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Christoph Bamberger „Manager sind gesünder als der Durchschnitt“

Chronischer Stress, wenig Schlaf: Gerade bei erfolgreichen Menschen gibt es oft die Angst vor einem Burnout. Quelle: dpa

C&A-Chef Alain Caparros ist nach einem Herzinfarkt kürzlich von seinem Posten zurücktreten. Der Arzt und Autor Christoph Bamberger über die medizinischen Sorgen der Wirtschaftselite – und wie man sie behandelt.

WirtschaftsWoche: Herr Bamberger, Top-Manager Alain Caparros erlitt im vergangenen Winter einen Herzinfarkt. Diese Erfahrung habe ihn dazu gebracht, sein Leben grundsätzlich zu überdenken. Wie oft erleben Sie solche Fälle in Ihrer Klinik?
Christoph Bamberger: So etwas sehen wir tatsächlich recht häufig. Viele Menschen beginnen erst über ihr Leben, oder konkreter: über ihre Gesundheit nachzudenken, wenn entweder sie selbst oder jemand in ihrer näheren Umgebung von einem ernsteren gesundheitlichen Problem betroffen sind - die berühmten näher kommenden Einschläge. Bis dahin ist Prävention für viele Menschen eher theoretischer Natur, etwas, das immer wieder aufgeschoben wird.

Ist ein Infarkt oder eine ähnlich schwere Erkrankung nicht zu spät als Warnschuss, um sein Leben umzustellen?
Viele Infarkte enden leider nach wie vor tödlich, sind also kein Warnschuss. Wer Glück hat und so ein Ereignis überlebt, für den ist es keineswegs zu spät. Es geht dann darum, das erneute Auftreten eines solchen Ereignisses zu verhindern, was fast immer möglich ist. Man spricht auch von einer so genannten Tertiärprävention.

Achten deutsche Manager genug auf ihre Gesundheit?
Deutsche Firmen nehmen die Gesundheit ihrer Führungskräfte heute wichtiger. In den USA war es schon immer normal, darauf zu achten. Die Unternehmen wissen, dass ihre Top-Manager zum Teil extremen Belastungen ausgesetzt sind. Sie dabei gesund zu halten, ist entscheidend, weil es zwar möglich ist, sie zu ersetzen, aber das auch sehr teuer werden kann.

Zur Person

Das ist die Perspektive der Arbeitgeber. Wie steht es um die Einsicht der Manager selbst?
Auch da gibt es einen Wandel. Früher betrachtete man den Körper gerne als Blackbox, als etwas, das zu funktionieren hat, aber von dem man nicht wissen wollte, wie es funktioniert. Heute wollen die Menschen über sich Bescheid wissen. Umfassende Gesundheitschecks, wie wir sie anbieten, werden deshalb von den Firmen als Incentives angeboten. Das ist für viele Führungskräfte ein wichtigerer Faktor als ein Dienstwagen.

Sie arbeiten seit 2006 mit Unternehmen und ihren Managern. Wie haben sich die gesundheitlichen Probleme der Manager seither geändert?
Als wir anfingen, hörte ich öfter Sätze wie „Machen sich mich doch ein bisschen jünger“. Dieser Jugendwahn hat sich aber gelegt, auch weil Unternehmen mittlerweile klarer ist, was sie an ihren erfahrenen Mitarbeitern haben. Was heute die größte Sorge ist, ist die Angst der Menschen vor einer Krankheit, die sie unerwartet aus dem Leben reißt.

Alain Caparros war bis Mitte 2017 Chef des Lebensmittelriesen Rewe, danach leitete er das Europa-Geschäft von C&A. Ein Herzinfarkt im vergangenen Winter zwang ihn dazu, seinen Posten zu räumen. Quelle: dpa

Was genau meinen Sie damit?
Gerade bei erfolgreichen Menschen gibt es oft die Angst vor einem Burnout. Dazu kommen natürlich auch Befürchtungen vor einer schwereren Erkrankung wie Krebs. Einige haben auch die Sorge, ein Aneurysma zu haben, also ein erweitertes Blutgefäß, das gefährlich werden kann, wenn es im Gehirn auftritt.

