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Dax-Unternehmen Die Meuterei fällt aus

Aktionäre bei der Hauptversammlung der Deutschen Bank. Quelle: dpa

Bei Abstimmungen auf Hauptversammlungen kommen Anträge der Verwaltung immer noch mit nahezu sozialistisch anmutenden Mehrheiten durch, belegt eine neue Studie. Selbst dann, wenn es um unverschämt hohe Boni geht. Warum Großinvestoren immer abnicken, was ihnen Vorstände vorlegen.

An Krisen und Skandalen mangelt es bei Unternehmen nicht: Dieselskandal bei VW und Daimler, Milliardenschäden durch ausgeflippte Investmentbanker bei der Deutschen Bank, Insiderhandel bei der Deutschen Börse und bei ganz vielen exorbitant hohe Vorstandsgehälter. Und trotzdem nicken Großaktionäre, vor allem Fonds brav ab, was Vorstände und deren nur mäßig kontrollierende Aufsichtsräte zur Abstimmung stellen: „Vorstände und Aufsichtsräte werden insbesondere von institutionellen Anlegern nur selten unter Druck gesetzt,“ sagt Kai Lehmann, Wissenschaftler beim  vom gleichnamigen Vermögensverwalter getragenen Flossbach von Storch Research Instituts. Er hat die Hauptversammlungen der DAX-30 Unternehmen für die Jahre 2005 bis 2018 untersucht. Ergebnis: Hauptversammlungen seien für  Vorstände und Aufsichtsräte in aller Regel „Wohlfühlveranstaltungen“.

Positiv hebt die Studie hervor, dass immer mehr Aktionäre zur Hauptversammlung kommen. Waren 2004 im Schnitt nur 42 Prozent der Stimmrechte vertreten, lag diese Quote zuletzt bei 63 Prozent. Das liegt vor allem daran, dass Investoren sich zunehmend von großen Stimmrechtberatern beraten lassen und dann abstimmen.

Dass mehr Fonds jetzt abstimmen, ist erst mal gut, ebenso wie eine hohe Wahlbeteiligung in der Demokratie. Nur so lassen sich, schreibt Lehmann, zufällige Mehrheiten bei Abstimmungen vermeiden.

Der Haken an der Sache: Die Fonds lassen sich zwar kompetent beraten – die Kosten dafür tragen die Anleger – wagen aber trotzdem kaum Opposition. Beim Reizthema Vorstandsvergütung etwa stimmten in der Hauptversammlungssaison 2018 rund 82 Prozent der Anleger dem Vorschlag des Unternehmens zu. 2016 und 2017, als alle Welt sich über die Boni von Ex-VW-Chef Martin Winterkorn & Co. aufregte, lag die Quote mal niedriger, in den Vorjahren dafür deutlich höher. Bei den Dax-Unternehmen gab es bis heute erst fünf Fälle, in denen es zu einer Ablehnung des bestehenden Vergütungssystems kam. Lehmann: „Dies verwundert, ob der in der Öffentlichkeit nach wie vor zuweilen recht hitzig geführten Debatte um die richtige Ausgestaltung von Managergehältern.“

Während bei Abstimmungen über Vergütung immerhin noch 18 Prozent der Aktionäre nicht mit „ja“ votierten, kommen in den anderen wichtigen Themenbereichen, über die abgestimmt wird sozialistisch anmutende Mehrheiten zustande. Vorschläge zur Verwendung des Gewinns, hier geht es in der Regel um die Höhe der Dividende, bekommen seit 2005 regelmäßig  98 bis 99 Prozent Zustimmung. Das gleiche gilt für die Entlastung des Vorstands, ebenfalls 98 bis 99 Prozent bis 2017.

Im gesamten Zeitraum, schreibt Lehmann, war einzig und allein eine Nicht-Entlastung eines Vorstandes zu beobachten: Die des mittlerweile zurückgetretenen CEOs der Deutschen Börse, Carsten Kengeter, in dessen Fall sich auf der Hauptversammlung 2018 lediglich 24% für eine Entlastung aussprachen. Kengeter, verdächtig des Insiderhandels, drückte den Schnitt 2018 auf 96,5 Prozent. Der Dieselskandal kümmerte Anlegern dagegen nicht: „Trotz der offenkundig gewordenen Probleme konnten die Gremien auf der Hauptversammlung 2016 Zustimmungsquoten von jeweils 97,7 Prozent erzielen. Seitdem nähern sich die Werte gar wieder der 100 Prozent Marke an,“ hat Lehmann bei VW beobachtet: „Ein Abstrafen oder gar eine Meuterei seitens der Anleger sehen wahrlich anders aus.“

Warum Investoren so brav abstimmen, kann mehrere Gründe haben: Manche Probleme, die die Öffentlichkeit bewegen, sind ihnen schlicht egal – Hauptsache, der Kurs stimmt. In anderen Fällen ist ihnen wohl der Aufwand zu hoch: Wer abnickt, muss sich nicht groß vorbereiten. Opposition aber muss begründet werden, und da steht manchmal der Aufwand nicht im Verhältnis zum Ertrag. Einen Hoffnungsschimmer, immerhin, können Anleger in Brüssel ausmachen: 2019 muss die EU-Aktionärsrechterichtlinie umgesetzt werden. Die fordert ein höhere Engagement bei der Mitbestimmung und zwingt Großinvestoren zu veröffentlichen, wie sie abgestimmt haben. Vielleicht, können Anleger nur hoffen, kommt es dann zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit Abstimmungsthemen.

Die umstrittensten Managergehälter
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