), die Vertreter mit deutschem Pass (72 Prozent) und wirtschaftswissenschaftlichem Studium (47 Prozent). Quelle: dpa
Platz 16: HenkelDer Konsumgüterhersteller Henkel hat sich besonders in der Kategorie Geschlechterquote verbessert. Neben den fünf Männern sitzen auch drei Frauen im Aufsichtsrat von Henkel. In den übrigen Kategorien sieht es etwas schlechter aus. Bedenklich ist die Position von Theo Siegert. Der Betriebswirt sitzt nämlich nicht nur bei Henkel im Aufsichtsrat. Auch bei der Deutschen Bank, Ergo, Merck KGaA, DKSH Holding, Merck KG und Eon muss er Aufsichtspflichten nachgehen. Ob das angesichts der Menge an Mandaten möglich ist, bleibt fraglich. GeschlechtNationalitätenAusbildungAltersklassenfünf Männer, drei FrauenDeutschland (sechs Mal)Wirtschaftswissenschaften (4,5 Mal)dreiSchweiz (ein Mal)Ingenieurswissenschaften (0,5 Mal)Frankreich (ein Mal)Naturwissenschaften (drei Mal) Quelle: dpa
Platz 17: AdidasDer Sportartikelhersteller aus Herzogenaurach kann außer in der Kategorie Altersklassen in keiner anderen wirklich überzeugen. Vor allem die Internationalität lässt zu Wünschen übrig. GeschlechtNationalitätenAusbildungAltersklassenvier Männer, zwei FrauenDeutschland (fünf Mal)Wirtschaftswissenschaften (vier Mal)vierFrankreich (ein Mal)Geisteswissenschaften (ein Mal)Sonstiges (ein Mal) Quelle: dpa
Platz 18: BASFBei BASF merkt die BDI-Studie die Altersstruktur des BASF-Aufsichtsrats kritisch an. Waren es 2013 noch drei Altersklassen, sitzen derzeit nur noch Mitglieder aus zwei Altersklassen im Aufsichtsrat des Chemiekonzerns. Diese sind zudem mit 50 bis 60 Jahren vergleichsweise alt. GeschlechtNationalitätenAusbildungAltersklassenvier Männer, zwei FrauenDeutschland (vier Mal)Wirtschaftswissenschaften (zwei Mal)zweiLuxemburg (ein Mal)Rechtswissenschaften (ein Mal)USA (ein Mal)Ingenieurswissenschaften (ein Mal)Naturwissenschaften (zwei Mal) Quelle: DAPD
Platz 19: MerckBei Merck mangelt es im Aufsichtsrat an Internationalität. Deutsche und Schweizer teilen sich die Mandate. Eine schwache Diversität gibt es auch hinsichtlich der Geschlechterquote. Neben sechs Männern beaufsichtigen lediglich zwei Frauen die Vorstandsentscheidungen bei Merck. GeschlechtNationalitätenAusbildungAltersklassensechs Männer, zwei FrauenDeutschland (7,5 Mal)Wirtschaftswissenschaften (drei Mal)dreiSchweiz (0,5 Mal)Naturwissenschaften (zwei Mal)Medizin/Psychologie (zwei Mal)Sonstiges (ein Mal) Quelle: dpa
Platz 20: RWEBeim deutschen Energiekonzern RWE dominieren die Männer den Aufsichtsrat. Zwischen neun Männern findet man nur eine Frau dort vor. Vorsitzender des Aufsichtsrat ist Manfred Schneider (links), der außerdem auch bei Linde Aufsichtsratsvorsitzender ist. GeschlechtNationalitätenAusbildungAltersklassenneun Männer, eine FrauDeutschland (neun Mal)Wirtschaftswissenschaften (2,5 Mal)dreiÖsterreich (ein Mal)Rechtswissenschaften (drei Mal)Ingenieurswissenschaften (2,5 Mal)Geisteswissenschaften (ein Mal)Sonstiges (ein Mal) Quelle: dpa
Platz 21: AllianzPositiv hervorgehoben werden kann bei der Allianz die breitgefächerte Altersstruktur im Aufsichtsrat. Der Versicherer deckt von 40- bis 60-Jährigen Mitgliedern drei Altersklassen ab. Bei der Ausbildung hingegen herrscht wenig Diversität. Es dominieren Wirtschaftswissenschaftler und Juristen. GeschlechtNationalitätenAusbildungAltersklassenvier Männer, zwei FrauenDeutschland (drei Mal)Wirtschaftswissenschaften (3,5 Mal)dreiDänemark (zwei Mal)Rechtswissenschaften (2,5 Mal)Irland (ein Mal) Quelle: dpa

Die Topetage der deutschen Wirtschaft ist immer noch eine Männerdomäne: Zwar saßen in den Vorständen der 30 Dax-Konzerne einer Studie zufolge Ende 2014 mehr Frauen als im Vorjahr. Doch insgesamt fiel die Bilanz von 160 börsennotierten Unternehmen negativ aus, wie aus der am Dienstag veröffentlichten Studie der Unternehmensberatung EY (Ernst & Young) hervorgeht.

