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Das gute Leben Lest Philosophen statt Managementratgeber

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Michel de Montaigne oder Von der Menschlichkeit

Die Gewissheit, dass die Welt uns auf halbem Weg entgegenkommt, hat Michel de Montaigne (1533 – 1592) verloren. Dem französischen Land-Edelmann und königstreuen Katholiken, der Zeuge der religiösen Bürgerkriege wird, die Frankreich im 16. Jahrhundert erschüttern, fällt es schwer, eine sinnvolle Ordnung in der Welt zu erkennen.

Nach dreizehnjähriger Amtszeit als Bürgermeister von Bordeaux zieht er sich mit 38 Jahren in den Turm seines Landguts im Périgord zurück, liest mit Sympathie Seneca, lästert über Cicero und schreibt seine „Essais“, existentielle Selbstversuche über das „Nichtstun“, über die „Einsamkeit“ oder über den „Dünkel“, dessen Versuchungen er mit dem Bekenntnis zu seiner „Durchschnittlichkeit“ pariert: „Meine Werke gefallen mir eigentlich nie recht.“

Sie haben vor allem ein Thema: Montaigne und wie er die Welt sieht – misstrauisch gegenüber den Anmaßungen des Wissens, selbstironisch, hemmungslos aufrichtig und entschieden subjektiv: „Ich wage es nicht nur, von mir zu sprechen, ich wage es, nur von mir zu sprechen.“ Ein selbstbewusstes, im besten Sinne egozentrisches Projekt, das den Autor Wort für Wort unterwegs zeigt im Denken.

Der Skeptiker Montaigne vertritt keine Lehrmeinungen, sondern den gesunden Menschenverstand, er bietet keine abstrakten Regeln, sondern konkrete Erfahrungen, er doziert nicht, sondern erzählt, auch von peinlichen Dingen, etwa den Schwierigkeiten beim Stuhlgang oder den Tücken des Geschlechtsverkehrs. „Jeder Mensch“, weiß Montaigne, „trägt die ganze Gestalt des Menschseins in sich.“ Ein Befund, den er als Lizenz zur Selbstentblößung versteht. Also stellt er sich selbst aus, in beiläufigen Beobachtungen und kreisenden, scheinbar ziellos abschweifenden, meditativen Suchbewegungen, deren magnetische Mitte eben der Mensch Montaigne ist in seinen Widersprüchen, seinen Schwächen, seinen Unzulänglichkeiten, in den physischen wie metaphysischen Irrungen und Wirrungen seiner Existenz.

Dieses höchst fragile, launische Selbst, dessen Stimmungen buchstäblich mit dem Mageninhalt wechseln, wird für Montaigne zum rettenden Anker in einer haltlosen Welt. Ihm verdankt er seinen Nachruhm als Autor. Durch den Mut zur existenziellen Nacktheit wurde er zum Stellvertreter, ja zum Zeitgenossen von Generationen von Lesern. Seine unerschrockenen Ich-Bohrungen bescheren uns bis heute ein heiteres, manchmal auch unheimliches Wiedererkennen.

Ein Philosoph? Mehr noch: Ein philosophierender Schriftsteller, der wusste, dass eine Philosophie, die kein totes Bücherwissen produzieren will, sich der Lebenswirklichkeit und den Lebensfragen der Menschen zuwenden muss.

Michel de Montaigne: Essais, Reclam, 9,80 Euro

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