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Corona-Lockdown „In manchen Büros ist anscheinend alles erlaubt“

Die Büros sind hell erleuchtet: Obwohl Homeoffice technisch möglich wäre, verlangen viele Unternehmen trotz Corona die Anwesenheit ihrer Mitarbeiter. Quelle: dpa

Bis Ende Januar bleibt Deutschland im Lockdown. Das öffentliche Leben steht still – nur Büros sind nicht geschlossen. Ein Unding, findet die Grünen-Politikerin Laura Sophie Dornheim. Sie fordert: Macht Büros zu!

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Frau Dornheim, der Lockdown wurde gerade um drei Wochen verlängert, die Menschen in Deutschland sollen ihre Kontakte nochmals reduzieren. Sie fordern jetzt auf Twitter: Macht Büros zu! Warum? Sind die Büros nicht schon längst verwaist?
Laura Sophie Dornheim: Schön wär’s. Wenn ich mit dem Rad durch Berlin fahre, sehe ich durch Fensterscheiben von Büros manchmal Dutzende von Menschen dort zusammensitzen. Das macht mich wütend. Als Privatperson darf ich mich nur noch mit einer anderen Person zum Spazierengehen treffen. Restaurants, Kulturbetriebe, Friseure – alles ist zu und die Menschen, die sonst dort tätig sind, können jetzt nicht arbeiten. Auch Schulen und Kitas bleiben geschlossen. Aber in manchen Büros ist anscheinend noch alles erlaubt. Was ist das für eine Prioritätensetzung?

Die Bundeskanzlerin hat ja gestern an Arbeitgeber appelliert, Homeoffice möglich zu machen.
Das reicht nicht. Wenn ein Restaurant trotz des Verbots Gäste bewirtet, steht darauf zum Beispiel in Berlin ein Bußgeld von bis zu 10.000 Euro. Wenn in einem Büro zehn Leute im Konferenzraum zusammensitzen, passiert nichts. Arbeitgeber können weiterhin ohne jegliche Notwendigkeit Mitarbeiter zur Präsenzarbeit zwingen. Ich arbeite seit März komplett im Homeoffice, war seit Monaten nicht mit Freunden essen und bespaße nebenbei mein Kind. Da komme ich mir verschaukelt vor.

Sie haben durch Ihren Twitteraufruf negative und positive Beispiele gesammelt und letztere veröffentlicht. Das zeigt doch, dass es absolut vorbildliche Arbeitgeber in der Pandemie gibt.
Ich bin auch überwältigt, wie viele positive Berichte ich erhalten habe. Das zeigt, dass viele Unternehmen erkannt haben, dass ein verantwortungsvoller Kurs nicht nur wegen des Infektionsschutzes wichtig ist, sondern Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch zufriedener, gesünder und loyaler macht.

Quelle: PR

Aber auch unter den vorbildlichen Unternehmen sind nicht so viele, die zum Beispiel explizit Eltern in der jetzigen Situation unterstützen – obwohl für viele nun wieder der Spagat zwischen Homeoffice und Homeschooling ansteht. Wie können Arbeitgeber besser darauf eingehen?
Da ist noch viel Luft nach oben. Das fängt an mit flexiblen Arbeitszeiten. Andere ermöglichen es, unkompliziert Stunden zu reduzieren. Manche Unternehmen stellen Laptops für Homeschooling zur Verfügung. Ein Unternehmen hat die Kantine zum Lieferservice umgebaut und Mitarbeiter mitsamt Familien mit Essen versorgt.

Was wären Ihre Vorschläge, wie Unternehmen Mitarbeiter mit Kindern unterstützen können?
Flexible Arbeitszeiten, bezahlte Arbeitszeitreduzierung und die Erwartungshaltung an die Situation anpassen. Druck rausnehmen ist das allerwichtigste. Ich finde aber auch: Büros zumachen, wo immer es möglich ist, bedeutet eben auch, dass Kinder nicht in die Notbetreuung gehen und auch nicht etwa die Großeltern einspringen müssen. Um die Infektionszahlen zu senken, ist das jetzt notwendig. Die Regelung im Dezember hat es Arbeitgebern jedenfalls zu einfach gemacht. Da blieb die Verantwortung bei den Eltern, ob sie ihre Kinder in Schule oder Kita schicken, und die Arbeitgeber konnten argumentieren: Betreuung ist ja möglich, also bitte zur Arbeit kommen.