Danach gab es nur 37 Frauen im Topmanagement der Firmen im Dax, MDax, SDax und TecDax, Ende des Vorjahres waren es noch 41. Dem stehen aktuell 626 männliche Vorstandsmitglieder gegenüber.

In den Ebenen darunter hat sich allerdings einiges getan: Immer mehr Konzerne gehen bei der Suche nach Frauen für Führungspositionen neue Wege. „Unser Ziel ist es, bis zum Jahresende 2015 30 Prozent der Führungspositionen mit Frauen zu besetzen“, sagte der Personalvorstand der Allianz Deutschland, Wolfgang Brezina, der Deutschen Presse-Agentur. Derzeit sind es rund 28 Prozent. Um mehr weibliche Talente zu entdecken, hat der größte deutsche Versicherer Auswahlprozesse verändert. Das Ziel war es, alte Denkmuster zu überwinden, die zu sehr auf männliche Führungskräfte ausgerichtet waren.

Welches Profil sollten potenzielle weibliche Aufsichtsratsmitglieder mitbringen?

Unter dem Begriff „Unconscious Bias“ (Unbewusste Vorurteile) wird das Phänomen seit einiger Zeit diskutiert. Wissenschaftler sehen in dem stereotypen Denken einen Grund dafür, dass bei der Suche nach Führungskräften oft Männern der Vorzug gegeben wird. Der Psychologe Matthias Spörrle, der die Allianz bei dem Projekt berät, nennt unter anderem eine tiefe Stimme oder die Körpergröße als Einflussfaktoren, die unbewusst in Personal-Entscheidungen einfließen.

Inzwischen hat die Allianz einen weitgehend standardisierten Fragenkatalog entwickelt, der als Leitfaden bei Einstellungsgesprächen helfen soll, stereotypes Denken zu vermeiden.

Auch der Konsumgüterhersteller Henkel hat nach eigenen Angaben verschiedene Instrumente entwickelt, um „Unconscious Bias“ bei Personalentscheidungen entgegenzuwirken. So würden in der Regel bei Stellenbesetzungen mehrere Interviews geführt und dabei gezielt unterschiedliche Gesprächspartner eingesetzt. Henkel hat den Anteil von Frauen in den Führungspositionen seit 2008 von gut 26 Prozent auf heute rund 32 Prozent gesteigert und strebt eine weitere Erhöhung an.

ThyssenKrupp will den Anteil verantwortlicher Managerinnen von 8,8 Prozent im vergangenen Jahr auf 15 Prozent bis 2020 steigern. Dazu gibt es unter anderem ein Mentoring-Programm für Frauen und Schulungen, bei denen Führungskräfte auf unterbewusste Vorbehalte aufmerksam gemacht werden.

Die Commerzbank setzt bei Auswahlverfahren für Führungspositionen unter anderem auf gemischt-geschlechtliche Beobachtergruppen. Weitere Maßnahmen zur Förderung von Frauen: Ausbau der Kinderbetreuung, zudem können sich Führungskräfte eine Stelle teilen. Die Bank will den Anteil von Frauen in verantwortlichen Positionen auf 30 Prozent steigern. Im Sommer 2014 lag er bei 27,8 Prozent konzernweit.

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Die Deutsche Telekom hatte als erster Dax-Konzern 2010 eine Frauenquote eingeführt und sich das Ziel gesetzt, bis Ende 2015 30 Prozent aller mittleren und oberen Führungspositionen mit Frauen zu besetzen (April 2014: 25 Prozent).

Bis in die oberste Etage schaffen es allerdings bisher nur wenige Managerinnen. Der EY-Studie zufolge stieg in den 30 Dax-Firmen die Zahl der Frauen im Vorstand bis Ende 2014 von 11 auf 14, das entspricht einem Anteil von sieben Prozent. Zugleich erhöhte sich der Anteil von Dax-Unternehmen mit mindestens einer Frau im Vorstand von 30 auf 40 Prozent.

EY-Expertin Ana-Christina Grohnert räumte ein, dass der Prozess, Frauen bessere Aufstiegschancen zu ermöglichen, nicht von heute auf morgen gelinge. Notwendig sei unter anderem eine nachhaltige Förderung weiblicher Nachwuchskräfte.

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