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Chefs à la Stromberg "Niemand gibt zu, Schleimer zu mögen"

Zum Kinostart erläutert Coach und Hochschuldozent Malcolm Schauf, wie viel Stromberg wirklich in deutschen Büros steckt und warum Menschen Schleimer mögen.

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Malcolm Schauf Quelle: Presse

WirtschaftsWoche: Herr Schauf, gibt es Strombergs in deutschen Chefetagen?

Schauf: Ja, klar. Strombergs gibt es in fast jeder Firma. Je höher sie es in der Hierarchie eines Unternehmens schaffen, umso mehr von ihrer Sorte gibt es dort.

Wie meinen Sie das?

Es gibt Unternehmen da gehören Mobbing und Intrigen zur Kultur. Der Chef lebt das vor und zieht sich kleine Strombergs heran. Sie merken, der Chef lacht, wenn sie Witze über Andere machen. Er lobt rücksichtslose Vorgesetzte, die vor allem austeilen. Am Ende steht vielleicht sogar eine Beförderung. Das merken sich die Mitarbeiter und passen sich an.

Aber ist so eine Unternehmenskultur nicht zum Scheitern verurteilt?

Nicht unbedingt. Dass dies immer so sein muss, ist ein Irrglaube von all den Gutmenschen. Es gibt wünschenswerte Unternehmenskulturen und es gibt die Realität. Ich kenne eine Unternehmensberatung, da arbeiten ausschließlich diese unsympathischen, karrierefixierten Menschen. Aber die kommen gut miteinander klar. Mit Blick auf den demografischen Wandel muss man aber schon sagen, dass langfristig die Unternehmen mit der Wohlfühlkultur besser an Fachkräfte kommen werden. Sie sind auch signifikant erfolgreicher, was im Umkehrschluss aber eben nicht heißt, dass ,,Stromberg-Kulturen" nicht auch erfolgreich sein können.

Woran sieht man das?

Naja, Stromberg ist ja so populär, weil die Menschen sich damit identifizieren. Jeder kennt solche Chefs oder Kollegen. Es gibt sie in den meisten Firmen. Und in der Realität sind sie vielleicht sogar noch schlimmer als im Film.

Noch schlimmer?

Ja. Mobbing läuft in Wirklichkeit zwar subtiler ab, aber ist deswegen ja nicht weniger gemein. Ganz im Gegenteil. Die Kollegen und Vorgesetzten lachen einem ins Gesicht und hinten rum lästern sie, sägen vielleicht sogar am Stuhl des Anderen. Da kann man sich nicht mal wehren.

Muss man also ein Ekel sein, um Karriere zu machen?

Man muss nicht. Aber man kann. Ob man sollte, ist eine andere Frage. Im „richtigen“ Unternehmen kann diese Ekel-Mentalität nützlich sein. In anderen Unternehmen möglicherweise hinderlich.

Welche Eigenschaften von Stromberg sind hilfreich, um aufzusteigen?

Seine Schlagfertigkeit. Die fehlt den meisten.

Ein neues Verhältnis zu Kolleginnen

Strombergs fieseste Sprüche
Im "Stromberg"-Kinofilm bricht die ganze Belegschaft zu einer gemeinsamen Firmenfeier nach Botzenburg auf. Wie könnte es anders sein mit Bernd Stromberg (gespielt von Christoph Maria Herbst) als Anführer: "Firmenfeiern sind wie das letzte Abendmahl. Immer zu wenig Weiber, das Essen ist schlecht und am Ende gibt's Ärger". Der hat kurz vorher erfahren, dass die Konzernführung plant, die Versicherung dicht zu machen. Quelle: dpa
Nun versucht jeder sich in eine möglichst gute Position zu bringen, denn es droht die Arbeitslosigkeit, wenn der Sprung in die Zentrale nicht vor dem Aus des Unternehmens gelingt. Stromberg setzt alles daran, die Führungsriege von seinen Qualitäten zu überzeugen. „Probleme sind wie Brüste“, weiß Stromberg. „Wenn man die anfasst, macht's doch erst am meisten Spaß.“ Gefahr droht von Berthold „Ernie“ Heisterkamp, der sich durch ein Karriere-Coaching vom „Akten-Mongo“ zum Bürostreber entwickelt hat. Quelle: dpa
Mit allen Mitteln versucht Stromberg, die obere Chefetage für sich zu gewinnen - das kann er am besten mit falschen Versprechungen und alkoholgetränkten Überredungskünsten: "Ich bin ja quasi die perfekte Mischung aus jung, aber sehr erfahren. Gibt's in der Form ja sonst nur auf dem Straßenstrich." Quelle: dpa
"Büro ist wie Achterbahn fahren, ein ständiges Auf und Ab. Wenn man das acht Stunden machen muss, täglich, dann kotzt man irgendwann." 25 Jahre hat Stromberg durchgehalten und es dabei auch geschafft, dass ihn niemand kennt und die, die ihn kennen, meiden den Kontakt mit ihm - ein Spruch der allerersten Folge. Quelle: obs
"Die Moslems sind die neuen Homosexuellen! Wo man damals immer gesagt hat: Ekelhaft, bleib mir vom Leib - nee! Heute weiß man - wissenschaftlich -, dass die praktisch ganz normal sind. Nur eben anders." Quelle: dpa
Das erklärte Ziel von Stromberg und kein bisschen größenwahnsinnig: "Ich mach's wie der liebe Gott. Der lässt sich auch nicht so oft blicken und hat trotzdem ein gutes Image." Quelle: dpa
"Ich bin für klare Hierarchien. Gott hat ja auch nicht zu Moses gesagt: 'Hier Moses, ich hab da mal was aufgeschrieben, was mir nicht so gut gefällt. Falls du Lust hast, schau doch da mal drüber.' Nein, da hieß es: Zack, zehn Gebote! Und wer nicht pariert, kommt in die Hölle. Bums, aus, Nikolaus." Am Ende kann es sicher nur einen Gewinner geben, Stromberg. Aber der muss sich entscheiden: Will er den Sensenmann spielen, der gut gelaunt seinen Leuten die Kündigung beibringt - oder will er selbst das Büro räumen? Quelle: dpa

Aber Strombergs Sprüche sind doch oft ziemlich flach.