Und welche Horrorstorys hat Ihr Twitteraufruf ans Licht gebracht?
Es gab leider auch davon richtig viele. Der Klassiker: Anachronistische Chefinnen oder Chefs, die auf Präsenzarbeit bestehen und Homeoffice für Urlaub halten. Manche Mitarbeiter müssen für einen einzigen Tag Homeoffice schriftlich darlegen, was genau sie zu Hause erledigen werden. Mir wurden Absurditäten geschildert, wo Vorgesetzte auf Präsenz bestehen, weil neue Büroräume bezogen wurden und jetzt gefälligst genutzt werden sollen. Ein Süßigkeitenhersteller hat sämtliche Mitarbeiter, auch im Büro, für systemrelevant erklärt, weil man ja Lebensmittel herstelle. Manche Verantwortliche verharmlosen die Infektionsgefahr und wenn sich jemand angesteckt hat, behaupten sie, das könne ja auch woanders passiert sein. Was ich auch bemerkenswert fand: Eine Schwangere muss jeden Tag ins Büro einer Konzertagentur – obwohl es ja momentan überhaupt keine Konzerte gibt.

Wehren sich die Betroffenen nicht dagegen?
Viele wissen nicht, wie. Rein rechtlich haben Unternehmen zwar eine Fürsorgepflicht. Und wenn es keinen ausreichenden Infektionsschutz gibt, darf man sich weigern ins Büro zu kommen. Aber solange das jeder einzelne Mitarbeiter beweisen und den Konflikt durchstehen muss, bringt das alles wenig. Ein Mann schrieb mir, er habe das Gespräch gesucht und sei daraufhin von seinem Vorgesetzten als Hypochonder beschimpft worden.

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Was passiert mit Ihrer Negativliste?
Ich kann sie leider nicht veröffentlichen, weil ich nicht die Zeit habe, die Absender zu schützen und mich mit Hausjuristen beleidigter Unternehmen herumzuschlagen. Ich stelle sie aber Journalistinnen und Journalisten zur Recherche zur Verfügung. Und ich hoffe, dass die bloße Existenz der Liste genug Druck erzeugt, damit die einen oder anderen Unternehmensführungen noch mal nachdenken.

Welche politischen Maßnahmen braucht es, wenn der neuerliche Appell zum Homeoffice nichts bringt?
Erstens finde ich, dass es keine politische Strategie ist, in einer Pandemie auf Eigenverantwortung zu setzen. Ab dem Inzidenzwert 50 sollte es meiner Meinung nach eine Homeofficepflicht geben. Und es sollte eine Beweisumkehr geben, dass also Unternehmen beweisen müssen, dass Homeoffice nicht möglich ist. Wichtig wäre auch die klare Ansage, dass Mitarbeiter Kündigungsschutz und Lohnfortzahlung erhalten, wenn ihr Arbeitgeber ihnen die Arbeit von zu Hause verweigert und sie dennoch nicht ins Büro gehen.

In Regionen mit einer hohen Inzidenz von 200 Infektionen auf 100.000 Einwohner wird der Bewegungsradius der Bewohner auf 15 Kilometer eingeschränkt. Ausnahme: Wenn sie zur Arbeit müssen. Halten Sie das für vernünftig?
Diese neue Regelung macht mich einfach nur wütend. Das Privatleben wird weiter eingeschränkt, nur für Arbeit – egal welche – ist alles erlaubt. Natürlich muss Pflegepersonal zur Arbeit kommen können. Aber für reine Bürojobs Pendelei zu erlauben, oft in vollen Bussen und Bahnen, kann doch epidemiologisch nicht vernünftig sein. Es ist ein Schlag ins Gesicht für alle die, die wirklich seit Monaten alle Kontakte reduzieren.

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