Wie genau gehen Sie vor, um diese Vermutungen aufzuklären?
Je nach gewählter Vorsorgeuntersuchung testen wir den gesamten Körper der Patienten. Das fängt an beim Feststellen von Vitamin- und Hormonstatus. Zum Beispiel kann ein Mangel an Vitamin B12 dazu führen, dass man abgeschlagen ist. Wir prüfen die Halsarterien auf Ablagerungen, die auf Schlaganfälle oder Infarkte hindeuten könnten. Wir durchleuchten Kopf und Lunge mit Magnetresonanztomografen, um Auffälligkeiten zu erkennen.

„Am meisten unter Druck stehen die mittelständischen Gründer und Unternehmer“

Das heißt, Sie kennen die Körper deutscher Manager so gut wie kaum jemand sonst. Gibt es etwas, alle gemeinsam haben?
Deutsche Manager sind heute gesünder als der Durchschnitt der Bevölkerung. Sie sind oft sportlich aktiv, ernähren sich gesund. Das Klischee vom dicken Manager mit Zigarre in der Hand ist Geschichte.

Deutsche Führungskräfte sind so wie fit nie?
Sie haben durchaus Probleme, aber die fangen dort an, wo sie über chronischen Stress klagen oder über zunehmende Abgeschlagenheit bis hin zum Burnout. Das ist zum Teil auch firmenspezifisch und strukturell bedingt. In manchen Unternehmen sehen wir häufiger gestresste Leute als in anderen.

Nimmt diese mentale Belastung mit wachsender Hierarchie zu?
Die oberste Führungsschicht ist meistens etwas weniger gestresst als die Leute in den Sandwich-Positionen im mittleren Management. Dort wird man von oben und von unten unter Druck gesetzt und hat wenig Raum, darauf zu reagieren. In den oberen Schichten hat man wenigstens noch genug Autonomie, um seine Situation selbst zu verbessern. Am meisten unter Druck stehen aber die mittelständischen Gründer und Unternehmer. Anders als bei angestellten Managern hängt ihre gesamte Existenz vom Wohl ihres Unternehmens ab.

Was sind die Motivationen, mit denen Menschen zu Ihnen kommen?
Die meisten kommen aus eigenem Antrieb, aber es braucht dafür schon einen besonderen Anlass. Ganz selten sind die Leute bei bester Gesundheit, wenn sie hier hinkommen. Es kann zum Beispiel sein, dass man in einer bestimmten Situation das Gefühl hat, nicht mehr so fit zu sein wie früher oder dass man eine anstrengende Woche im Büro nicht mehr ganz so gut wegsteckt. Eine weitere Motivation ist es, wenn im näheren Umfeld bei Kollegen oder Freunden eine schwere Krankheit festgestellt wird.

Ist das auch eine Frage des Alters?
Teilweise. Mit 30 haben viele noch das Gefühl, unsterblich zu sein. Das ändert sich ab 40 allmählich. Grundsätzlich muss man aber sagen, dass das gefühlte Alter der meisten Menschen heute jünger ist als früher. Immanuel Kant wurde im Alter von 50 Jahren als ehrwürdiger Greis empfangen, heute sieht man sich mit 50 nicht mehr als alt. Das ist nicht nur rein körperlich bedingt, sondern hat viel mit Mentalität zu tun. Die Leute gehen selbstverständlich auch in dem Alter mit Jeans und T-Shirt ins Büro und machen in ihrer Freizeit Aktivurlaube. Das ist kein Jugendwahn, sondern zu begrüßen. Es wird erst kritisch, wenn man anfängt, äußerliche Zeichen des Alterns an sich nicht zu akzeptieren.

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