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Datenbasierte Führung
Blockchain-Informationen in Echtzeit werden den klassischen Controller überflüssig machen. Quelle: imago images

Controlling war gestern. Blockchain ist jetzt.

Controlling soll im Geschäftsalltag für Sicherheit und Vertrauen sorgen. Bis jetzt war das Wissen dahinter häufig exklusiv, und nicht selten wurden die Ergebnisse im Nachhinein passend gemacht. Die Blockchain ändert das.

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„Controlling“ – kaum ein Begriff schillert mächtiger durch die deutsche Wirtschaftswelt. Es sammelt Zahlen und Fakten zu allen betrieblichen Belangen; es umfasst Planung, Koordination und Kontrolle einer Firma; es ist die Basis fast aller operativen und strategischen Entscheidungen in Unternehmen. Kurz: Controlling ist die sprachliche Verkörperung des legendären kühl kalkulierenden Managementgeistes.

Noch kürzer: Controlling ist Legende. Denn dieser seit einem halben Jahrhundert in Deutschland eifrig verwendete Begriff gaukelt nicht nur eine englische Herkunft vor – in Wahrheit gibt es das Wort im Englischen genauso wenig wie das Wort Handy –, sondern täuscht auch eine faktenbasierte Nüchternheit vor, die sie im seltensten Fall wirklich hat.

Sicher, meist verfolgen Controller die redliche Absicht, Intransparenz zu reduzieren und eine Entscheidungsunterstützung zu liefern. Doch im Geschäftsalltag greifen viele Top-Manager lieber auf ihr langjähriges Erfahrungswissen zurück und nutzen ihr persönliches Netzwerk als fachliches Korrektiv, bevor sie selbstbewusst zum Big Deal schreiten. Mit den „Ergebnissen“ des Controllings sichern sie die bereits getroffenen Entscheidungen erst im Nachhinein gegenüber Dritten ab.

Zahlreiche Vorstandsassistenten, Investor-Relations- oder eben Controlling-Teams und andere – nicht fürs Kerngeschäft wertstiftende – Ressourcen sind damit beschäftigt, eine vermeintlich nüchterne, sachliche und faktenbasierte Geschichte zu schreiben, die intuitiv getroffene Entscheidungen hinterher rechtfertigt oder mitunter sogar glorifiziert. So manche Aufsichtsratsunterlage ist eher eine Business Novel als ein Fact Sheet. Die Kontrollfunktion im Aufsichtsrat? Heikel. Unabhängige Informationen und Objektivität gibt es nicht. Vorurteilsfreie, interesselos aufbereitete Daten genauso wenig. Das könnte sich jetzt ändern.

Es sieht so aus, als müssten die Manager alter Schule, denen die persönliche Zugehörigkeit zum Old-Boys-Club der Deutschland AG wichtiger war als der tatsächliche Unternehmenserfolg, demnächst abtreten. Denn die nerdigen Controller mit Ärmelschoner und Nickelbrille, die den coolen Superhelden auf C-Level rhetorisch selten gewachsen waren, werden neuerdings von eiskalten Business-Terminatoren unterstützt. Blockchain heißt ihre Geheimwaffe.

Dank „Advanced Analytics“ gibt es plötzlich völlige Transparenz. In Echtzeit. Und zwar nicht nur für die Entscheidungsträger auf den Topetagen selbst, sondern auch für deren Kontrolleure. Aufsichtsräte und Aktionäre bekommen nicht erst einen Reportingzyklus später Einblick in unternehmensrelevante Fakten, auch nicht erst im nächsten Geschäftsbericht der in vielen, vielen Runden abgestimmt und optimiert wird – sondern sofort.

Hatte beispielsweise ein Supermarktmanager bisher Informationen über den Kundenverkehr vor Ort exklusiv, meldete er den Tagesumsatz am Abend weiter, und dann wanderten die Informationen durch einen wie auch immer gestalteten Umwandlungskanal, bis sie in aggregierter Form bei den Entscheidern ankamen – ganz zu schweigen von Aufsichtsräten oder Investoren.

Weil auf diese Weise entscheidende Zeit für Korrekturen verloren geht, werten schon heute einzelne Hedgefonds-Manager täglich Satellitenfotos von Supermarktparkplätzen aus, um weit vor irgendwelchen Analysten-Calls den Kundenverkehr und damit auch den Umsatz voraussagen zu können. Warum auch nicht?

Über die detaillierte und sofortige Verfügbarkeit von Daten wird meist nur im Zusammenhang von Skandalen oder im Hinblick auf die DSGVO gesprochen. Als relevanten Wirtschaftsfaktor haben derlei jedoch erst wenige erkannt. Die aber richtig: Ein Händler wie Amazon vertraute Algorithmen und Analytics von Anfang an und baut konsequent auch seinen Offline-Shop mitten in Seattle darauf auf. Dort weiß mein Smartphone, dass ich ein Produkt aus dem Regal genommen habe, bevor ich den Laden verlasse – und in derselben Sekunde Null beginnt sowohl der Finanz-, als auch der Einkaufs- und Logistikprozess zu laufen.

Schnelles Wissen ist schnellere Macht. Ein Wettbewerbsvorteil, auf den bald niemand mehr verzichten wird. Mit der Blockchain-Technologie lassen sich die Daten standardisiert, unveränderbar und vollständig zu einem perfekten Datenpool bündeln, auf den Kontrolleure und Investoren zugreifen und den sie für ihre individuell komplexen Auswertungen nutzen können. Es entsteht in Echtzeit ein unverfälschtes Bild der Unternehmenswirklichkeit – billiger und schneller als alle noch so professionellen Controlling-Teams dieses erstellen könnten.

In naher Zukunft werden wir eine erfrischende Sachlichkeit in der Diskussion und eine neue Entschlossenheit im Management erleben. Eine Situation ist interpretierbar, aber nicht erfindbar. Der Blick in die Zukunft wird um statistische Validität ergänzt und macht Planungen breiter, genauer und flexibler möglich.

Im Ergebnis werden Entscheidung mutiger und besser. Gremien werden – statt wie bisher im Blindflug – künftig quasi GPS-gesteuert über den Business-Atlantik segeln. Wissens- und Deutungshoheit fällt als Element der Macht weg. Stattdessen entsteht Raum für einen Dialog und menschliche Begegnung. Angst vor der neuen Blockchain-Technologie wird man sich bald genauso wenig vorstellen können wie Angst vor der Eisenbahn.

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