Das macht nichts. Ich habe bislang nur in wenigen Unternehmen wirklich niveauvolles Miteinander erlebt. Authentische Wertschätzung und respektvoller Umgang sind in deutschen Unternehmen oft noch Mangelware.

Vor allem sexistische Sprüche sind bei Stromberg ja an der Tagesordnung. Kommt so etwas in den von Männern dominierten Chefetagen heute noch an?

Diese Art von Witzen nimmt ab. Das ist mit Sicherheit auch eine Generationenfrage.

Die fiesesten Mobbing-Attacken
Laut einer TNS Emnid-Studie ist jeder sechste Deutsche (15 Prozent) selbst einmal Opfer von Mobbing am Arbeitsplatz geworden. Doch nicht jede Lästerei gilt als Mobbing. Die Gewerkschaft verdi definiert Mobbing als "fortgesetzte, aufeinander aufbauende oder ineinander übergreifende, der Anfeindung, Schikane oder Diskriminierung dienende Verhaltensweisen, die in ihrer Gesamtheit das allgemeine Persönlichkeitsrecht oder andere ebenso geschützte Rechte, wie die Ehre oder die Gesundheit des Betroffenen verletzen." Dazu gehören Angriffe auf die Möglichkeit, sich zu äußern, Angriffe auf die sozialen Beziehungen, Angriffe auf das soziale Ansehen, Angriffe auf die Qualität der Berufs- und Lebenssituation sowie Angriffe auf die Gesundheit. Meistens entwickelt sich Mobbing jedoch langsam und steigert sich... Quelle: Fotolia
Der Karrierecoach Martin Wehrle hat sich näher mit dem Thema Mobbing und den einzelnen Stufen befasst. Meistens beginnt es mit einfachem Lästern über einen Kollegen oder eine Kollegin. Auf einmal wird alles, was an dem Betroffenen anders ist, durch den Kakao gezogen und jede Kleinigkeit wird zu einer Riesenmarotte aufgeblasen. Man spricht nicht mehr mit dem Kollegen, sondern über ihn. Quelle: Fotolia
Die nächste Stufe ist, nicht mehr nur über die Eigenarten des Kollegen zu tuscheln, sondern ihn damit zu verspotten. Seinen Gang oder seine Sprechweise zu imitieren, ihm verletzende Spitznamen zu geben oder offen über ihn zu lachen. Quelle: Fotolia
Viele Mobber suchen bei ihren Opfer nach winzigen Fehlern und überschütten sie dann mit völlig überzogener Kritik. Wer ständig vor allen anderen gesagt bekommt, dass die eigene Arbeit nichts taugt und ihm ständig Fehler unterlaufen, der wird unsicher - und macht Fehler. Quelle: Fotolia
Der nächste Schritt ist dann oft, den Kollegen beim Chef anzuschwärzen, weil er angeblich nur Fehler macht und dann auch noch zu langsam arbeitet. So sorgen die Mobber dafür, dass der Betroffene auch noch bei den Führungskräften einen schlechten Stand hat. Quelle: Fotolia
Spricht das Mobbingopfer die Kollegen direkt an, wird es nicht selten für verrückt erklärt. Der Kollege sei bloß überempfindlich, verstehe keinen Spaß oder habe offensichtlich psychische Probleme. Quelle: Fotolia
Experten beobachten außerdem, dass der Ton immer schärfer wird, je länger das Mobbing andauert. Nicht selten kommt es vor, dass der betroffene Kollegen angeschrien wird. Quelle: Fotolia

Was meinen Sie damit?

Ich mache als Managementtrainer auch Vertriebsschulungen und dann kommen ältere Vertriebler, die früher hervorragende Zahlen erzielt haben, es jetzt aber nicht mehr bringen. Dann kommt raus: Die haben sich damals nur mit dem Einkäufer verbrüdert, ein paar sexistische Sprüche gerissen und das hat gereicht. Das klappt nicht mehr. Selbst in männerdominierten Branchen – wie dem Maschinenbau – sind solche Verhaltensweisen auf dem Rückzug. Junge Männer können darüber nur noch den Kopf schütteln. Sie haben ein anderes Verhältnis zu den Kolleginnen.

Stromberg tritt nach unten und buckelt nach oben. Ist diese Taktik des Einschleimens der richtige Weg für berufliches Fortkommen?

Das kann man nicht pauschal sagen. Das kommt auf den Vorgesetzten an.

In Arbeit
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Die meisten Chefs betonen, sie könnten Schleimer nicht ausstehen.

Das ist ein Mythos. Niemand gibt zu, Schleimer zu mögen, weil es nicht sozial opportun ist. Dabei möchte jeder Mensch gelobt und bewundert werden. Wer das verneint, ist nicht ehrlich zu sich selbst.

Also funktioniert Strombergs Methode, den Vorgesetzten nach dem Mund zu reden?

Positive Wertschätzung ist eine entscheidende Karriereregel. Wichtig dabei ist, die Anerkennung muss glaubwürdig rüberkommen. Sie können ihr Lob heucheln, es darf nur nicht auffallen. Das funktioniert bei Stromberg meistens nicht besonders. Er übertreibt. Sein Gegenüber merkt, dass er sich einschleimen und so manipulieren will.

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