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Cyber Boss
Ein Arbeiter überprüft die Körpertemperatur von Flugpassagieren am Flughafen von Singapur. Quelle: dpa

Selbst die schlimmste Krise hat Gewinner

Das Coronavirus erschüttert den Dax und weltweite Wirtschaftsprognosen. Es könnte auch unsere Arbeitswelt für immer verändern – und zwar zum Besseren.

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Noch nie habe ich Heathrow so leer gesehen wie vor ein paar Tagen: Im Flieger von London nach Köln saßen gerade zehn Passagiere. Auch anderswo erlebe ich außergewöhnliche Szenen: Im Restaurant packt ein Gast sein eigenes Geschirr aus. In der Oper bestellt ein Herr im Smoking ein Glas Champagner; er trägt Mundschutz. Egal, wo ich hinkomme, der Smalltalk dreht sich nicht ums Wetter, sondern um Viren. Alle reden von geplatzten Veranstaltungen: dem Mobile World Congress in Barcelona, Facebooks F8-Entwicklerkonferenz in San Jose, der Internationalen Tourismus-Börse in Berlin.

Die Sorge wächst. Nicht nur um die eigene Gesundheit, sondern auch um unseren Wohlstand: 34 Prozent der nordamerikanischen Unternehmen aus der fertigenden Industrie gehen davon aus, dass ihr Geschäft durch den Corona-Schock zurückgehen wird. Ein Fünftel der befragten Unternehmen verfügt über Produktionsstätten in China.

Doch das Virus bringt nicht nur Krankheit und Produktionsausfälle, es bringt auch Chancen. Denn während manche Branchen wie Tourismus und Industrie massive Einbußen erleben, boomen andere; vor allem Anbieter von künstlicher Intelligenz (KI), deren Technik helfen kann, die Verbreitung des Virus' zu stoppen oder Erkrankte zu behandeln. SenseTime und andere in China ansässige KI-Firmen beispielsweise jubeln, dass ihre Gesichtserkennungssoftware sich noch nie so gut verkauft habe. Personen mit erhöhter Körpertemperatur lassen sich mithilfe von Wärmebildern in der Öffentlichkeit ausmachen. Menschen, die keine Masken tragen, obwohl sie dies tun müssen, werden von kleinen Kameras erkannt. Die in Peking sitzende Firma Hanwang Technology hat eine Software entwickelt, die Menschen trotz Gesichtsmaske identifizieren kann, und benachrichtigt die Polizei, wenn Personen keinen Schutz tragen. Auch Moskau nutzt die Gesichtserkennung, um sicherzustellen, dass mit Coronavirus infizierte Personen (momentan geht es um 2500 Menschen) weiterhin unter Quarantäne stehen.

Schneller als Ärzte kann ein vom chinesischen Technologiekonzern Alibaba entwickeltes KI-gestütztes Diagnosesystem Coronavirus-Infektionen erkennen. Der Algorithmus wurde anhand von Daten aus mehr als 5000 bestätigten Fällen von Covid-19 trainiert. In Tests konnte die KI zwischen Computertomographie-Scans von Menschen mit Coronavirus und solchen mit viraler Pneumonie mit einer Genauigkeit von 96 Prozent unterscheiden. Das System wird bereits im Qiboshan-Krankenhaus in Zhengzhou, Provinz Henan, eingesetzt. In Kürze soll es in weiteren Hunderten Krankenhäusern in ganz China eingeführt werden.

Ausgerechnet China, wo SARS-CoV-2 seinen Ursprung genommen hat, profitiert, weil dort die meisten und am weitesten entwickelten KI-Unternehmen sitzen. Die SARS-Krise im Jahr 2002, bei der in China Tausende Menschen infiziert waren und Hunderte starben, gilt weithin als Startpunkt der chinesischen E-Commerce-Industrie. Ähnlich könnte auch das aktuelle Coronavirus ein Katalysator für die chinesische KI-Industrie werden.

Doch KI zeigt auch jetzt wieder ihre Schattenseite: Das Coronavirus ist laut Weltgesundheitsorganisation die „erste echte Social-Media-Infodemie“. Algorithmen, die darauf ausgelegt sind, schockierende Nachrichten, Videos und Fotos zu verbreiten, sorgen für Verwirrung und schaffen somit ein Umfeld erhöhter Unsicherheit, das Ängste und auch Misstrauen untereinander schürt.

Deswegen greifen manche Länder bereits zu ungewöhnlichen Schritten. So wurde in China ein Computerspiel namens Plague Inc verboten, bei dem es darum geht, ein tödliches Virus virtuell auf der ganzen Welt zu verbreiten. Eine gute Maßnahme, ist doch solch ein Spiel dem bitteren Ernst der Situation nicht angemessen und befeuert zudem latent schwelende Verschwörungstheorien.

Und trotzdem erweisen sich digitale Tools in diesen Zeiten als Segen: „Was machen eigentlich die ganzen Anwesenheitsfetischisten, wenn jetzt viele Unternehmen weitläufig Homeoffice verordnen – und plötzlich klar wird, dass die Läden gar nicht auseinanderfliegen?!“, fragt ein Psychologe auf Twitter.

Schafft Corona womöglich, was nüchterne Argumente allein nicht zu erreichen vermochten: Akzeptanz für eine Arbeitskultur, die den Mitarbeitern mehr Freiräume gibt und zugleich Produktivität wie Zufriedenheit in den Unternehmen erhöht? Covid-19 könnte einen Impuls für neue Formen des Arbeitens geben: Die Google Cloud Next Konferenz etwa wurde nicht einfach abgesagt; sie findet virtuell statt. Zoom, die amerikanische Videokonferenzfirma, hat in diesem Jahr pro Monat schon 2,22 Millionen aktive User gewonnen, verglichen mit 1,99 Millionen im gesamten Jahr 2019. Die Zoom-Aktie stieg im Februar um 40 Prozent, so stark wie nie zuvor. Auch der Göppinger Anbieter von Fernwartungssoftware Teamviewer erlebt eine Art Corona-Boom. Google und Microsoft nutzten die Gunst der Stunde und verschenken für kurze Zeit ihre Konferenz-Tools – offenbar in der Hoffnung, dass sich die Menschen an diese Form der Zusammenarbeit gewöhnen und sie auch in gesunden Zeiten nutzen.

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